In der Bewältigung der durch Covid-19 ausgelösten Krise spielt das Österreichische Rote Kreuz (ÖRK) eine wichtige Rolle. In Koordination mit der Bundesregierung betreibt das ÖRK eine Infokampagne unter dem Motto "Schau auf dich, schau auf mich", um das Risikobewusstsein in der Bevölkerung zu erhöhen. Wichtig ist auch, dass das ÖRK die Funktionen aufrechterhält, die es auch außerhalb von Krisenzeiten erfüllt: die Betreuung von Pflegebedürftigen und vulnerablen Personen, die Zustellung von Essen und medizinischen Produkten und das Sammeln von Blutspenden.

Die humanitäre Tätigkeit des ÖRK reicht weit zurück: Es wurde heuer im März 140 Jahre alt. Dies scheint das ÖRK selbst ein bisschen vergessen zu haben. Im Unterschied zu anderen Rot-Kreuz-Gesellschaften hat es kein großes Geschichtsbewusstsein. Auch Historiker haben sich dieser Institution bisher kaum angenommen. Aber ein Blick auf die Geschichte der Institution zeigt, wie sich die in der momentanen Krise so wichtigen Funktionen des ÖRK über die Jahrzehnte herausgebildet haben. Mehrmals in seiner Geschichte hatte es mit Epidemien zu tun.

Henry Dunant und die Schlacht von Solferino

Autor Lukas Schemper.  - © privat
Autor Lukas Schemper.  - © privat

Die Rot-Kreuz-Bewegung entstand im 19. Jahrhundert in einem Kontext vermehrten humanitären Engagements der wohlhabenden oder gebildeten Gesellschaftsschichten. Die neue humanitäre Sensibilität betraf zunächst Menschen, die auf Grund ihres Zustandes oder ihrer Umgebung Hilfe benötigten, wie Sklaven, Geisteskranke oder Häftlinge. Nach und nach kümmerte man sich jedoch auch um Menschen, die wegen negativer Ereignisse wie Unfälle, Krieg, Epidemien oder anderer Katastrophen in unglückliche Lagen gerieten. Was Kriege betraf, so vergrößerte sich im 19. Jahrhundert das Leid durch neue industrielle Waffenentwicklungen und das Aufkommen von Materialschlachten. Auch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in vielen Ländern änderte die Kriegsführung und griff vermehrt in die Gesellschaft ein. Dies war ein Problem, das viele Staaten betraf, auch wenn sie sich feindlich gegenüberstanden. Daher bot sich eine internationale Kooperation an.

Einer, der sich darüber Gedanken machte, war der Genfer Geschäftsmann Henry Dunant, der Zeuge der blutigen Schlacht von Solferino im Jahre 1859 wurde, bei der das Kaisertum Österreich gegen das Königreich Sardinien und dessen Verbündeten Frankreich verlor. Dunant versorgte selbstlos mit Hilfe der Zivilbevölkerung eine große Anzahl von Verwundeten Soldaten – von denen viele einfach am Schlachtfeld zurückgelassen wurden. Unter diesem Eindruck schrieb Dunant den Bestseller "Eine Erinnerung an Solferino", in dem er vorschlug, dass freiwillige Hilfsgesellschaften – heute würde man "NGOs" sagen – gegründet werden sollten, um verwundete Soldaten zu versorgen. Neue, internationale humanitäre Prinzipien sollten diesen NGOs als Grundlagen dienen. Dies wurde dann auch auf zwei internationalen Konferenzen in Genf (1863/64) beschlossen, der Geburtsstunde der Genfer Konvention und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz.

Das Rote Kreuz war keine pazifistische Organisation

Längst gibt es auch den Roten Halbmond. - © APAweb / AFP
Längst gibt es auch den Roten Halbmond. - © APAweb / AFP

Dies ist die hagiographische Geschichte, auf die sich die meisten Rot-Kreuz-Gesellschaften noch heute berufen. Dabei wird oft ignoriert, dass Dunant durchaus Bewunderung für die Heldenhaftigkeit des Krieges zeigte. Eine pazifistische Organisation war das Rote Kreuz nicht. Der Krieg sollte lediglich zivilisiert werden. Die bekannte Krankenschwester Florence Nightingale kritisierte zudem, dass es nicht die Pflicht freiwilliger Helfer, sondern von Regierungen wäre, sich um Verwundete zu kümmern. Der französische Apotheker Henry Arrault bezichtigte Dunant mit seiner Rot-Kreuz-Idee gar des Plagiats. In der Tat war Dunants Idee für die Zeit nicht besonders originell, jedoch verfügte der Genfer über die notwendige Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und die Vernetzung mit den sozialen und politischen Eliten der Zeit, um seinen Plan umzusetzen.

Karl Freiherr von Tinti, erster Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes (1880 bis 1884). - © Österreichische Gesellschaft vom Roten Kreuze. Gedenkschrift 1930
Karl Freiherr von Tinti, erster Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes (1880 bis 1884). - © Österreichische Gesellschaft vom Roten Kreuze. Gedenkschrift 1930

Auch in Österreich gab es bereits vor dem Roten Kreuz Versuche, bei Kampfhandlungen freiwillige medizinische Hilfe zu leisten. Im Zuge des Sardinischen Krieges von 1859 gründete Carl Gundaccar Freiherr von Suttner in Wien einen ersten "Patriotischen Hilfsverein" mit Zweigvereinen in den einzelnen Kronländern, die auch im Krieg gegen Dänemark 1864 und Preußen 1866 aktiv wurden. Nach der Unterzeichnung der Genfer Konvention durch das Kaisertum Österreich 1866 sollten die bestehenden Zweigvereine, darunter auch Frauenhilfsvereine, als erste österreichische Rot-Kreuz-Gesellschaft zusammengeschlossen werden. Der ungarische Hilfsverein weigerte sich jedoch beizutreten, was durch den Ausgleich 1867, durch den Ungarn innenpolitisch unabhängig wurde, auch möglich gemacht wurde. Erst am 14. März 1880 wurde das Österreichisches Rotes Kreuz, daher ausschließlich für die westliche Reichshälfte gegründet.

Der Begründer der Rot-Kreuz-Bewegung, Henri Dunant, hegte durchaus eine gewisse Kriegsheldenverehrung. Ihm wurde auch Plagiat vorgeworfen. - © http://www.redcross.int/en/history/not_dunant.asp
Der Begründer der Rot-Kreuz-Bewegung, Henri Dunant, hegte durchaus eine gewisse Kriegsheldenverehrung. Ihm wurde auch Plagiat vorgeworfen. - © http://www.redcross.int/en/history/not_dunant.asp

Der erste Präsident des ÖRK war Karl Freiherr von Tinti, der bereits im ersten Patriotischen Hilfsverein von 1859 aktiv war. Das Protektorat über das ÖRK übernahmen Kaiser Franz Joseph I. und seine Gattin Elisabeth, was die Stellung der Organisation aufwertete. Ungarn behielt sein eigenes Rotes Kreuz. Dabei gab es durchaus Kooperationen zwischen den beiden Gesellschaften, wie die Investition in gemeinsame Ausrüstung und gemeinsame Einsätze bei Überschwemmungen in Tirol und der Steiermark 1882 verdeutlichen. Diese Einsätze zeigen bereits, dass sich das Aufgabenfeld der ÖRK bald auf Friedenseinsätze ausgeweitert hatte, obwohl dies ursprünglich nicht vorgesehen war. 1892 bat das Innenministerium das ÖRK, beim Kampf gegen Choleraepidemien in Galizien und der Bukowina zu helfen. Das ÖRK richtete um die Jahrhundertwende in verschiedensten Städten der Monarchie nun auch präventiv für den Katastrophenfall Notstandsdepots mit Spitalsmaterial, mobilen Baracken und Desinfektionsmitteln ein. Diese kamen dann auch etwa bei Flecktyphusepidemie in Böhmen und Schlesien oder einer Blatternepidemie in der Nähe von Triest zum Einsatz. Eine umfangreiche Hilfsfaktion startete das ÖRK auch nach einem schweren Erdbeben 1895 in Laibach: In 27 Baracken wurde ein Notspital mit 550 Betten errichtet.

Wappen der Österreichischen Gesellschaft vom Roten Kreuz zur Zeit der Monarchie. - © Archiv
Wappen der Österreichischen Gesellschaft vom Roten Kreuz zur Zeit der Monarchie. - © Archiv

Erstes Rettungsschiff für den Kriegsfall

Dies soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass der eigentliche Zweck des ÖRK die Unterstützung im Kriegsfall war. 1885 startete das ÖRK beispielsweise eine internationale Hilfsaktion im Serbisch-Bulgarischen Krieg. 1897 schickte das ÖRK eine medizinische Mission nach Konstantinopel um während des Türkisch-Griechischen Krieges zu helfen. Das ÖRK war sogar die erste Rot-Kreuz-Gesellschaft weltweit, die ein Rettungsschiff (in Triest) für den Kriegsfall ausrüstete. Der Hauptfokus der Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg – wie auch in anderen Ländern mit Ausnahme der USA – lag in der Vorbereitung auf den Kriegsfall und der patriotischen Unterstützung der militärischen Sanitätsdienste. Eine Idee, die ursprünglich der Förderung der Zivilisation und Humanität in Europa dienen sollte, wurde bald für die Förderung von nationalem Patriotismus missbraucht. Selbst Katastropheneinsätze in Friedenszeiten wurden als Übungen für den kriegerischen Ernstfall angesehen.

Im Ersten Weltkrieg spielte das ÖRK folglich auch eine wichtige Rolle - die wahrscheinlich am besten bekannt ist: Es kümmerte sich im Laufe des Krieges um über 1,3 Millionen Soldaten in 876 medizinischen Einheiten. Rot-Kreuz-Konvois transportierten über acht Millionen Verwundete und Kranke. Auch im Krieg war die Bekämpfung von Epidemien ein wichtiger Bestandteil. Dazu wurden mobile Desinfektionsstationen, Epidemiespitäler und Epidemielaboratorien verwendet. Mit diesen Laboratorien konnten in den Kriegsjahren mehrere 100.000 Untersuchungen in kürzester Zeit durchgeführt werden.

Patriotischer Aufruf im Juli 1914 an die Bewohner Tirols, Mitglied beim Roten Kreuz zu werden. - © ÖNB
Patriotischer Aufruf im Juli 1914 an die Bewohner Tirols, Mitglied beim Roten Kreuz zu werden. - © ÖNB

Umorientierung nach dem Ersten Weltkrieg

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es beim ÖRK zu einer Umorientierung. Einerseits verbot der Friedensvertrag von Saint Germain jegliche Kriegsvorbereitung, womit sich der Zweck des ÖRK änderte. Das ÖRK sah sich sogar mit einer gewissen Ablehnung in der Bevölkerung konfrontiert, die der Auffassung war, dass mit dem Ende des Krieges auch das Rote Kreuz seine Existenzberechtigung verloren hatte. Die humanitären Folgen des Krieges waren in Österreich jedoch bitter zu spüren und das ÖRK konnte hier mit Nahrung, Kleidung, und medizinischer Versorgung aushelfen – mit der Unterstützung von ausländischen Hilfskomitees, die sich vor allem in den USA gebildet hatten. Das ÖRK engagierte sich besonders in der Frage der Repatriierung ehemaliger Kriegsgefangener und in der Bekämpfung der Tuberkulose mit der Errichtung von Volksheilstätten, davon eine besonders wichtige in Grimmenstein.

Andererseits gab es auch innerhalb der Internationalen Rot-Kreuz-Bewegung ein Umdenken: selbst die Rot-Kreuz Gesellschaften der Gewinnerstaaten mussten sich überlegen, was sie mit aus dem Krieg übrig geblieben Mittel anstellen sollten. Die humanitären Folgen des Krieges waren durch Seuchen und Hungersnöten och lange zu spüren. Dies führte zur Gründung einer neuen Internationalen Rot-Kreuz-Organisation, der heutigen Internationalen Föderation der Rot-Kreuz- und Rot-Halbmond-Gesellschaften, die sich vor allem um sanitäre Krisen kümmern wollte. Diese positionierte sich vorübergehend zu einer Gegenorganisation des Internationalen Komitees, das sich gegen eine Umwandlung des Roten Kreuzes in eine internationale Wohlfahrtsorganisation aussprach. So kam es fast zu einer Spaltung innerhalb der Rot-Kreuz Bewegung.

Rot-Kreuz-Schwester auf dem Titelblatt der "Wiener Mode" (1914). - © "Wiener Mode" 1914
Rot-Kreuz-Schwester auf dem Titelblatt der "Wiener Mode" (1914). - © "Wiener Mode" 1914

Der Streit wurde im Laufe der 1920er Jahre jedoch beigelegt und es bildete sich eine klare Aufgabenteilung heraus, infolge derer sich das Internationale Komitee um Hilfe im Krieg und die Internationale Föderation um Aktivitäten des Roten Kreuzes in Friedenzeiten kümmern sollten. Das ÖRK trat der Föderation 1921 bei und betätigte sich vermehrt im Wohlfahrtsbereich. Ein besonderes Bestreben war es die freiwilligen Rettungsgesellschaften, vor allem am Land, zu vereinen und nach den Grundsätzen des Roten Kreuzes auszubilden. Im Jahr 1937 zählte der Landesverein für Wien, Niederösterreich und das Burgenland bereits über 1100 Rettungsstellen mit über 90 Ambulanzwägen. Wieder kam es auch zu Einsätzen zur Epidemiebekämpfung, zum Beispiel infolge einer Diphterie-Epidemie in Bruck/Mur 1930.

Kompletter Bruch 1938

Ein kompletter Bruch dieser Politik passierte durch die Eingliederung des ÖRK in das Deutsche Rote Kreuz (DRK) durch den "Anschluss" 1938. Als der geschäftsführende DRK-Präsident Ernst Robert Grawitz im Zuge des Einmarsches das ÖRK besuchte, berichtete er anschließend nach Berlin, dass die Leitung des ÖRK untragbar wäre. Im Vorstand der Gesellschaft befänden sich mehrere "Volljuden, die gleichzeitig Freimaurer sind". Der Präsident des ÖRK, der ehemalige österreichische Ministerpräsident und Präsident des Obersten Rechnungshofs Max Vladimir von Beck, selbst sei Philosemit, freimaurerisch eingestellt und Monarchist. Beck und sein jüdischer Sanitätschef, der Arzt Dr. Isidor Lamberger, traten nach dem Treffen mit Grawitz sofort zurück. Das ÖRK wurde in das DRK eingegliedert und alle Planung auf den bevorstehenden Einsatz im Krieg ausgerichtet.

Das Amerikanische Rote Kreuz übergibt 1946 auf dem Wiener Rathausplatz Rettungsautos und Lastkraftwagen an das Österreichische Rotes Kreuz . - © ÖNB
Das Amerikanische Rote Kreuz übergibt 1946 auf dem Wiener Rathausplatz Rettungsautos und Lastkraftwagen an das Österreichische Rotes Kreuz . - © ÖNB

Im Krieg zeigte sich die Bedeutung des Roten Kreuzes besonders in der Leistung von Hilfe für Kriegsgefangene. Das DRK stellte internationale Hilfe im Dritten Reich nahezu komplett ein. Ideologisch wäre dies schwer vereinbar gewesen. Die Rolle des DRK im Nationalsozialismus generell - das Ausschließen jüdischer Mitglieder und die Kooperation beim Vertuschen tatsächlicher Verhältnisse in den Konzentrationslagern - wurde bereits historisch aufgearbeitet, nicht aber die Rolle der Rot-Kreuz Landesstellen im angeschlossenen Österreich.

Hilfslieferungdes Österreichischen Roten Kreuzes für Flüchtlinge aus Ungarn (1956). 
- © ÖNB / Hilscher

Hilfslieferungdes Österreichischen Roten Kreuzes für Flüchtlinge aus Ungarn (1956).

- © ÖNB / Hilscher

Größte private Hilfsorganisation Österreichs

Schon im Sommer 1945 konnte sich das ÖRK wieder konstituieren. In den ersten Jahren nach dem Krieg war das ÖRK von der Unterstützung von amerikanischen, britischen, kanadischen und schwedischen Rot-Kreuz-Gesellschaften abhängig, bald aber etablierte es sich wieder als die größte private Hilfsorganisation in Österreich. In der Frühphase nach 1945 kümmerte sich das ÖRK vor allem um aus Gefangenschaft zurückkehrende Soldaten und durch den Krieg entstandene Flüchtlinge. Einer der größten Einsätze des ÖRK entstand beim Ungarischen Volksaufstand in den Jahren 1956/57: unterstützt durch internationale Hilfe versorgte das ÖRK bis zu 180 000 Flüchtlinge. Von 44 Flüchtlingslagern in Österreich wurden sieben vom ÖRK und die restlichen von zwölf anderen ausländischen Rot-Kreuzgesellschaften betreut. Mit 650 000 betreuten Flüchtlingen während der Flüchtlingswelle von 2015 zeigte sich erneut, welche wichtige Rolle das ÖRK in dieser Thematik spielt. In den letzten Jahrzehnten baute das ÖRK seinen Katastrophendienst aus und steuerte in nahezu allen größeren humanitären Katastrophen Hilfe bei. 2019 gab das ÖRK über 19 Millionen Euro für internationale Zusammenarbeit aus.

In Österreich selbst wurde das ÖRK ein nicht wegzudenkender Akteur im Gesundheits- und Sozialdienst. Dies zeigt sich auch in der jetzigen Covid-19 Situation. Seit 1947 begann das ÖRK wie auch Rotkreuzgesellschaften in anderen Ländern einen Blutspendedienst aufzubauen. Anders als in der Zwischenkriegszeit oder nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Beseitigung materieller Not nun bald nicht mehr im Vordergrund. Der gesellschaftliche Wandel – von Groß- zu Kleinfamilien, die steigende Berufstätigkeit der Frau, eine Zunahme an hilfsbedürftigen und alten Menschen – ließ das ÖRK vermehrt in der Hauskrankenpflege tätig werden. Dies ist eine Tätigkeit, die auch in der derzeitigen Krise von besonderer Wichtigkeit ist. Vulnerable Menschen sind in Katastrophenzeiten besonders betroffen.