Seit Tagen bewegt sich die Wachstumskurve der Corona-Fälle deutlich unter fünf Prozent, sie ist stabil, ebenso die Zahl der hospitalisierten Erkrankten. "Das ist ein wirklicher Erfolg", sagt Gesundheitsminister Rudolf Anschober, ergänzt aber: "Es ist nur die erste Etappe, nicht das Endergebnis." Anschober bat die Bevölkerung eindringlich, am Osterwochenende "nichts zu riskieren. Bleiben Sie zum Abschluss der ersten Phase konsequent".

Ab Dienstag werden Geschäfte (bis 400 m2) wieder öffnen, die Verordnung dazu wurde bereits am Freitag erlassen. Und es wird auch möglich sein, wieder öffentliche Verkehrsmittel für Freizeitzwecke zu nutzen. Allerdings verpflichtend mit Maske wie auch beim Einkaufen. Der Dienstag wird also die zweite Phase einläuten. Es wird der langsame und schrittweise Weg zurück zu einer neuen Normalität.

Österreich ist das erste Land in Europa, dass einige zur Epidemiekontrolle gesetzte Maßnahmen wieder aufhebt. Erfahrungen über die Auswirkungen gibt es nicht. Die Regierung setzt auf eine möglichst genaue Kontrolle, doch es gibt eine grundsätzliche Schwierigkeit dabei. Wenn sich überhaupt Symptome zeigen, dann erst einige Tage nach der Ansteckung. Weitere Zeit vergeht mit dem Test und dessen Auswertung. Daher würde sich ein erneuter Anstieg der Covid-Fälle erst verspätet in der Statistik niederschlagen.

Bei der Spitalsbettenbelegung wird ein leichter Rückgang erwartet.

"Unser Kontaktpersonenmanagement muss schneller werden", sagt Anschober. Das heißt, es soll schneller getestet werden. Auch das (verbesserte) Rote-Kreuz-App, das automatisch und digital Kontakte aufzeichnet, kann dabei helfen. Die neue Test-Strategie der Regierung sieht zudem intensivere Zielgruppentestungen in sensiblen Bereichen vor, das sind Krankenhäuser, Pflegeheime und Supermärkte. Vor allem auf die Pflege wird besonderes Augenmerk gelegt. Künftig werden auch die mobilen Dienste verstärkt getestet.

Schrittweise soll es auch zu einem Hochfahren der Regelversorgung kommen und verschobene Operationen wieder stattfinden. Der Fokus auf Covid hat dazu geführt, dass es im Spital und auch im niedergelassenen Bereich zu einem Rückgang der Inanspruchnahme von medizinischen Behandlungen gekommen ist. Der von Kardiologen registrierte Rückgang von Herzinfarkten um 40 Prozent, mag wie eine gute Nachricht klingen, dahinter könnten aber viele nicht behandelte Infarkte liegen, weil sich die Betroffenen nicht in die Spitäler wagten. Das wäre kontraproduktiv und würde die Sterblichkeit dieser Patienten negativ beeinflussen.

Spitäler sollen sich vermehrt Nicht-Covid-Fällen widmen

Die Krankenhäuser sollen nun wieder mehr akute Nicht-Covid-Patienten behandeln. "Das ist restriktiv gehandhabt worden, wir brauchten die Reserven", sagt Anschober. Derzeit sind aber allein 20.000 Betten nur für Covid-Patienten frei, und die Modellierungen gehen von keinem Anstieg der hospitalisierten Corona-Fälle aus.

Am Freitag waren offiziell etwas mehr als 7000 Personen aktiv infiziert. Eine Prävalenz-Studie des Meinungsforschungsinstituts Sora hat auch erste Hinweise auf die tatsächliche Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Personen gebracht. Nach einer Zufallstestung von 1544 Personen wurde diese mit 28.500 angegeben. Dies zu einem Zeitpunkt, als 8500 Menschen aktiv infiziert waren.

Bei der Studie wurden ausschließlich sogenannte PCR-Tests verwendet (Rachen-Abstrich). Diese können nur aktive Infektionen detektieren, keine vergangenen. Dafür wären Antikörpertests notwendig, die auch zukünftig zum Einsatz kommen werden, um die Immunität in der Bevölkerung zu messen. Es gibt zwar bereits zahlreiche solcher Tests auf dem Markt, sie sind jedoch noch nicht genau genug. Die Fehleranfälligkeit würde zu groben Verzerrungen führen.

Eine erste Schätzung

Daher kann die Sora-Studie aber auch nicht als Beleg für die Dunkelziffer aller bereits Infizierten herangezogen werden, sondern eben die für eine Schätzung der derzeit aktiven Erkrankungen. Die Bandbreite ist zudem hoch. Sora gibt ein Intervall von 10.012 bis 67.400 Corona-Fällen an, die 28.500 sind demnach das wahrscheinlichste Ergebnis.

"Wir dürfen uns nicht selbst täuschen. Der Eisberg ist größer als gedacht", sagte Minister Fassmann bei der Präsentation der Zahlen. - © APA web / Herbert Pfarrhofer
"Wir dürfen uns nicht selbst täuschen. Der Eisberg ist größer als gedacht", sagte Minister Fassmann bei der Präsentation der Zahlen. - © APA web / Herbert Pfarrhofer

Da anzunehmen ist, dass sich das Coronavirus aber nicht gleichmäßig in Österreich verteilt hat und etwa in Ischgl viel mehr Personen erkrankt sind und waren als etwa im Waldviertel, sind die Zahlen auch mit Vorsicht zu konsumieren. Sie sind eine erste Schätzung, eine weitere Testung soll noch im April erfolgen, und zwar repräsentativ ausgewählt durch die Statistik Austria. "Wir sind noch in einer sensiblen Phase", sagte Wissenschaftsminister Heinz Faßmann. Laut der Sora-Studie wären zum Zeitpunkt der Testung 0,33 Prozent der Menschen in Österreich mit dem Virus infiziert gewesen.

Die Ergebnisse des Coronavirus-Stichprobentests

In Deutschland wurde am Donnerstag eine erste Stichproben-Untersuchung  präsentiert. Im stark betroffenen Bezirk Heinsberg wurden auch bereits Antikörpertests eingesetzt. Ein Prozent waren demnach zum Zeitpunkt der Studie aktiv infiziert, bereits 14 Prozent der Bevölkerung hatten die Erkrankung bereits hinter sich und wiesen Antikörper auf.  (sir)