Corona – das bedeutet Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und die Überforderung zahlreicher gesellschaftlicher Strukturen. Vieles steht still, lebenswichtige Dienste drohen zusammenzubrechen. Eine Situation, die ohne freiwillige Helfer nicht bewältigbar ist. So haben sich in Österreich gleich zu Beginn der Krise mehr als tausend ehemalige Zivildiener freiwillig zum Einsatz gemeldet. Parallel dazu sind überall spontan organisierte Initiativen entstanden - etwa, um alleinstehenden älteren Menschen den Einkauf abzunehmen oder den Hund eines Quarantäne-Patienten spazieren zu führen. Und in Großbritannien erklärten sich Ende März unglaubliche 400.000 Menschen an einem einzigen Tag bereit, den staatlichen Gesundheitsdienst NHS aktiv zu unterstützen. Sie lieferten Essen und Medikamente aus, brachten Patienten ins Spital und telefonierten mit isolierten Menschen. Pensionierte Ärzte, Krankenschwestern und Apotheker erklärten sich trotz beträchtlicher Gefährdung der eigenen Gesundheit bereit, ihren Beruf wieder aufzunehmen.

Ohne freiwillige Helfer sind Krisensituationen wie die Corona-Pandemie kaum zu überstehen. Bereits im November 2019 fand unter dem Titel "Ehrenamt und Freiwilligkeit – Lust – Last – Pflicht -Berufung?" ein Symposion in der Diplomatischen Akademie statt, das jetzt in Buchform erschienen ist. "Mut statt Wut" heißt der von Maria und Michael Dippelreiter herausgegebene und im Wieser-Verlag erschienene Band. Darin geht es um generelle Aspekte des Ehrenamtes und um die einzelnen Bereiche, in denen Menschen ihre Freizeit opfern, um im Sinn des Allgemeinwohls tätig zu sein – von der Freiwilligen Feuerwehr über den Bergrettungsdienst bis zur Sozialarbeit.

Land der "Vereinsmeier"

Für Emil Brix, Direktor der Diplomatischen Akademie, ist diese Form der Betätigung "das entscheidende Kriterium einer von den Bürgern getragenen Gesellschaft". Wobei Österreich, wo Vater Staat traditionell eine wichtige Rolle zukommt und vieles an die Obrigkeit delegiert wird, im Bereich des freiwilligen Engagements einen Spitzenplatz einnimmt. Das Bedürfnis nach einem selbstbestimmten Ausgleich zum behördlich organisierten Alltag scheint hierzulande groß. Sind in Europa zwischen 92 und 94 Millionen Menschen ehrenamtlich tätig – rund 23 Prozent der Gesamtbevölkerung, sind es in Österreich 3,5 Millionen Menschen oder 46 Prozent aller Bürger. Allein im Katastrophen-, Hilfs- und Rettungsdienst sind 360.000 Freiwillige organisiert, rund 288.000 sind es im Bereich Soziales und Gesundheit.

Ein Umstand, der dem Staat viel Geld erspart, wie Karl Wilfing, Präsident des niederösterreichischen Landtages, in seinem Beitrag nachrechnet. Geht man davon aus, dass sich jeder Freiwillige 3,8 Stunden pro Woche betätigt und legt man einen Stundesatz von 15,5 Euro zugrunde, dann erspart sich Österreichs Finanzminister - vor allem aber der Steuerzahler - 10,7 Milliarden Euro an Kosten pro Jahr.

 Österreich – ein Land der Vereinsmeier. Das gereicht zum Wohl aller – und hat vor allem Tradition. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schossen unter dem Motto "Hilfe zur Selbsthilfe" Genossenschaften, Sparkassen und soziale Wohlfahrtsvereine aus dem Boden. Eine Entwicklung, die mit dem Staatsgrundgesetz von 1867 einherging, mit dem unter anderem die Vereinsfreiheit geregelt wurde. Eine Entwicklung, die laut Wilfing als "Kern des modernen zivilgesellschaftlichen Österreichs" gesehen werden kann.Und die zur Krisenresistenz des Landes maßgeblich beigetragen hat.

Buchtipp: Maria Dippelreiter/ Michael Dippelreiter (Hg.) Mut statt Wut: Ehrenamt, Freiwilligkeit und bürgerschaftliches Engagement als Handlungsfeld zwischen Staat und Zivilgesellschaft. 2020 im Wieser Verlag erschienen, 20 Euro.