So sieht dieses Zimmer normalerweise niemand. Lange Tafel, edler Teppich, Luster an der Decke. Aber wo sonst Bankette prominenter Schauspieler und exklusive Feiern stattfinden, sind heute die tapezierten Sessel gestapelt, die man vorne im Café nicht braucht. Denn wie hinten im Salon Metternich, auch in den vorderen Gasträumen: Stühle mit Sitzflächen auf Tischplatten, die Füße ragen spitz nach oben wie ein Fanal.

"Das Bild ist schon betrüblich", sagt Reiner Heilmann, seit 32 Jahren Direktor des Hotel Sacher. In wenigen Wochen wird er den prestigereichen Job an seinen Nachfolger übergeben. Seinen Abschied nach drei Jahrzehnten in Österreichs berühmtestem Hotel hätte er sich wohl anders vorgestellt. "Man ist auf Krisenfälle vorbereitet", sagt Heilmann: "Aber in anderen Dimensionen." Flugausfälle. Terroranschläge. Wirtschaftskrisen. All das haben die Erfahrenen der Branche irgendwo im Hinterkopf. Und meist auch schon erlebt. Aber ein Virus, das nicht nur die Kranken, sondern die ganze Welt lahmlegt? "9/11 war ein Schock", sagt der scheidende Direktor. Alle hätten die Bilder der Flugzeuge und der einstürzenden Türme gesehen. "Dieses Virus aber ist nicht sichtbar und nicht greifbar."

Kein "business as usual"

Vorne in der Roten Bar, wo sonst gut betuchte Gäste aus aller Welt um Plätze konkurrieren, hat man für die nötigen Abstände ein Drittel der Tische entfernt. Sie füllen sich ohnehin nur zaghaft mit Gästen. Die 152 Zimmer und Suiten sind bis auf einige Ausnahmen noch gänzlich leer. Aktuell werden durchschnittlich zehn bis 15 Zimmer pro Tag gebucht.

Dass man mit der Hotel-Öffnung nach acht Wochen Schließung bald auch nur annähernd zu "business as usual" zurückkehren könnte, darüber macht sich im so traditionsreichen Hotel Sacher niemand Illusionen. 92 Prozent der Gäste kommen aus dem Ausland, die meisten davon aus Deutschland, gefolgt von den USA. Und bis zu einer Normalisierung des transatlantischen Flugverkehrs wird es wohl nicht Monate, sondern Jahre dauern. Aktuell plant man in 14-Tage-Zeiträumen. Auf absehbare Zeit erwartet man höchstens ein Zehntel der sonst üblichen Gästezahlen.

Historische Außenansicht des Hotel Sacher. - © Hotel Sacher
Historische Außenansicht des Hotel Sacher. - © Hotel Sacher

Das gilt auch für den Rest der Branche. Für den Juni rechne man mit einer fünf- bis zehnprozentigen Auslastung. Um positiv zu bilanzieren, benötige man aber 77 Prozent, ließ der Wiener Hotellerie-Obmann Dominic Schmid kürzlich wissen. Die derzeit größte Hoffnung liegt auf der Grenzöffnung zu Deutschland mit 15. Juni. Denn in ganz Wien sind die deutschen Nachbarn die wichtigste Gästegruppe.

Bis zur Covid-19-Krise bot die Hauptstadt mehr als 67.000 Gästebetten auf, im Vorjahr gab es fast 18 Millionen Übernachtungen. Die Ausmaße des Einbruchs 2020 lassen sich noch nicht abschätzen. Denn niemand weiß, wie lange die Auswirkungen des Coronavirus noch andauern werden. Das Reiseaufkommen wird gerade im Städtetourismus aber zweifelsohne stark gehemmt bleiben, solange es keine Impfung gibt. Viele Hoteliers sperren dieser Tage mangels Rentabilität gar nicht erst auf. Eine gefürchtete "zweite Welle" könnte für bis zu einem Viertel von ihnen der ökonomische Todesstoß sein, fürchten Branchen-Insider.

Es wird geschraubt

Über eine existenzielle Bedrohung muss sich das Sacher mit seiner stattlichen Größe, seinen unzähligen prominenten Stammgästen und seiner weltberühmten Original Sachertorte als "Wahrzeichen" - rund 360.000 Stück davon werden jedes Jahr in alle Welt exportiert - wohl keine Sorgen machen. "Wir haben den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Anfang an klar kommuniziert, dass wir sie mittels Kurzarbeit alle halten möchten", sagt Direktor Heilmann, dunkelblauer Anzug, unprätentiöse Art, während er durch das Haus führt.

Es geht durch die noble Lobby mit ihren holzvertäfelten Wänden, roten Polstermöbeln und antiken Kunstwerken. Hinauf zur modernen Präsidentensuite im siebten Stock mit raumhohen Glasfenstern und atemberaubendem Blick über die Dächer der Stadt. In den Fluren dazwischen wird gebohrt und geschraubt. Die letzten Reparaturen, bevor die ersten Gäste einziehen. Zumindest für Instandhaltungsarbeiten lässt sich die Krise gut nützen.

Von allem anderen als Krisenzeiten zeugen indes die bekannten Gesichter an der "Wall of Fame". Fein säuberlich gerahmt hängen die Fotos der Künstler, Staatsoberhäupter und Promis, die hier genächtigt haben, an den Wänden. An den meisten ist nicht mehr viel Platz. Queen Elizabeth II. Luciano Pavarotti. Leonard Bernstein. Naomi Campbell. "Ich habe in den drei Jahrzehnten kaum jemanden kennengelernt, der so ein Schokoholic ist wie er", sagt Heilmann im Vorbeigehen und deutet auf ein Bild von Nicolas Cage. Der US-Schauspieler, ein häufiger Stammgast, habe meist zunächst seine Sachen im Zimmer abgelegt. "Dann ist er schon gekommen und hat gesagt: Jetzt brauche ich zuerst eine Torte, bevor ich weitermache."

Wirtschaftlich war es knapp

Das seit 1876 bestehende Hotel Sacher hat aber auch düstere Zeiten erlebt. Und auch sie würden ganze Bände so dicht beschrieben füllen wie die Gästebücher des Hauses. "Diese Wände könnten einiges erzählen", sagt Matthias Winkler, seit 2015 Geschäftsführer des Sacher, während er in einem Sessel der menschenleeren Lobby lehnt. "Wahrscheinlich ist gut, dass sie es nicht tun."

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Sacher als Quartier für Soldaten und Arbeitsstätte für Offiziere zweckentfremdet. In der Besatzungszeit fiel es zunächst in die Hände der Sowjets, dann der Briten. Erst sechs Jahre nach Kriegsende - und einer ausgiebigen Renovierung - wurde der reguläre Hotelbetrieb wieder aufgenommen.

Zuvor hatte das Haus schon den Ersten Weltkrieg, die Spanische-Grippe-Pandemie und die Zwischenkriegszeit inklusive Weltwirtschaftskrise und österreichischem Bürgerkrieg überstanden. Wirtschaftlich war es in diesen Zeiten öfter knapp. Einmal, noch unter der legendären Anna Sacher, war das Hotel bankrott. Und 2004 hielt man zwei Monate geschlossen, als das Hotel umgebaut und zwei Dachgeschosse aufgestockt wurden - das allerdings kalkuliert und sorgfältig vorgeplant.

Auch politische Krisen wie in Katar, den Ukraine-Konflikt und die Sanktionen gegen Russland habe man gespürt, sagt Winkler. Aber nichts im Vergleich zu Corona: "Ich erinnere mich noch an den Moment, als eine Kollegin mich anrief und sagte: In den letzten zwei, drei Stunden sind an die 400.000 Euro storniert worden", erzählt er.

Der Austausch mit anderen Hoteliers und Gastronomen sei in dieser Zeit zentral gewesen. So wie das Finden neuer Ideen und Konzepte für die Krise. Alle 800 Mitarbeiter der Sacher-Hotels in Wien und Salzburg, der Cafés in Innsbruck und Graz und weiterer Dependancen seien intensiv eingebunden worden. Schnell habe man Ideen wie das neue Abhol- und Zustellservice "Sacher to go" entwickelt. Oder jene, freie Zimmer in nächster Zeit wieder zu Separees umzuwandeln, die für einen Abend gebucht werden können.

"Das Sacher wird schnell mit Tradition, ein bisschen Plüsch und roter Farbe assoziiert", sagt Winkler. "In Wahrheit waren vor allem unternehmerischer Mut und Ehrgeiz immer das Erfolgsgeheimnis." Dass das Haus in Hand der Unternehmerfamilien blieb, sei sicher hilfreich: "Da steckt ein anderes Herzblut drin", sagt er. Tatsächlich ist das Sacher heute das einzige familienbetriebene Fünf-Sterne-Hotel Wiens.

Hitlers Wiener Hauptquartier

Ein anderes Wiener Traditionshaus der Fünfsterne-Kategorie wurde dagegen 2016 von der Al-Habtoor-Investmentgruppe aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gekauft: Das Hotel Imperial, besonders beliebt bei US-Gästen. "Deutsche Besucher haben oft ein bisschen Schwellenangst", sagt Michael Moser. Mehr als 30 Jahre war er der legendäre Concierge des Hauses. Seit seiner Pensionierung ist er als Archivar beschäftigt und arbeitet die 148-jährige Geschichte des Hotels im Alleingang auf. Tatsächlich wird das Imperial in erster Linie mit - oft royalen - Staatsbesuchen verbunden. "Manche Urlauber haben da wohl Angst, dass sie bei uns auch in der Sänfte herumgetragen würden", sagt Moser schmunzelnd.

Historische Aufnahme des Hotel Imperial. - © Hotel Imperial
Historische Aufnahme des Hotel Imperial. - © Hotel Imperial

1938 erklärte Hitler das Imperial zu seinem Wiener Hauptquartier und bewohnte es, wenn er in der Stadt war. Das Hotel wurde "arisiert", Hauptaktionär Samuel Schallinger ins KZ Theresienstadt deportiert und ermordet. Eine Restitution blieb aus. In der Besatzungszeit wurde das Haus am Ring zum russischen Hauptquartier, die Einrichtung großteils entleert. Nach zweijähriger Generalrenovierung eröffnete man 1957 schließlich wieder. Während der beiden Weltkriege war das Imperial aber nie gesperrt, erzählt Moser. So hätten viele deutsche Offiziere darin gewohnt. Und aus dem Ersten Weltkrieg existieren Gästebucheinträge zahlreicher Adeliger. "1915 machten die Thurn und Taxis hier noch Familienfeiern", berichtet Moser.

Aus seiner Zeit als Concierge erinnert sich Moser neben den wirtschaftlichen Folgen von 9/11 vor allem an den Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, der 2010 den europäischen Flugverkehr lahmlegte. In dieser Zeit seien nicht nur notgedrungen Gäste ausgeblieben. Sondern auch etliche in Wien festgesessen.

Im Gegensatz zum Imperial nach wie vor ein Familienbetrieb ist das Hotel Stefanie. Und das zentrumsnah in der Wiener Leopoldstadt gelegene Vier-Stern-Haus hat noch eine weitere Besonderheit: Es ist das älteste Hotel der Stadt. In der Lobby, gediegene Beleuchtung, edle Hölzer, ist in einem Schaukasten der erste Grundbucheintrag als Gaststätte aus dem Jahr 1600 ausgestellt. Martin Schick betreibt das Haus in der Taborstraße in vierter Generation. Sein Urgroßvater hat es einst gekauft, über die Jahre sind vier weitere Hotels in der Hauptstadt dazugekommen.

Martin Schick, Geschäftsführer des Hotel Stefanie. - © Tschiderer
Martin Schick, Geschäftsführer des Hotel Stefanie. - © Tschiderer

"Das Schließen im März war für mich sehr emotional", sagt Schick. "Ich bin hier im Haus ja quasi groß geworden." Und dass in der Lobby kein Licht brennt, das hat der Hotelier in seinem ganzen Leben noch nie gesehen. Bis zu Corona. Denn geschlossen war das Hotel in seiner so langen Geschichte zuvor nur an den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Da bildete der keine 200 Meter entfernte Donaukanal die Frontlinie schwerer Kämpfe zwischen sowjetischen und deutsch-österreichischen Truppen. Eine Granate traf das Dach des Stefanie.

Ein Schilling pro Sowjet

Zuvor hatte auch in Kriegszeiten Hotelbetrieb geherrscht. Denn Wien war im Gegensatz zu den meisten deutschen Städten lange Zeit von allzu schweren Bombardements verschont geblieben - und galt als relativ sichere Stadt. "Einen bescheidenen Tourismus aus anderen Teilen Deutschlands und Österreichs gab es deshalb immer", weiß der Hausherr.

Später, in der sowjetischen Besatzungszone gelegen, fiel das Haus der Roten Armee ins Auge. Sie meldete Bedarf als Wohnheim für ihre Offiziere an. Schicks Vater wurde die Wahl gelassen: Für die Soldaten aufsperren. Oder das Hotel wird beschlagnahmt. Er sperrte auf. Und erhielt für jede Nacht einen Schilling pro einquartierten Sowjet. Mit 400 belegten Betten und 400 Schilling pro Tag konnte ein Grundbetrieb aufrechterhalten werden.

Heute verbirgt sich hinter der unscheinbaren Fassade in der Taborstraße ein Nobelhotel mit 111 Zimmern und Suiten. Wo man einst mit der Kutsche zu den Stallungen durchfuhr, erstreckt sich jetzt ein Innenhof mit Gastgarten. Der lichtdurchflutete Speisesaal mit stattlicher Raumhöhe war früher ein Theatersaal. Ringsum stehen antike Pendeluhren, in den Vitrinen am Gang hat der leidenschaftliche Antiquitätensammler Schick seine Schätze versammelt. Teegarnituren aus dem Biedermeier, originale Waschtische und Fächer der Kronprinzessin Stephanie, nach der das Hotel benannt ist.

Auch Hotelier Schick hat trotz Corona-Krise alle 200 Mitarbeiter seiner fünf Hotels gehalten. Eine Verlängerung des Kurzarbeitsmodells wird dafür aber unerlässlich sein. Denn die Städtehotellerie wird noch lange nicht profitabel sein. Während der Weltwirtschaftskrise ab 2008 war das Geschäft gut zwei Jahre schwächer. "Da reden wir aber von 20, 25 Prozent weniger Auslastung", sagt der Unternehmer. Von geschlossenen Hotels konnte damals keine Rede sein. Heute hält Schick bis auf weiteres vier Häuser geschlossen und sperrt nur das zentrale Stammhaus Stefanie auf.

Vor dem Scherbenhaufen

Mit ersten Schritten Richtung Normalisierung rechnet der Hotelier - eine wirksame Impfung bis Mitte nächsten Jahres vorausgesetzt - nicht vor Ende 2021. Was dem Familienunternehmen in der aktuellen Lage hilft: Man habe aus den guten vergangenen Jahren solide Rücklagen. Und: Im Gegensatz zu vielen anderen Gastbetrieben ist man Eigentümer seiner Immobilien. Weder Miet- noch Kreditzahlungen fallen an.

Bei vielen Jungunternehmern sieht das allerdings völlig anders aus. Wer etwa frisch in die Branche eingestiegen ist und nun hohe Miete, Pacht oder Kredite zu bezahlen hat - der steht mit den Einnahmenausfällen durch Corona vor einem Scherbenhaufen. "Manche stehen sogar vor den Trümmern ihrer Existenz", sagt Schick. Er befürchtet daraus auch eine längerfristige Konsequenz: Die Bereitschaft zu investieren, ein unternehmerisches Risiko einzugehen, werde nach dem kollektiven Covid-19-Trauma wohl nicht allzu schnell wieder zunehmen.