Kein Wecker, der einen aus dem Schlaf reißt, um die erste Schulstunde nicht zu verpassen. Keine Vormittage außer Haus, kein Treffen mit Freunden, kein Fußballtraining: Der Tagesrhythmus während des Lockdowns in der Corona-Krise mit Heimunterricht und Ausgangsbeschränkungen war auch für Schulkinder und Jugendliche ein gänzlich anderer, eintönigerer. Das habe seine Spuren hinterlassen, sagt Kurosch Yazdi, Vorstand der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin am Kepler Universitätsklinikum in Linz.

Verschiebung der Wertigkeiten

"Wir haben gemerkt, dass Eltern deutlich mehr Probleme damit hatten, dass ihre Kinder den Computer nicht mehr ausschalten", sagt Yazdi zur "Wiener Zeitung". Grundsätzlich suche nur ein Bruchteil der Betroffenen Hilfe. Die Anzahl der Anfragen spiegele daher bei Weitem nicht die tatsächliche Situation wider. Der Anstieg der Anrufe sei aber massiv gewesen: Etwa 30 Prozent mehr Eltern haben sich laut Yazdi während der Corona-Krise an die Klinik gewandt.

"Das Problem ist angewachsen. Die Internetsucht nimmt zu", sagt Yazdi. Konkret gehe es dabei um eine Verschiebung der Wertigkeiten. "Alles, was offline ist, wird immer unwichtiger." Dazu zählen auch Essen, Trinken und Schlafen. Nächtelanges Durchspielen ist die Folge.

"Es gibt Jugendliche, die spielen 24 bis 48 Stunden lang, ohne zu essen oder zu trinken", so Yazdi. Und falls etwas getrunken wird, dann etwas, das aufputscht und die aufkeimende Müdigkeit verschwinden lässt. Cola und Energydrinks zum Beispiel, die zudem auch noch das Hungergefühl unterdrücken.

Deren leichte Verfügbarkeit mache sie für Jugendliche attraktiv. Mehrere Getränke dieser Art pro Tag zu konsumieren, sei aber vor allem aufgrund des Koffeingehalts "furchtbar ungesund", sagt Yazdi. Auch der Zuckergehalt sei mitunter enorm.

In Österreich weniger verbreitet, international aber durchaus Usus sei es, noch einen Schritt weiter zu gehen - und mit stimulierenden Arzneimitteln nachzuhelfen. Mit Adderall zum Beispiel, einem Amphetamin-Derivat, das als Medikament für die Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS eingesetzt wird. Adderall steigert die Konzentration und Leistungsfähigkeit.

Eine ähnlich stimulierende Wirkung hat Ritalin, das ebenfalls bei ADHS eingenommen wird. Im Zuge des "Fifa Interactive World Cup" etwa werden daher immer wieder einige E-Sportler zum Dopingtest gebeten.

Eltern und Kinder gemeinsam zur Therapie

"Kinder werden schnell süchtig", sagt Yazdi - und die Eltern machtlos. Vor allem dann, wenn auf jede Aufforderung, den Computer endlich auszuschalten, Aggression die Antwort ist. Der Suchtexperte rät daher, dass immer Eltern und Kinder gemeinsam zur Internettherapie kommen.

Das Gute sei nämlich, so Yazdi, dass Kinder auch "unglaublich flexibel" seien. So schnell sie eine Internetsucht entwickelten, so schnell könnten sie diese daher auch wieder abbauen. Dabei helfe zum Beispiel ein neues Hobby, eine Veränderung des Umfeldes oder des Freundeskreises. Oder bei einigen spätestens der Herbst, wenn der normale Schulalltag wieder losgeht.