Kaum hat man etwas auf die Beine gestellt, hat man es auch schon wieder ändern müssen." Der Direktor einer Wiener Mittelschule schildert der "Wiener Zeitung", wie dieses außergewöhnliche Schuljahr mit den Corona-Einschränkungen seit Mitte März seinen Arbeitsalltag überschattet hat. In Wien, Niederösterreich und dem Burgenland war am Freitag Zeugnisverteilung, in den sechs weiteren Bundesländern ist es kommenden Freitag soweit. Nicht nur Lehrer und Schulleiter, vor allem auch Eltern sind froh, die Wochen mit Heimunterricht, Hygienevorschriften und der Zweiteilung von Klassen zur Verringerung des Infektionsrisikos hinter sich zu haben. Die Ungewissheit, wie es nach den Sommerferien weitergeht, nehmen alle ins neue Schuljahr mit.

Verstärkt wird dieses bange Gefühl durch die seit Freitag geltenden, kurzfristig verhängten Schließungen aller Schulen und Kindergärten in fünf Bezirken in Oberösterreich, die 81.000 Schüler betreffen. Bildungsminister Heinz Faßmann bekräftigte in Wien seine Vorbehalte gegen die Schließungen aller Schulen. Er rechnet zwar damit, dass auch im neuen Schuljahr regional Corona-Infektionsherde auftreten werden, aber: "Ich will mit einer gewissen Normalität beginnen."

Seit Mitte März hält Corona Minister Heinz Faßmann auf Trab. - © apa/Fohringer
Seit Mitte März hält Corona Minister Heinz Faßmann auf Trab. - © apa/Fohringer

Seiner Empfehlung nach sollten beim Auftreten neuer Corona-Fälle Entscheidungen in "konzentrischen Kreisen" getroffen werden. Konkret bedeutet dies: zunächst Quarantäne für Klassen, dann Schulschließungen, was er nicht ausschließe. Aber, so erklärte Faßmann: "Ich bin skeptisch, dass wir dann auch mit großflächigen Schließungen hineingehen." Er begründete dies vor allem damit, dass sich Schulen laut Studie nicht als Super-Verbreiter des Virus erwiesen haben. Man werde jedenfalls mit Szenarien auf das neue Schuljahr vorbereitet sein. Vor allem werden auch die Tests mit der für Kinder schonenderen Gurgel-Wasser-Methode ausgebaut.

"Man ist als Elternteil mehr gefordert"

Der Zeugnis-Tag in Wien verlief wie in der Volksschule in der Julius-Meinl-Gasse in Ottakring nach der Corona-Phase recht ähnlich wie in früheren Jahren. Blumen von Kindern für Lehrer, ein erstes Foto mit dem stolzen Kind, das das Zeugnis in der Hand hält, vor dem Schultor. Nur die in zwei Gruppen gestaffelte Zeugnisausgabe war den Corona-Vorsichtsmaßnahmen geschuldet.

Was die Schüler am meisten betroffen hat? "Was wirklich gefehlt hat, war der Austausch mit den Kindern", sagte ein vor der Schule wartender Vater. Wobei eine Mutter einwarf, bei den Volksschülern sei das nicht so stark wie bei größeren Kindern gewesen. "Man ist als Elternteil mehr gefragt, man ist halt kein Pädagoge", bilanzierte der Vater.

Die Aufteilung der Klassen in zwei Gruppen machte es nicht einfacher. "Vom sozialen Gedanken her hätten sich die Kinder schon gerne gesehen", analysiert der Leiter einer Mittelschule in Wien. Gerade Schüler aus Familien mit Migrationshintergrund hatten es schwer. Während der Phase des Heimunterrichts durften manche nicht einmal ins Freie, weil ihre Eltern mangels ausreichender Deutschkenntnisse nicht mitbekamen, was die Regierung gerade verordnete. Manche Kinder waren bis weit nach Mitternacht munter, weil ihre Eltern arbeitslos sind und selbst aufblieben, weshalb die Kinder unausgeschlafen ab Mai in die Schulen kamen. Für manche schwächere Schüler führte die Corona-Phase dazu, dass sie endgültig den schulischen Anschluss zu verlieren drohten. Bisweilen berichten Lehrer, dass man beim einen oder anderen Schüler sehr nachsichtig gewesen sei, damit sie die Klasse nicht wiederholen müssen. Diesem Eindruck wird aber etwa in einer Mittelschule in Wien-Simmering widersprochen: Man habe zwar die Empfehlungen des Bildungsministeriums für coronabedingte Schwierigkeiten berücksichtigt. Aber "Wir haben nichts verschenkt."

Ärger wegen Stornokosten für Sprachreise im Herbst

Für Eltern war das Corona-Schuljahr jedenfalls eine Herausforderung - auch nach dem wochenlangen Heimunterricht. So erzählt eine Mutter, wie sehr sie bis zum Schulschluss durch ständige Wünsche der Direktionen um Zustimmungen bereits genervt war. Andere Mütter beklagen, dass durch die Aufteilung der Schüler auf zwei Gruppen und die nur teilweise Präsenz in den Klassen bei ihren Kindern der Tagesrhythmus durcheinander gekommen ist.

Nicht nur die Absage von Sprachreisen und Schulveranstaltungen in den zurückliegenden Monaten musste bewältigt werden. Das neue Schuljahr 2020/21 wirft mit Corona unfreiwillig seine Schatten voraus. So sind Eltern an einem Wiener Gymnasium verärgert, weil die Schulleitung bereits eine Sprachreise ins Ausland im Herbst vorzeitig abgesagt hat. Die Erziehungsberechtigten müssten die Stornokosten übernehmen, was zu Unverständnis führt, weil man auch noch zuwarten hätte können. Für das laufende Schuljahr hat Bildungsminister Heinz Faßmann im Falle der Streichung von Sprachreisen oder Sportwochen einen eigenen Fonds einrichten lassen, damit Eltern nicht auf Stornokosten sitzen bleiben.

Nicht im Unterricht, aber im Park

Lehrer und Schuldirektionen waren wegen etwaiger Corona-Infektionen in einem dauernden Alarmzustand. Kaum wurden Verdachtsfälle im Umkreis einer Pflichtschule in Simmering publik, habe es Anrufe besorgter Eltern gegeben, berichtet ein Direktor: "Die Angst war immer wieder da." Dann habe man versucht, aufzuklären und zu beruhigen. Freilich fühlte sich manche Schulleitung von den Verantwortlichen im Ministerium oder in der Wiener Bildungsdirektion bei Corona-Verdachtsfällen recht allein gelassen. Selbst Schulärzte spielten dann den Ball zurück an die Schulen.

Das Bildungsministerium hat mit dem Hinweis auf die Autonomie der Schulstandorte auch die Möglichkeit offen gelassen, dass Schüler nicht zum Unterricht in den Klassen sein müssen, sondern daheim mit Lehrerhilfe lernen, wenn Eltern aus Angst vor einer Ansteckung ihr Kind nicht in die Schule schicken wollten. Der Leiter einer Wiener Mittelschule, der nicht genannt werden möchte, schätzt, dass deren Anteil bei rund zehn Prozent gelegen sei. Was ihm sauer aufstößt: "Dann sieht man die Kinder im Park herumrennen. Da kommt man sich als Lehrer veräppelt vor." Deswegen wünscht er sich statt der konzilianten Haltung der Schulverantwortlichen künftig mehr Strenge bei den Vorgaben.

Für Schuldirektorinnen und -direktoren war die Corona-Phase alles andere als ein Honiglecken. "Es war schon grenzwertig", resümiert Isabella Zins, Schulleiterin aus Mistelbach und bundesweite Vertreterin der AHS-Direktoren im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "An den meisten AHS sind wir froh, dass wir Matura und Schuljahr gut über die Bühne gebracht haben." Man hoffe auf einige Wochen Erholung.

AHS-Direktoren wollen ab Mitte August Herbstszenarien klären

Was das neue Schuljahr betrifft, ist die AHS-Direktorenvertreterin vorsichtig: "Den Blick in den Herbst wagen wir noch nicht wirklich." Man werde sich spätestens Mitte August mit den Szenarien für den Herbst befassen. Illusionen gibt sie sich keinen hin: "Wir wissen, dass da einiges wieder schwierig werden kann."

In Pflichtschulen für 6- bis 14-Jährige mussten neben den sich kurzfristig ändernden Informationen Lehrer und Eltern dauernd am Laufenden gehalten werden. Mitunter wurden Schulwarte ausgeschickt, um schnell eine Flasche Desinfektionsmittel für eine gesamte Schule bei der für die Pflichtschule zuständigen Magistratsabteilung abzuholen.

Den meisten Unmut und Stress - zumindest in Wien - hat die um mehrere Wochen verzögerte Zuteilung der Lehrerkontingente für das kommende Schuljahr ausgelöst. Statt wie üblicherweise Anfang Mai schickte die Wiener Bildungsdirektion die Mitteilung dazu erst Mitte Juni aus. Diese beinhalteten außerdem Einsparungen bei Lehrerposten, wobei die Bildungsdirektion die Hauptverantwortung auf den Bund und das Bildungsministerium abschob, weil man von dort nicht genügend Ressourcen für die Deutschförderklassen erhalte.

Das bedeutete nicht nur, dass die Direktoren die Umsetzung innerhalb weniger Tage vornehmen mussten. Volks- und Mittelschulen nehmen auch die Ungewissheit ins neue Schuljahr mit, ob man überhaupt das gewünschte Lehrpersonal in bestimmten Fächern erhält, obwohl man Bewerbungsgespräche geführt und Anwärter ausgesucht hat. Ein Schuldirektor klagt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" ernüchtert und frustriert: "Jetzt ist der 2. Juli, und wir wissen nicht einmal, ob sie jetzt kommen." Vernünftige Vorbereitungen auf das kommende Schuljahr schauen anders aus. Denn andererseits wollen die Schulen, wie das auch von den Eltern erwartet wird, möglichst rasch mit Schulbeginn Anfang September mit einem geordneten Unterricht beginnen - gerade nach den Corona-Wirrnissen in den vergangenen Monaten.

Allerdings werden angesichts der nun wieder steigenden Corona-Neuinfektionen speziell in den Wiener Volks- und Mittelschulen mit einem hohen Anteil von Schülern aus dem Ausland, vor allem aus Ex-Jugoslawien nach den heurigen Sommerferien besondere Schwierigkeiten erwartet. Hunderttausende Kinder wollen mit ihren Eltern wie in den vergangenen Jahren den Sommer in der Heimat verbringen. "Wenn jetzt 600.000 in ihre Heimatländer fahren, dann bin ich gespannt, wie die alle zurückkommen", sagt ein Schuldirektor. Das werde im September spannend.

Minister will regulären Start, aber es hängt an Corona-Zahlen

23.000 Schüler wurden von den Eltern für die erstmaligen Sommerschulen angemeldet. Mädchen und Burschen mit Deutschdefiziten werden von 24. August bis 4. September in Ostösterreich und eine Woche später in Oberösterreich, Tirol, Salzburg, Kärnten, Vorarlberg und der Steiermark auch wegen der Corona-Krise Deutschförderunterricht erhalten.

Wie sehr eine zweite Corona-Welle wie ein Damoklesschwert noch immer oder schon wieder über Österreichs Schulen hängt, lässt sich auch leicht aus einem Schreiben von Bildungsminister Faßmann ablesen, das zu Wochenbeginn an die Eltern gerichtet wurde. Darin bringt Faßmann zwar seinen Plan und sein Bestreben nach einem "möglichst regulären" Unterricht ab Beginn des neuen Schuljahres zum Ausdruck. Gleichzeitig weist er aber selbst darauf hin, dass von der Corona-Entwicklung in den Sommerferien und auf "Basis der jeweiligen Infektionszahlen" das weitere Vorgehen erfolge.