Der am Samstag in Gerasdorf bei Wien (Bezirk Korneuburg) erschossene Mamichan U. alias Martin B. war mehrfach vorbestraft. Er wurde unter anderem wegen Schlepperei, Vortäuschung einer mit Strafe bedrohten Handlung und falscher Zeugenaussage verurteilt. Zuletzt hatte er bis Spätsommer 2019 eine Freiheitsstrafe verbüßt, aus der er Anfang September bedingt entlassen wurde.

Der mutmaßliche Schütze - ein 43 Jahre alter, aus Russland stammender Mann - soll in strafrechtlicher Hinsicht auch kein unbeschriebenes Blatt gewesen sein. Er war in Ansfelden (Bezirk Linz-Land) gemeldet, wo nach seiner Festnahme eine Hausdurchsuchung durchgeführt wurde. Ob dabei Beweismaterial sichergestellt wurde, das in Richtung eines Auftragsmordes deuten könnte, ist unklar.

Auf Mamichan U. alias Martin B. war auch ein Kopfgeld ausgesetzt. Das berichteten Gesprächspartner aus der bzw. mit Bezug zur tschetschenischen Community in Wien in der Nacht auf Montag übereinstimmend der APA.

Demnach war es unter Tschetschenen ein offenes Geheimnis, dass sich der 43-Jährige mit seinem Videoblog in Lebensgefahr gebracht hatte. Seit April hatte der tschetschenische Ex-Polizist, der seit 2007 als anerkannter Konventionsflüchtling in Österreich lebte, auf seinem Youtube-Kanal 29 Videos veröffentlicht. In diesen setzte er sich kritisch mit der Führung der russischen Teilrepublik Tschetschenien auseinander. Insbesondere den Regionalpräsidenten Ramsan Kadyrow und dessen Familie soll Martin B. beschimpft und teilweise wüst beleidigt haben. "Es war klar, dass das auf Dauer nicht gut gehen konnte", hieß es gegenüber der APA.

Angeblich kursierten in tschetschenischen Kreisen bereits Berichte über konkrete, gegen den Regimekritiker gerichtete Mordaufträge. Auch Summen sollen genannt worden sein. Dessen ungeachtet dürfte sich Martin B. recht sicher gefühlt haben.

Dem Vernehmen nach brüstete er sich mit seinen guten Kontakten zum Wiener Landesamt für Verfassungsschutz (LVT) und behauptete, er werde von Beamten dieser Behörde geschützt. Ob er tatsächlich mit dem Wiener Verfassungsschutz zusammengearbeitet hatte, ist bisher nicht geklärt. Bestätigt wurde von der Landespolizeidirektion Niederösterreich, dass Mamichan U. alias Martin B. "vor der an ihm ausgeführten Gewalttat einen polizeilichen Personenschutz abgelehnt hat".

Mit Opfer zum Tatort gekommen

Am Montag wurden auch weitere Details zum zweiten Festgenommenen in der Causa bekannt. Der Verdächtige ist mit dem Opfer gemeinsam zum Tatort gekommen. Der Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Korneuburg, Friedrich Köhl, bestätigte einen Online-Bericht der "Kronen Zeitung".

"Es besteht der Verdacht, dass er auch an der Tat beteiligt ist", sagte Köhl in Bezug auf den Beschuldigten, der sich derzeit in Untersuchungshaft befinde. Dass es sich um einen mutmaßlichen Bodyguard handelte, bestätigte Köhl nicht. Ob es bei dessen Waffe eine vermeintliche Ladehemmung gegeben habe, wie die Zeitung berichtete, ließ Köhl ebenfalls offen. "Der Schießsachverständige schaut sich die Waffen noch an", sagte er.

Vorsicht bei Rechtsanwälten

Die Brisanz des Mordfalls zeigt sich auch daran: Rechtsanwälte, die üblicherweise russische oder tschetschenische Beschuldigte verteidigen, wollen die beiden Mordverdächtigen nicht vertreten. Die Sache sei "zu heikel", meinte einer von ihnen auf APA-Anfrage nach einem möglichen Mandat.

Die beiden Verdächtigen wollen sich bisher nicht zu den Vorwürfen äußern. Für die Polizei sei die Motivlage weiterhin offen, sagte Roland Scherscher, Leiter des Landesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT) Niederösterreich. Es könnte demnach eine politische Handlung ebenso vorliegen wie etwa ein Streit, sagte Scherscher. Er bestätigte, dass das Opfer an der B7 in Gerasdorf von mehreren Schüsse getroffen worden war. (apa)