Wien. Nach der Bluttat von Gerasdorf, bei der der tschetschenische Flüchtling Mamichan U. getötet wurde, hat es diplomatische Kontakte zwischen Vertretern Österreichs und Russlands gegeben. Das Bundeskanzleramt bestätigte am Freitag ein Treffen von Generalsekretär Bernd Brünner mit dem russischen Botschafter Dmitrij Ljubinski. "Österreich verurteilt die Tötung zutiefst", betonte ein Sprecher zur APA.

"Derartige Gewaltexzesse haben in Österreich nichts zu suchen. Eine rasche Aufklärung der Gewalttat ist höchste Priorität der österreichischen Behörden", hieß es in der Stellungnahme des Bundeskanzleramts. Die Grünen hatten eine offizielle Reaktion Österreichs gefordert, sollte sich bestätigen, dass Russland hinter der Tat stecke. "Wenn sich der Verdacht in Richtung Russland erhärtet, darf Österreich nicht schweigen", sagte die außenpolitische Sprecherin der Grünen, Ewa Ernst-Dziedzic, in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Presse".

Verantwortung zurückgewiesen

Am Donnerstag hatten sowohl der Kreml, als auch das russische Außenministerium und der tschetschenische Regionalpräsident Ramsan Kadyrow jegliche Verantwortung zurückgewiesen. Ministeriumssprecherin Marija Sacharowa übte dabei insbesondere deutliche Kritik an Spekulationen, laut denen Kadyrow in das Verbrechen verwickelt sein könnte. "Wir stellen mit Bedauern fest, dass in einer Reihe Publikationen über eine mögliche Beteiligung der tschetschenischen Regierung bei der Ermordung spekuliert wurde. Wir weisen diese Anspielungen äußerst kategorisch zurück und denken, dass diese Spekulationen unangebracht sind und eine objektive Aufklärung stören", reagierte Sacharowa auf eine Anfrage des liberalen Moskauer Fernsehsenders "Doschd" (Regen). Sie betonte, dass die russische Botschaft in Wien in der Causa aktiv mit den zuständigen österreichischen Behörden zusammenarbeiten. Kadyrow selbst erklärte die Bluttat mit einer westlichen Geheimdienst-Verschwörung. "Bevor diese Hunde in Schande für jedes Wort zur Verantwortung gezogen werden können, werden sie von Mördern gerettet, die von Geheimdiensten bezahlt werden", so Kadyrow in einer Stellungnahme.

Ljubinski betonte in einer Erklärung nach dem Treffen mit Brünner nun, dass auf russische Initiative Vertreter der russischen und österreichischen Strafverfolgungsbehörden und Dienste in Kontakt getreten seien. "Von russischer Seite wurde die Bereitwilligkeit zu einem engen Zusammenwirken bestätigt."

Hintergründe noch unklar

Mamichan U., der sich in Martin B. umbenannt hatte und als "Ansor aus Wien" aufgetreten war, war am Samstagabend in Gerasdorf von mehreren Kugeln getroffen worden. Martin B. war seit seiner Flucht nach Österreich 2007 anerkannter Konventionsflüchtling. Ein Verfahren zur Aberkennung des Asylstatus war im Laufen, der 43-Jährige hatte Rechtsmittel gegen die erstinstanzliche Entscheidung eingelegt. Auch die beiden Verdächtigen, die in Untersuchungshaft sitzen, sind anerkannte Flüchtlinge aus Tschetschenien. "Ansor aus Wien" war in den vergangenen drei Monaten ein bekanntes tschetschenisches Gesicht aus Österreich gewesen. Seit April hatte er insgesamt 29 Videos auf seinem Youtube-Kanal veröffentlicht, in denen er insbesondere Kadyrow und dessen Familie wüst beschimpfte.

Tatwaffe fehlt, Verdächtige schweigen weiter

Bei den Ermittlungen wurde ein Kopfschuss als Todesursache des 43-jährigen Tschetschenen Mamichan U. alias Martin B. bestätigt. Wie Gudrun Bischof von der Staatsanwaltschaft Korneuburg am Donnerstag mitteilte, ist der Mann dem vorläufigen Obduktionsergebnis zufolge auch durch mehrere Schüsse im Oberkörper getroffen worden.

Die genaue Anzahl der Schüsse, die auf den 43-Jährigen auf einem Firmengelände an der Brünner Straße abgefeuert wurden, nannte Bischof mit Verweis auf das schriftliche Obduktionsgutachten jedoch nicht. Kolportiert wurden bisher fünf. Wie Polizeisprecher Johann Baumschlager ausführte, wurden am Tatort in Gerasdorf zwei Faustfeuerwaffen sichergestellt. "Die vermeintliche Tatwaffe wurde bisher aber noch nicht aufgefunden", so Baumschlager.

Die Hintergründe beziehungsweise das Motiv für die Tat bleibt aber weiterhin großteils unklar. Es hätten Befragungen im Umfeld des Opfers sowie im Umfeld der Beschuldigten stattgefunden, berichtete der Polizeisprecher. Der Tatablauf werde zwar immer klarer, aber: "Wir können nicht ausschließen, dass es sich um einen Auftragsmord handelt. Andererseits könnte aber auch ein Streit eskaliert sein", erklärte Baumschlager. Der mutmaßliche Schütze schweige beharrlich, der zweite Verdächtige, ein 37-Jähriger, habe auch "noch keine Details" genannt. Beide sind derzeit in U-Haft, die vorerst bis 20. Juli rechtswirksam ist.

Währenddessen tauchten neue Details über das Opfer auf. Der 43-jährige tschetschenische Ex-Polizist soll nicht nur kritische Videos über die Führung der russischen Teilrepublik veröffentlicht haben. Er soll laut Berichten auch in der ukrainischen Botschaft gegen den tschetschenischen Präsidenten ausgesagt haben. (apa, red)