Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) hat sich am Donnerstag für eine weitreichende Wiedereinführung der Maskenpflicht ausgesprochen. Dabei geht es um geschlossene Räume wie Supermärkte und Geschäfte. "Die Freiwilligkeit funktioniert nicht. Wenn es freiwillig nicht geht, muss man es verpflichtend machen, und das möglichst bald", sagte Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres bei einer Pressekonferenz. 

Österreichs Zahlen seien sehr gut. "Sie steigen langsam, explodieren nicht", konstatierte der Mediziner. Es liege an uns selbst, dass das auch so bleibe. Szekeres appellierte daher einmal mehr, Abstand zu halten, Hände waschen und besonders in geschlossenen Räumen zum Mund-Nasenschutz zu greifen.

"Strafen" in öffentlichen Verkehrsmittel

In öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutz (MNS) zwar weiterhin Pflicht. Es wird aber oftmals von den Fahrgästen nicht eingehalten. Die ÖBB gaben deshalb bekannt, dass ab kommenden Montag, dem 20. Juli, eine Geldstrafe von 40 Euro möglich ist, wenn man der Aufforderung des Zugpersonals nicht nachkommt eine Maske aufzusetzen. Die Bahn nahm dafür die MNS-Tragepflicht in ihre Beförderungsbedingungen auf. Die überwiegende Zahl der Fahrgäste wünscht sich auch die Einhaltung der Maskenpflicht. "Der Mund-Nasen-Schutz ist ein wichtiger Bestandteil, um ein sicheres Reisegefühl auch in Zeiten der Corona-Pandemie gewährleisten können. Mit dem MNS schützt man sich selbst und andere", betonte die Bahn. 

Auch in Graz wird ab dem 20. Juli eine Mehrgebühr von 50 Euro eingehoben, wenn ein Kontrollor in Bussen und Straßenbahnen antrifft. Der Fahrgast erhält - wie bisher auch bei Kontrollen - eine Maske, "wenn er sich weigert sie aufzusetzen, dann muss man das Fahrzeug verlassen", sagt der Sprecher der Holding Graz im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Der Grund der Maßnahme, man will der zunehmenden Disziplinlosigkeit in Bussen und Straßenbahnen Herr werden. "Bei den rund 3000 Kontrollen haben mittlerweile rund zehn Prozent keine Maske - Tendenz steigend".

Die Wiener Linien verhängen bereits seit Anfang Juli Strafen, 60 Personen erhielten bis Mitte Juli bereits eine solche, weil sie den vorgeschriebenen Mund-Nasen-Schutz in den öffentlichen Verkehrsmittel nicht getragen haben. Zahlen mussten uneinsichtige Passagiere, bei denen eine Ermahnung nichts nutzte. In Wien kostet die Nichteinhaltung der "Masken"-Vorschrift ebenfalls 50 Euro. Es werden jedoch nur Personen zur Kasse gebeten, die Aufforderungen ignorieren oder das Sicherheitspersonal sogar beschimpfen, wie der Sprecher betonte. Insgesamt wurden bereits 12.500 Menschen in den Zügen und Bussen der Wiener Linien angesprochen. In vielen Fällen wurde der Schutz nicht ordnungsgemäß getragen - also die Nase nicht bedeckt.

Abhängigkeit von Billiglohnländern bei der Produktion beenden

Der Infektiologe Herwig Lindner, ÖAK-Vizepräsident, sagte: "Wir befinden uns in einer Phase der Abkühlung der Pandemie, und diese Phase muss genutzt werden." Die Maßnahmen der Regierung hätten genutzt, aber die Kurve der Neuinfektionen steigt wieder an. Es seien da und dort Defizite im Krisenmanagement aufgetreten - Beispiel Maskenmangel im März und April -, "das darf kein zweites Mal passieren".

Vor allem auf EU-Ebene müsse man die Lektionen lernen, sagte Lindner: Es gebe eine Abhängigkeit von Billiglohnländern bei der Produktion von Arzneimitteln und Schutzausrüstung. Man müsse in der Lage sein, Schutzausrüstung, Basismedikationen und andere Arzneimittel selbst zu produzieren. "Wir müssen in Zukunft die Unabhängigkeit gewährleisten", betonte Lindner.

Auf nationaler Ebene müsse bei Krisen, die das ganze Land betreffen, ein staatliches Management darübergestellt werden. "Wir müssen Verträge darüber abschließen, wer für die Lagerhaltung zuständig ist", sagte der ÖÄK-Vizepräsident. Man könne bei großen Pandemien und Epidemien im niedergelassenen Bereich auch nicht die Verantwortung den einzelnen Ärzten dafür geben, zu sorgen, dass jeweils genug Schutzausrüstung in den Ordinationen vorhanden ist.

Impfung,Versorgung und Containment

Der Infektiologe warnte außerdem vor einem Nachlassen der Impfbereitschaft. "Es wird einen Impfstoff geben. Wir können das", zeigte sich der Infektiologe überzeugt und nannte als Beispiele die Pocken und die Kinderlähmung. "Die Regierung sagt, wir werden mit dem Virus leben müssen - ja. Aber nur für eine bestimmte Zeit." Doch Impfgegner würden sich bereits zu formieren beginnen, "und das ist eine Gefahr. Sie verharmlosen das Virus", kritisierte Lindner.

 "Die Freiwilligkeit funktioniert nicht. Wenn es freiwillig nicht geht, muss man es verpflichtend machen, und das möglichst bald", sagte ÖAK-Präsident Thomas Szekeres. - © APA web/Herbert Neubauer
 "Die Freiwilligkeit funktioniert nicht. Wenn es freiwillig nicht geht, muss man es verpflichtend machen, und das möglichst bald", sagte ÖAK-Präsident Thomas Szekeres. - © APA web/Herbert Neubauer
Szekeres plädierte auch dafür, Medikationsdaten aus dem ELGA und/oder der Sozialversicherung mit jenen des Elektronischen Meldesystems (EMS) bzw. den Krankengeschichten aus den Spitälern zu verknüpfen. Dies kann nach den Erläuterungen des ÖÄK-Präsidenten dazu dienen, gegen SARS-CoV-2 wirksame Arzneimittel zu identifizieren. "Wenn ich einen Zusammenhang zwischen einem leichten Verlauf einer Covid-19-Erkrankung und bestimmten Prämedikationen finde", habe man möglicherweise ein wirksames Medikament. Die Daten würden selbstverständlich anonymisiert abgeglichen werden.

Lindner wandte sich auch gegen "Rotstiftakrobaten", die sich formieren würden, um Spitalsbetten, insbesondere Intensivbetten, zu reduzieren. Die Pandemie habe gezeigt, dass dies anders zu bewerten sei. So darf nur ein Covid-19-Patient in einem Vier-Bett-Zimmer liegen, was eine Auslastung von 25 Prozent entsprechen würde, Lindner zufolge aber so nicht gerechnet werden darf. "Es ist ganz wichtig, dass sich Österreich als reiches Land sich die entsprechenden Ressourcen leistet", appellierte der Infektiologe. Nicht zuletzt, um Situationen wie in Italien und Frankreich während der Coronakrise zu vermeiden.

Szekeres appellierte, Containment ernst zu nehmen: Wer Symptome zeige, soll zuhause bleiben und über die Hotline 1450 die Testung anfordern. Es sei nicht zuletzt wichtig, angesichts der allgemeinen Symptome, die auch bei anderen Virusinfektionen auftreten können, zu differenzieren. (apa, red)