"Wiener Zeitung": Was ist auf der Nacht auf Mittwoch passiert?

Elie Rosen: Die Schmierereien sind am Gemeindehaus und an der Synagoge angebracht worden. Bedauerlicherweise auf der historischen Ziegelmauer, die schon zum zweiten Mal geschändet wurde. Sie wurde mit Ziegeln der zerstörten Synagoge 1938 gebaut.

Was genau wurde gesprüht?

Die Parolen waren pro-palästinensisch. Es stand "free palestine", falsch geschrieben, aber erkennbar, an der Synagoge "unser Land und unsere Sprache sind rote Grenzen". Das ist nicht rechtsradikal. Wir haben es in Graz verstärkt mit einem linken und anti-israelischen Antisemitismus zu tun. Das können wir klar feststellen. Es war nicht völkisch.

Elie Rosen war ab 1998 Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Baden. Dort erreichte er einen Wiederaufbau der Synagoge. Der Jurist ist im Vorstand der Israelitischen Kulturgemeinde Wiens, von dieser wurde er 2016 mit der Führung der Grazer Gemeinde betraut, deren Präsident er ist. Foto Fischer - © Jüdische Gemeinde Graz / Foto Fischer
Elie Rosen war ab 1998 Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Baden. Dort erreichte er einen Wiederaufbau der Synagoge. Der Jurist ist im Vorstand der Israelitischen Kulturgemeinde Wiens, von dieser wurde er 2016 mit der Führung der Grazer Gemeinde betraut, deren Präsident er ist. Foto Fischer - © Jüdische Gemeinde Graz / Foto Fischer

Wie lesen Sie diesen Vorfall? Sie sagen, es ist kein Einzelfall.

Nein. Es gibt eine klare Tendenz. Studien zeigen, dass wir es in Europa mit einem Ansteigen des Antisemitismus zu tun haben. Mehr als 30 Prozent werden dem israelorientierten Antisemitismus zugeordnet. Wir haben heuer gravierende Fälle gehabt, ein Angriff auf einen Jugendlichen und jetzt dieser Vandalenakt. Das ist besorgniserregend.

Wann beginnt Israel-Kritik judenfeindlich zu sein?

Das lässt sich nicht wie eine Eistüte kaufen und klar ausdrücken. Es gibt die brauchbare Abgrenzung der Dämonisierung des Staates Israels, Doppelstandards und eine Delegitimierung Israels als markante Punkte zur Unterscheidung von legitimer Israelkritik, wo ja auch ein politischer Diskurs intern besteht. Die Doppelstandards sind am häufigsten. Ich höre wenig über Syrien, Jemen oder den Libanon. Und die Leute, die sich für die Rechte der Palästinenser gerieren, zollen dem ganz wenig Beachtung.

Wird die Atmosphäre für Juden in Österreich unangenehmer?

Angenehmer geworden ist sie nicht. Viele dieser Vorfälle hat es in der Form nicht gegeben. Es hat sich auch die Sprache geändert. Als ich ein Kind war, ist sie noch sehr wohl gewählt worden. Wenn heute jemand von ,ordentlicher Beschäftigungspolitik‘ (Jörg Haider, 1991, Anm.) sprechen würde, würde kaum ein Hahn danach krähen. Jedenfalls müsste er nicht zurücktreten. Es zeigen auch Fälle wie jener von Lisa Eckhart, dass wir an einem Punkt angelangt sind, der einfach nicht tragbar ist. Offensichtlich ist hier die Sensibilität schwach.

Antisemitische Untertöne wurden auch bei Corona-Demonstrationen wahrgenommen, Soros und Rothschild als symbolisch-aufgeladene Figuren skandiert.

Das überrascht nicht. Krisen haben nie zur Verbesserung des Klimas für Juden beigetragen. Man würde sich fast wünschen, dass eine medizinische Lösung nicht aus Israel kommt, dann wären wir wieder bei Weltverschwörungstheorien, dass die Juden das initiiert haben. Ich glaube, dem kann man schwer etwas entgegenhalten, weil die Dinge schon so absurd sind, dass man das im Rahmen einer Diskussion nicht aufklären kann. Dem kann man schwer etwas entgegenhalten. Ich glaube auch nicht, dass man Menschen im Erwachsenenalter, die antisemitisch sind, mit vernünftigen Argumenten überzeugen kann. Es geht nicht um Fakten, sondern um Emotionalisierung. Man braucht einen Sündenbock, und es gibt traditionelle Sündenböcke. Auf die greift man dann zurück.