Behutsam blättert Prior Günter Reitzi durch das Totenbuch. Die Epochen streichen an ihm vorüber. Seit dem Jahr 1410 verewigen die Dominikaner des Wiener Konvents in dem Werk die Namen ihrer verblichenen Ordensbrüder. Beschützt von einem Eisenband, prangen sie auf den kunstvollen und mächtigen Seiten. Reitzi sagt: "Einer Legende zufolge wird die Welt untergehen, wenn alle Seiten voll sind."

Düstere Prophezeiungen haben die Dominikaner im Kloster St. Maria Rotunda bisher noch alle überstanden. Keine Umwälzung der Geschichte, von der Reformation über die Säkularisierung, konnte den 1226 gegründeten Konvent in die Knie zwingen. Nun aber stehen die Dominikaner, so wie viele andere Orden, vor einer weiteren Herausforderung: Es mangelt am Nachwuchs, die Zahl der Ordensleute nimmt ab.


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Mit Jahresende 2019 verzeichneten die Männerorden österreichweit 1617 Angehörige, die Frauenorden zählten 3074 Schwestern. Im Jahr 1990 hatte es noch rund 8000 weibliche und knapp 3000 männliche Ordensleute gegeben. Auch die Dominikaner spüren den Rückgang. "Wir haben einige schwach bestellte Provinzen. Die Tendenz geht dahin, kleinere Konvente zusammenzufassen. So können wir Kräfte freilegen", sagt Prior Reitzi.

"Jetzt haben wir dich endgültig"

Von einer solchen Zusammenlegung hat der Konvent in Wien profitiert. Aufgrund der Nachwuchsprobleme beschlossen die süddeutsch-österreichische und norddeutsche Dominikanerprovinz 2018, die Ausbildung der neuen Ordensleute in Wien zu konzentrieren. Sieben - zumeist jüngere - Dominikaner aus Deutschland studieren derzeit in Wien Theologie. Damit kommt der Wiener Konvent auf insgesamt 14 Brüder.

Am frühen Morgen schreiten die Dominikaner in der Kirche St. Maria Rotunda zum Chorgebet. Ihre Stimmen erheben sich zur Laudes, dem liturgischen Morgengebet. Danach geht es zum Frühstück, bevor die seelsorgliche, akademische oder sonstige Arbeit beginnt. Mittags kommen sie zum nächsten Gebet, der Sext, wieder zusammen.

Im Speisesaal hat auch Reitzi Platz genommen. Der 62-Jährige ist seit 2018 Prior des Konvents in Wien. Er stammt aus einem katholischen Elternhaus und wuchs in der Brigittenau auf. Christ zu sein, bedeutet für ihn, "Jesus nachzufolgen, Ausgestoßene aufzunehmen, Kranke nicht abzuschieben und Kindern und Jugendlichen Halt zu geben".

Seit dem Jahr 1410 verewigen die Dominikaner des Wiener Konvents im Totenbuch die Namen ihrer verblichenen Ordensbrüder. - © Moritz Ziegler
Seit dem Jahr 1410 verewigen die Dominikaner des Wiener Konvents im Totenbuch die Namen ihrer verblichenen Ordensbrüder. - © Moritz Ziegler

Als Reitzi als junger Mann überlegte, Priester zu werden, stieß er auf die Dominikaner. Ihm gefielen die demokratischen Strukturen des Ordens, in dem die Brüder ihre Oberen auf Zeit in ihr Amt wählen. Mit 19 Jahren trat er in den Dominikanernorden ein. Nach seinem Theologiestudium in der Schweiz legte er 1981 in Wien die ewigen Gelübde ab. "Normalerweise ist das eine ernste Sache. Aber als es soweit war, hat der Provinzial zu mir gesagt: ,Ha, jetzt haben wir dich endgültig!‘", erzählt Reitzi.

Solche Lebenswege ergeben sich immer seltener. "Die Jugend ist weg von der Kirche", sagt Christian Haidinger. Er war bis zum Jahresende 2019 Vorsitzender der Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften Österreichs. Diese hat sich 2020 mit der Vereinigung der Frauenorden zur "Österreichischen Ordenskonferenz" zusammengeschlossen.

Weitere Ausdünnung erwartet

Wenn man sich die Ergebnisse von Jugendstudien anschaue und darin sehe, wie wenig Interesse für das Christentum vorhanden sei, müsse "man sich wundern, dass es uns überhaupt noch gibt", sagt Haidinger. Personalmäßig würden sich die Orden in den kommenden Jahren weiter ausdünnen: "Es werden auch - vor allem bei den Frauenorden - manche Einrichtungen geschlossen werden."

Wie sich der personelle Rückgang auswirkt, zeigte sich für Haidinger auch bei seiner ursprünglichen Ordensgemeinschaft, den Benediktinern im Stift Kremsmünster, die das Stiftsgymnasium Kremsmünster betreiben.

Haidinger trat 1964 nach seiner Matura in den Benediktinernorden ein: "Ich war damals der 93. Mönch. Jetzt sind es noch 44 - davon haben 18 oder 19 noch nicht das Pensionsalter erreicht." Als er in die Klosterschule gegangen sei, "da waren nur der Turn- und Musiklehrer Laien", so Haidinger. "Heute gibt es noch vier oder fünf Patres, die eher Aushängeschilder sind. Aber es geht gut weiter: Von unserem benediktinischen Geist ist nichts verloren gegangen."

Beliebte Ordensschulen

Zum personellen Rückgang zeigt sich aber auch ein Gegentrend: Das Interesse an Ordensschulen ist hoch. 52.118 Schülerinnen und Schüler wurden mit Stichtag 31.12.2019 in den 235 Ordensschulen betreut. "Die Ordensschulen, die ich kenne, sind alle im Wachsen. Teilweise gibt es da schon einen Aufnahmestopp für neue Schüler", sagt Haidinger.

Die "immense Nachfrage" liege wohl nicht primär daran, dass Eltern ihre Kinder religiös erziehen wollen, meint der Benediktiner: "Auch wenn die Bemühungen dort natürlich stärker sind als anderswo." Der Grund sei wohl eher, dass man sich noch eher die Schüler und Lehrer aussuchen könne: "Ein Direktor in einem öffentlichen Gymnasium wird sich da schwerer tun."

Auch bei den Orden sieht Haidinger Entwicklungen, die dem Rückgang entgegenstehen. So komme es zu Neugründungen - darunter das 2004 von Benediktinern gegründete Europakloster Gut Aich in St. Gilgen. Auch erlebt das Stift Heiligenkreuz der Zisterzienser seit Jahren einen enormen Zulauf - um die 100 Mönche leben mittlerweile dort. Renommiert ist die dortige Hochschule päpstlichen Rechts. Ein weiterer Anziehungspunkt seien auch die "faszinierenden Persönlichkeiten" des Klosters, erklärt Haidinger.

"Ich bin mit dir, ich behüte dich"

Auch wenn die Zahlen bei anderen Gemeinschaften rückläufig sind, entscheiden sich auch weiterhin Menschen für das Ordensleben. Einer von ihnen ist Tobias Sieberichs. Er sitzt in einem Besprechungsraum des Dominikanerklosters, spricht ruhig und bedacht. Ein Vers aus dem Buch Genesis prägte und prägt sein Leben. "Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst", zitiert er die Stelle und lächelt sanft.

Im Gegensatz zu vielen anderen Ordensmännern, die bereits katholisch aufgewachsen sind, war er ein Festtagskatholik, wie er sagt. Denn Sieberichs wurde zwar getauft. "Näher mit Religion habe ich mich aber nicht befasst", erzählt er.

So plante Sieberichs auch nicht, in einen Orden einzutreten. Der junge Mann versuchte es mit einem Mathematik- und Physikstudium in Freiburg: "Aber da habe ich mich nur gequält. Ich habe gemerkt, ich kann das nicht." Er begann, Theologie zu studieren: "Das hat mich immer mehr begeistert."

Sieberichs schloss sich den Dominikanern an, 2017 legte er seine zeitliche Profess ab: Damit band er sich für drei Jahre an den Orden. Ob er auch die ewige Profess auf Lebenszeit ablegen wird, darauf will sich Sieberichs noch nicht festlegen, auch wenn er sich das gut vorstellen kann.

Denn natürlich habe er auch hier und da Zweifel über seinen Weg, sagt Sieberichs. So sei auch der zölibatäre Lebensstil ein Thema für ihn: "Aber es geht dabei nicht um den Verzicht auf Partnerschaft, sondern um das Freiwerden für die enge Beziehung zu Gott."

Schwester und Pianistin

Besonders hart von den Nachwuchsproblemen sind die Schwesternorden getroffen. Dazu macht ihnen die Überalterung zu schaffen. Von den 3074 Ordensschwestern österreichweit waren mit Jahresende 2019 insgesamt 62 Prozent über 75 Jahre alt, nur drei Prozent sind unter 39. Zum Vergleich: Bei den Männerorden sind 29 Prozent über 75 Jahre alt, dreizehn Prozent sind unter 39.

An einem stürmischen Dienstagabend laden Ruth Pucher und Joanna Jimin Lee in ihrer Ordenswohnung in Wien-Liesing zum Abendessen. Die beiden Frauen sind Schwestern bei den Missionarinnen Christi. Lee führt durch die Wohnung und in den obersten Stock, wo der Gebetsraum ist. Es ist ein großes, helles Zimmer, in der Ecke steht ein prächtiger Flügel. Lee zuckt mit den Schultern und erklärt: "Ich bin ja auch Konzertpianistin."

Lee stammt aus Südkorea und wuchs in einem katholischen Elternhaus auf. Ihr Musikstudium absolvierte sie unter anderem in Wien und Salzburg. Immer wieder haderte sie mit der Entscheidung, Ordensschwester zu werden, immer wieder stürzte sie in Glaubenskrisen, erzählt sie. Als sie in Seoul Musik unterrichtete, entschied sie sich dann aber für das Ordensleben. Die Missionarinnen Christi entsandten sie wieder zurück nach Wien. Seit 2013 lebt sie mit Pucher zusammen.

Ruth Pucher und Joanna Jimin Lee sind Schwestern bei den Missionarinnen Christi. - © Daniel Bischof
Ruth Pucher und Joanna Jimin Lee sind Schwestern bei den Missionarinnen Christi. - © Daniel Bischof

Die 46-jährige Pucher fand auf anderem Weg zu ihrer Berufung. Sie sei zwar immer katholisch gewesen, sagt sie. In einen Orden einzutreten, habe sie aber nicht geplant: "Meine Eltern haben mir immer schön das Familienleben vorgelebt." Pucher verlobte sich, vor der Hochzeit ging die Beziehung aber auseinander.

Die junge Kunstgeschichtsstudentin verschlug es nach Frankreich, wo sie ein Austauschsemester machte. Sie wurde nebenbei Fremdenführerin im Zisterzienser-Kloster Cîteaux in Burgund: "Dort habe ich den deutschen Touristen über die Regeln des heiligen Benedikts erzählt. Und das ist Woche für Woche tiefer gesickert." Der Grundstein für den Ordenseintritt war gelegt. Pucher entschied sich wie Lee für die Missionarinnen Christi - der 1956 gegründete Orden war und ist auch im Kongo und in Brasilien aktiv. In Österreich und Deutschland gehören ihm 93 Schwestern an.

Lee und Pucher beten gemeinsam am Morgen und am Abend, untertags gehen sie ihren Berufen nach. Pucher leitet den Bereich Ordensentwicklung im Kardinal König Haus - einem Bildungszentrum der Jesuiten und der Caritas, Lee spielt Konzerte und unterrichtet Musik.

Ihre Arbeit würde auch der Missionierung dienen, erklärt Pucher. "Österreich ist genauso ein Missionseinsatz wie der Kongo. Und Missionierung kann bei uns alles Mögliche sein. Wenn ein Kirchenführer bei einem Bild erklärt, wo der Lichtstrahl hinführt: Dann ist dieses Erklären der Kunst auch eine Missionierung", sagt sie.

Überhaupt sei das direkte Ansprechen und über Gott reden auf der Straße in Österreich und Deutschland heutzutage "meist ein Schuss nach hinten", sagt Lee: "Das geht vielleicht in Südkorea. Hier ist das nicht mehr der passende Weg."

Gesellschaftlicher Wandel

Stark verändert hat sich auch die gesellschaftliche Funktion der Schwesternorden. Einst öffnete das Ordensleben Frauen Türen, die sonst verschlossen geblieben wären: "Viele Berufe durften Frauen nur ausüben, wenn sie einem Orden beitraten. Auch wenn man abenteuerlustig war und nach Afrika gehen wollte, musste man sich einem Orden anschließen", sagt Pucher. Hinzu kam der Männermangel nach dem Zweiten Weltkrieg: "Bei den großen ländlichen Familien, wenn da die Frauen keinen Mann gefunden haben: Da gab es auch nicht viele Alternativen."

Nun aber verändere sich ein "Modell, das jahrhundertelang sehr gut funktioniert hat, sehr stark: Es wird sehr klein werden. Aber wird werden nicht aussterben", sagt Pucher.

Die 46-Jährige kennt die Sorgen und Probleme der Schwesternorden. Bei ihrer Arbeit begleitet sie Gemeinschaften, die im Umbruch sind und hilft ihnen, sich neu aufzustellen. "Oft geht es darum, die alten Schwestern gut zu versorgen", erklärt Pucher. Auch führe der Nachwuchsmangel dazu, dass nicht mehr die fähigsten Personen in führende Positionen kommen: "Man hat ja keine Auswahl mehr. Wir merken schon, dass dadurch das Niveau sinkt. Das Leitungsgeschäft wird immer schwieriger." Allerdings dürften sich die Orden nicht ständig von den täglichen Sorgen und dem Altersthema auffressen lassen: "Sie müssen auch neue Ideen und Fragen angehen." Bei "reformresistenten" Orden könne sich das schwierig gestalten.

"Ordensleben erlebbar machen"

Ein solch neuer Impuls ist etwa das freiwillige Ordensjahr, das im September 2016 gestartet wurde. Betreut wird das Projekt von Pucher. Freiwillige können für drei Monate bis zu einem Jahr in einer Ordensgemeinschaft leben. Dabei können sie etwa im Kloster mitarbeiten oder ihrem herkömmlichen Beruf nachgehen.

Pro Woche erhalte sie ungefähr eine Anfrage, wobei die Tendenz deutlich steige, erzählt Pucher. Jedes Jahr vermittele sie dann um die zehn Person an verschiedenste Orden. Oft handle es sich um Menschen, die etwas komplett Neues erleben wollen: "Manchmal sind es etwa Städter, die unbedingt aufs Land wollen." Es sei zwar möglich, nachher in einen Orden einzutreten, sagt Pucher: "Vier haben das bisher gemacht, zwei sind langfristig geblieben." Das sei aber nicht das Ziel des Projekts: "Es geht vielmehr darum, das Ordensleben erlebbar zu machen."

Zurück im Kloster St. Maria Rotunda, verlässt Prior Reitzi den Speisesaal, um eine Klasse der Schulen der Dominikanerinnen in Empfang zu nehmen. Mit Freude führt er sie durch das geschichtsträchtige Gebäude, kenntnisreich berichtet er von der Orgelempore, dem Hochaltar und den Deckenfresken, erkundet mit den Schülern die Katakomben, und steigt dann wieder in die oberen Stockwerke, hinauf zum Totenbuch.

Mit düsterer Stimme erzählt er die Prophezeiung des Weltuntergangs, sobald das Buch vollgeschrieben sei. Stille unter den Schülern. Der Prior schmunzelt und spricht: "Keine Angst, wir haben noch Seiten frei."