Die Corona-Bürokratie macht den Wiener Schulen zu schaffen. Direktoren wurden in der ersten Schulwoche mit unzähligen Formularen und Anfragen eingedeckt. "Es ist verrückt. Es sind viel zu viele Dokumente", beklagt ein Verantwortlicher einer Wiener Schule. Von einem "Formularwahn" spricht Ursula Madl, Direktorin des Billrothgymnasiums in Döbling.

In Wien müssen Schulleiter bei Corona-Verdachtsfällen drei Informationsblätter per E-Mail abschicken: an die Wiener Berufsrettung MA 70 als zuständige Gesundheitsbehörde, an einen Juristen der Bildungsdirektion und die Schulaufsicht. "Wir werden fast täglich überschüttet mit unzähligen Dokumenten und Anfragen, wo man etwas hinmelden soll. Es ist kaum zu überblicken", heißt es aus einer Wiener Schule. Das geschehe ausgerechnet "in der Phase zu Schulbeginn, wo wir ohnehin mehr als genug Arbeit haben". Jedes Mail zu Corona sei "eines zu viel, weil wir es nicht mehr schaffen".

"Mich würde es nicht wundern, wenn einige Direktoren in der zweiten, dritten Schulwoche sagen: ,Ich kann nicht mehr‘", sagt SPÖ-Lehrergewerkschafter Thomas Bulant zur "Wiener Zeitung". Er frage sich: "Was sollen die ganzen Corona-Vorsichtsmaßnahmen, wenn einen das System im Ernstfall im Stich lässt?"

Neben bürokratischen Hürden sieht der Gewerkschafter vor allem die langen Wartezeiten auf Testergebnisse als Stolperstein für die Schulleitungen. Bei Verdachtsfällen sei die Reaktion der Gesundheitsbehörden bisher zu langsam erfolgt, wobei es sich nicht nur um eine Verzögerung von einer Stunde gehandelt habe, so Bulant. Das führe dazu, dass die Schulleitung bis zur Entscheidung der Behörde in der Luft hänge.

"Sie sind eh negativ"

Sie habe "tiefes Verständnis" dafür, dass die Gesundheitsbehörden "unendlich ausgelastet sind", sagt Direktorin Madl. Zugleich seien die langen Wartezeiten ein großes Problem, wie sie anhand eines ihr bekannten Falls schildert: "Ein Lehrer geht am Montag in die Schule, am Nachmittag hat er Symptome und ruft 1450 an." Dort werde ihm erklärt, dass er innerhalb von fünf bis sieben Tagen getestet werde. "Er geht in Quarantäne, ruft die Schulleitung an, diese informiert die Eltern, dass ein Verdacht besteht und die Kinder weiter in die Schule kommen dürfen." Der von der Direktion verständigte Verbindungsoffizier der MA 70 beschleunigt den Prozess, woraufhin der Lehrer bereits am Dienstag getestet wird, so Madl.

"Am Mittwoch und Donnerstag erfährt er aber nichts, woraufhin er bei der Hotline anruft und ihm dort gesagt wird: ,Ah, Sie wissen das noch nicht? Das ist liegen geblieben. Sie sind eh negativ.‘" So etwas schaffe Probleme, denn in der Zwischenzeit würden sich besorgte Eltern ständig aufs Neue erkundigen: "Und man muss dann jeden Tag sagen: ,Das Ergebnis ist noch nicht da‘", sagt Madl.

Im Büro von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) wurden bisher drei positive Corona-Fälle an Wiener Schulen (Stand: Donnerstag) bestätigt, darunter zwei Schüler. Tatsächlich dürfte es nach Informationen der "Wiener Zeitung" bereits mehr Fälle geben. So wurden von einer Schule in der Leopoldstadt einige positive Ergebnisse berichtet, auch an einer Mittelschule in Favoriten soll ein Kind positiv getestet worden sein. "Bei uns sind Betroffene, die einen Husten oder Schnupfen haben, zuhause und wir warten einmal ab. Bisher haben wir noch kein einziges Ergebnis", heißt es aus einer Wiener Schule.

Maske auch bei Grün

Am Donnerstag hat es eine Videokonferenz der Spitzen der Lehrergewerkschaft mit den verantwortlichen Sektionschefs des Bildungsministeriums gegeben. Diese diente dazu, den Ministeriumsvertretern die Probleme in den Schulen darzulegen.

Der Bildungsminister selbst hat am Freitag mit einer Empfehlung reagiert. Demnach sollen auch in jenen Regionen in Österreich, in denen die Corona-Ampel auf Grün steht, Schüler und Lehrer bis zu den Klasseneingängen einen Mund-Nasenschutz tragen. Das richtet sich vor allem auch an die Schulen in den sechs westlichen und südlichen Bundesländern, in denen am kommenden Montag die Schule beginnt.

Hinsichtlich der Kritik an überbordender Bürokratie heißt es aus der Wiener Bildungsdirektion, dass die besondere Situation und damit verbundene, nötige Systematisierung zwar nach Ansicht "der einen oder anderen Schulleitung mit einem gewissen bürokratischen Aufwand verbunden sind. Dennoch zeigen uns Rückmeldungen aus den Schulen, dass die meisten das nötige Verständnis aufbringen."

Bildungsdirektor Heinrich Himmer (SPÖ) betont, dass seitens der Schulen eine "große Erwartungshaltung" herrsche: "Natürlich wäre es wünschenswert, man ruft an und in der nächsten Minute ist schon jemand da und testet", sagt er. Je schneller das geschehe, desto besser wäre es. Sollten bei den Schulen bei Verdachtsfällen Zweifel aufkommen, stehe die Bildungsdirektion stets beratend zur Seite.