Am 27. August des Vorjahres hat Manuela R.* einen Termin bei einem Orthopäden in Wien. Sie ist selbst Ärztin und hat Schmerzen in der Schulter. Der Orthopäde bietet zusätzlich auch Osteopathie an, eine manuelle, alternativmedizinische Therapieform. Die Patientin erwartet jedoch eine rein orthopädische Behandlung, deshalb hat sie den Facharzt aufgesucht. Drei Wochen später, am 17. September, ist eine Verena P.* wegen eines Fersensporns bei demselben Wiener Orthopäden. Die beiden Frauen kennen einander nicht. Unabhängig voneinander erstatten beide nach ihrem Termin Anzeige gegen den Arzt.

Beide berichten, dass der Orthopäde bei der Behandlung mit mehreren Fingern vaginal in sie eingedrungen sei. Nach Aussage beider habe er die Penetration nicht angekündigt, nicht erklärt und auch kein Einverständnis eingeholt. Er habe keine Handschuhe getragen und kein Gleitmittel verwendet. Beide Frauen berichten von starken Schmerzen während der Behandlung, in einem Fall auch Wochen danach, wobei vaginale Verletzungen auch ärztlich dokumentiert wurden. Das Spital erstattete auch seinerseits Anzeige.

Wie aus einer der Sachverhaltsdarstellungen hervorgeht, war auch das Behandlungsgespräch als übergriffig zu bezeichnen. Der Arzt habe Manuela R. geduzt und sie "meine Hübsche" genannt. Das streitet der Arzt nicht ab, er wollte die Patientin nicht beleidigen, sondern sie dadurch "mit ihrer Kindheit zusammenführen", gibt er in seiner Vernehmung wörtlich an. Mit der "Wiener Zeitung" wollte er nicht sprechen.

Den Vorwurf der Penetration dementiert der Mediziner nur bei Verena P*. Gegenüber der Polizei vermutet er, dass sie von R. "geschickt worden" sei. Beide Frauen geben jedoch an, erst durch die Befragungen voneinander erfahren zu haben. Verena P. hat den Termin bei dem Arzt vor dem 27. August vereinbart. Das Telefonprotokoll liegt der "Wiener Zeitung" vor.

Im Fall von R. gibt der Arzt bei der Vernehmung an, dass es "möglicherweise" zu einer leichten, kurzen Penetration gekommen sei. Sehr wohl dementiert der Arzt, dabei keine Handschuhe getragen zu haben, auch habe er sehr ausführlich erklärt, welche Behandlungen er durchführe. Was er den Ermittlern auch darlegt: Es handle sich um eine spezifische, intravaginale Therapieform, die in Österreich gelehrt wird und anerkannt ist.

Ende November 2019, einige Monate sind vergangen, erhält Manuela R. Post von der Staatsanwaltschaft Wien. Diese folgt den Angaben des Arztes. Die durchgeführte medizinische Behandlung sei in der Art und Weise "grundsätzlich vorgesehen und üblich", schreibt die Staatsanwaltschaft. "Ein Vorsatz, sich durch die Vornahme einer geschlechtlichen Handlung zu erregen/befriedigen, ist nicht nachweisbar, eben so wenig, dass der Beschuldigte dafür seine Autoritätsstellung ausgenutzt hat." Der Schluss: "Da insgesamt die Tatbegehung mit der für ein Strafverfahren notwendigen Sicherheit nicht nachgewiesen werden kann, war das Ermittlungsverfahren einzustellen." Auch im Fall von Verena P. werden die Ermittlungen eingestellt. R. bemüht sich seither um eine Fortführung des Verfahrens.

"Vaginal-Touché" existiert
als Therapieform tatsächlich

Gegenüber der "Wiener Zeitung" verweist eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft darauf, dass nur Anklage erhoben werden dürfe, wenn die Verurteilungswahrscheinlichkeit höher als die Wahrscheinlichkeit eines Freispruchs ist. Bei einer im Fall von R. beantragten DNA-Analyse wurden keine biologischen Spuren des Arztes gefunden. Der von dieser Zeitung befragte Molekularbiologe und gerichtliche Sachverständige, Franz Neuhuber, erklärt, dass es sehr schwierig sei, DNA-Spuren zu finden, wenn es nur Hautkontakt gab. Den Rückschluss, dass es keinen Kontakt gab, könne man nicht ziehen.

Die von dem Arzt vorgebrachte "anerkannte Methode" gibt es in der Osteopathie tatsächlich, sie wird als "Vaginal-Touché" bezeichnet. Das bestätigt auch Diana Stöckl, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Osteopathie (OEGO). Eine sehr gängige Methode sei es aber nicht. "Es bieten nur wenige an", sagt sie. Angewandt werde diese Therapieform vor allem bei Beschwerden im gynäkologischen Bereich, wie zum Beispiel Regelschmerzen oder Kinderwunsch, so Stöckl. Der Orthopäde gibt bei seiner Vernehmung auch an, dass Manuela R. ihn wegen eines Kinderwunsches aufgesucht habe. R., Mutter eines damals 20 Monate alten Kindes, widerspricht dem. Auf der Rechnung ist auch Cervikalsyndrom angegeben.

Da die Osteopathie einen holistischen Ansatz verfolgt, also alles mit allem zusammenhängen kann, könne diese Behandlung zwar theoretisch auch bei Fußschmerzen zum Einsatz kommen. "Für gewöhnlich sind es aber gynäkologische Probleme oder Steißbeinschmerzen", sagt Stöckl.

Osteopathie ist in Österreich allerdings nicht gesetzlich geregelt. Das bedingt, dass es nur Empfehlungen gibt, wann und wie etwa eine solche intravaginale (oder rektale) Behandlung zur Anwendung kommen soll. Zum Beispiel, dass diese nicht am selben Tag vorgenommen werden sollte, an dem sie den Patientinnen vorgeschlagen wird. Aber es sind eben nur Empfehlungen. "Wir hätten es gerne reglementiert", sagt Stöckl.

Keine gesetzliche Reglementierung

Weil es aber keine gesetzliche Reglementierung gibt, fehlt der Gesellschaft auch eine Handhabe, wenn gegen Empfehlungen verstoßen wird. Die OEGO hat zwar eine Schlichtungsstelle, aber "wir können nur zwischen den Parteien vermitteln", sagt Stöckl. Eine Mediation ist bei diesen Vorwürfen aber ohnehin nicht das geeignete Instrument.

Das Strafrecht ist allerdings oft stumpf. "Es greift nur in bestimmten Fällen", sagt Sigrid Pilz, Leiterin der Wiener Patientenanwaltschaft. Die Staatsanwaltschaft hat die Vorwürfe geprüft und aus ihrer Sicht keine hinreichenden Beweise gefunden, die eine Verurteilung wahrscheinlich machen. Die beiden Frauen sind jedoch überzeugt, dass sie nicht die einzigen Betroffenen sind. Mehr noch, Manuela R. erfuhr bei eigenen Nachforschungen von weiteren Fällen. Darauf deuten auch Recherchen dieser Zeitung hin, wenngleich es nur lose Hinweise sind.

Die Vorwürfe sind aber nicht nur strafrechtlicher Natur. Beide erklärten, dass sie der Arzt über seine Behandlungsabsicht nicht aufklärte und auch kein Einverständnis einholte. Dieser Vorwurf hat zwar potenziell auch eine strafrechtliche Dimension, weil im §110 des StGB die "Eigenmächtige Heilbehandlung" unter Strafe gestellt ist, wenn nämlich eine Behandlung ohne Einwilligung vorgenommen wurde. Doch dabei handelt es sich um ein Privatanklagedelikt, die Staatsanwaltschaft ermittelt hier nicht. Beweise muss die Privatanklägerin selbst sammeln und vorbringen.

Da Osteopathie gesetzlich nicht geregelt ist, die Behandlungsmethode tatsächlich existiert und es keine Zeugen gibt, ist es schwierig, einen Übergriff auch wirklich nachzuweisen. In Deutschland wird in Einwilligungserklärungen explizit darauf hingewiesen, dass diese Behandlung "subjektiv als sexueller Missbrauch erlebt werden kann". Umso bedeutender ist daher die Aufklärungsnotwendigkeit. "Ich sehe hier die Ärztekammer in der Pflicht", sagt Pilz.

Ärztekammer kann selbst aktiv werden - geheim

Die beiden Fälle landeten auch dort. "Natürlich wird das verfolgt", sagt Präsident Thomas Szekeres. Die Erklärung, dass es sich um eine gängige Behandlungsmethode handle, "reicht für die Ärztekammer nicht", sagt er. Das Ärztegesetz geht über das Strafgesetzbuch hinaus, Verstöße, etwa gegen Aufklärungspflichten, führen zu disziplinarrechtlichen Verfahren. Das ist hier auch passiert. Über den konkreten Fall selbst darf Szekeres nicht sprechen.

Auch wenn osteopathische Behandlungen nicht gesetzlich geregelt sind, seien Ärzte "für alles verantwortlich", wenn sie ärztlich tätig sind, ergänzt Kammeramtsdirektor Johannes Zahrl. Wie das Disziplinarverfahren gegen den Orthopäden ausgegangen ist, darüber wird keine Auskunft erteilt. Es ist ein geheimes Verfahren, selbst Opfer erhalten keine Information darüber. Geheim ist geheim, so hat es der Gesetzgeber ins Ärztegesetz geschrieben. Zahrl hätte das gerne geändert, wie er sagt. Möglich sind Sanktionen vom reinen Verweis bis zur Streichung von der Ärzteliste.

Die Ärztekammer kann einem praktizierenden Arzt aber auch "Vertrauenswürdigkeit" absprechen. Bei strafrechtlichen Verurteilungen sei dies leichter, sagt Zahrl. Diese Entscheidung obliegt in diesem Fall dem Präsidenten der Ärztekammer, der dabei von einem Ehrenrat beraten wird. "Das muss aber sehr gut begründet sein", sagt Szekeres. Gegen eine solche Streichung kann ein Arzt gerichtlich vorgehen. Ob es ein Verfahren gibt oder gab, darf Szekeres auch nicht sagen. Was öffentlich ist, ist die Ärzteliste. Auf ihr findet sich nach wie vor der Name des Orthopäden. Er ordiniert weiterhin.

* Name der Redaktion bekannt.