Nicht zum ersten Mal könnte eine seltene Tierpopulation den Planern für den 16,5 Kilometer langen ÖBB-Tunnel für die Hochleistungsstrecke im Salzburger Flachgau einen Strich durch die Rechnung machen. Anrainer hatten in den vergangenen Wochen zwei Naturwissenschafter ersucht, einen der künftigen Tunnel-Einfahrtsbereiche genau zu untersuchen. In dem kleinen Waldstück stießen die beiden nun auf ein Vorkommen des EU-weit geschützten Schwarzen Grubenlaufkäfers.

"Die ÖBB haben mehrfach versichert, das Gebiet untersucht und dort keine Käfer gefunden zu haben. Jetzt haben die Experten aber eine stattliche Population des Schwarzen Grubenlaufkäfers nachgewiesen", sagte Wilfried Rogler, der die Bürgerinitiative "Aktion lebenswerter Flachgau" berät, am Donnerstag bei einem Pressegespräch. Für ihn ist klar, dass die ab Oktober geplanten Probebohrungen der Bundesbahnen nicht stattfinden dürfen. "Sollten die ÖBB das Käfer-Vorkommen ignorieren, verstoßen sie nicht nur gegen das Salzburger Naturschutzgesetz, sondern auch gegen EU-Recht". Rogler sieht nun eine Chance auf eine Nachdenkpause und der Diskussion über andere Tunnel-Varianten gekommen.

Die Projektgegner - die sich grundsätzlich für eine Verlagerung des Verkehrs auf die Schiene und einen besseren ÖPNV aussprechen - kritisierten heute auch die für den Bau geplante Grundwasserabsenkung um rund 15 Meter. Der Baugeologe Georg Spaun forderte etwa weitere geologische Untersuchungen im Baustelleneinrichtungsbereich. Er fürchtet eine Gefährdung der Trinkwasserversorgung durch die gewählte Trasse und das Versiegen von Quellen. "Der Tunnel soll laut ÖBB die wasserführenden Schichten unterfahren. Aber wir wissen im Detail schrecklich wenig über die Herkunft des Wassers."

Geschützte Steinkrebse in Oberösterreich

Die ÖBB hatten am 9. September bekannt gegeben, den Großteil des Ausbruchmaterials für den geplanten Tunnel nahe der Baustelleneinrichtung im Köstendorfer Ortsteil Karlsreith endlagern zu wollen. Auf rund 40 Hektar sollen mehr als zwei Millionen Kubikmeter Tunnelausbruchmaterial Platz finden. Die Bundesbahnen sprachen damals von einer umweltverträglichen, technisch machbaren und zugleich auch wirtschaftlichsten Lösung.

Nachdem der ursprünglich geplante Deponiestandort im Steinbachgraben in Oberösterreich aufgrund eines Vorkommens an geschützten Steinkrebsen nicht genehmigungsfähig war, habe man sechs Varianten geprüft. Ein Abtransport des Materials mit der Bahn hätte nicht nur einen anderen Deponie-Standort benötigt, sondern die ohnehin schon stark ausgelastete Weststrecke weiter belastet. Zudem hätte die Bahnverfuhr rund 100 Millionen Euro mehr gekostet, als der nun gewählte Standort Karlsreith. Die ÖBB wollen die Deponie bis Ende des Jahres zur Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) einreichen.

Rogler verweist heute auf den UVP-Antrag, in dem während der Bauzeit von bis zu 900 Lkw-Fahrten täglich die Rede ist. "Bis jetzt gibt es dazu kein schlüssiges Verkehrskonzept der ÖBB". Genauso fehle ein humanmedizinisches Gutachten über die Lärm- und Staubbelastung während der rund 17-jährigen Bauzeit - und eine Ökobilanz des Bauvorhabens.

"Einer der größten und prächtigsten Käfer"

"Wir wären für ein sinnvolles Gesamtkonzept, kein singuläres Projekt, das vier Minuten Zeitersparnis bringen soll." Denn eine Engstelle vor dem geplanten Tunnel werde in der Planung gar nicht mitberücksichtigt. "Zuerst bremst der Güterzug, dann beschleunigt er im Tunnel wieder, um knapp vor dem Salzburger Hauptbahnhof wieder zu bremsen, weil dort eine Kurve nur 80 oder 90 Stundenkilometer erlaubt."

Wie der Käferexperte Jonas Eberle von der Universität Salzburg am Dienstag erklärte, sei der Schwarze Grubenlaufkäfer einer der größten und prächtigsten Käfer, die es hierzulande gebe. Er lebt in Quellsumpfwäldern mit dauerhaft sauberem Wasser und Holz - eine Umgebung, die für ihn überlebensnotwendig sei. Dieser Lebensraum für den Käfer sei zuletzt aber sehr knapp geworden. Zuletzt habe es nur sechs Nachweise im ganzen Land Salzburg gegeben, wo dieser Käfer vorkomme. "Darum ist die Art auch in der FFH-Richtlinie der EU enthalten."

ÖBB: "Keine Hinweise auf Käfer"

Die ÖBB reagierten am Donnerstag auf die Entdeckung. "Aus unserer Sicht haben wir ein umweltverträgliches Projekt eingereicht. Vorbereitend für die Umweltverträglichkeitsprüfung wurden im Auftrag der ÖBB umfangreiche Kartierungen der Tier- und Pflanzenwelt erstellt", teilte die ÖBB-Infrastruktur AG in einer Stellungnahme mit.

Dabei habe es zum Zeitpunkt der Erhebungen weder im Bereich des Ostportals, noch im Bereich der Baustelleneinrichtungsfläche oder der geplanten Deponie Hinweise auf den Grubenlaufkäfer gegeben. "Auch im Fachbereich Hydrologie liegen zu den im Projektumfeld befindlichen Trinkwasserquellen umfangreiche Erkundungsergebnisse vor", reagierte das Unternehmen auf Befürchtungen von Anrainern, dass durch den Bau die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung betroffen sein könnte.

"Das Projekt wird derzeit im Rahmen eines UVP-Verfahrens durch Sachverständige im Auftrag der zuständigen Behörde geprüft. Mögliche neue Erkenntnisse können im Rahmen der UVP bei der Behörde eingebracht werden. Die Sachverständigen haben diese dann zu beurteilen", hieß es in der Stellungnahme weiter.

Die Forderung nach einem "sinnvolleren Gesamtkonzept" der Projektgegner, wies die ÖBB-Infrastruktur AG heute zurück. Man orientierte sich in der strategischen Ausrichtung am "Zielnetz 2025+", der Ausbaustrategie für die Entwicklung der Bahninfrastruktur. Vorrangige Anforderung sei dabei der viergleisige Ausbau der Weststrecke rund um die Ballungszentren. (apa)