Es ist eine Geschichte, die nur selten erzählt wird. Wenn es Überlebende gibt, erinnern sie sich oft nicht. Und wenn doch, schweigen sie aus Scham. Und manchmal können sie sich aufgrund einer komplett zerrütteten Innenwelt gar nicht mehr artikulieren. Die Rede ist von rituellem sexuellem Missbrauch, ein systematisches, von organisierten Gruppen ausgeführtes Gewaltverbrechen. Auch Laurent Ziegler hätte seine Geschichte beinahe nicht erzählt. Der Wiener Fotograf und Maler weiß erst seit ein paar Jahren, was mit ihm als Kind passiert ist. Ziegler beschloss aber, den Weg des Überlebenden zu gehen: Er will seine Geschichte öffentlich machen, um das Bewusstsein für derartige Fälle von Kindesmissbrauch zu schärfen, und um Betroffenen Mut zu machen.

Zu diesem Anlass hat der Künstler ein Buch veröffentlicht, mit dem Namen: "Die Erinnerungen an meine Kindheit". Es ist voll mit Tagebucheinträgen, Fotografien und Malereien, um dem Unaussprechlichen ein Gesicht zu verleihen. Das Nachwort zu dem Buch hat Menschenrechtsanwalt Manfred Nowak geschrieben, der daran erinnert, dass der Handel und die Ausbeutung von Kindern heute mehr denn je eine traurige Realität ist.

Verletzungen des Körpers: eine Zeichnung aus dem Buch. - © Ziegler
Verletzungen des Körpers: eine Zeichnung aus dem Buch. - © Ziegler

"Wiener Zeitung": Ihr Buch ist eine Aufarbeitung der rituellen Gewalt, die Sie als Kind erfahren haben. Sie sind mittlerweile 51 Jahre alt, doch diese konkreten Erinnerungen sind erst vor kurzem durch lange Therapie-Arbeit aufgebrochen. Wann haben Sie gespürt, dass es etwas gibt, was erforscht werden muss?

Laurent Ziegler hat Tagebucheinträge und Bildeindrücke zu einem Buch zusammengefasst. - © Agnes Prammer
Laurent Ziegler hat Tagebucheinträge und Bildeindrücke zu einem Buch zusammengefasst. - © Agnes Prammer

Laurent Ziegler: Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, hatte ich schon immer. Ich bin als Kind immer wieder abgehauen von zuhause und habe physische Gewalt erfahren. Ich hatte selten einen Ort der Geborgenheit, und Einsamkeit war das Grundthema meines Lebens. Aber ich hab es nie auf Missbrauch bezogen. Ich bin zwar auch als Teenager mit 15, 16 missbraucht worden. Aber das war jemand, den ich selbständig kennengelernt habe, dem ich nicht zugeführt worden bin. Den habe ich nie in den Kontext zu meinem familiären Umfeld gesetzt. Die Erinnerung, dass ich als Kind rituell missbraucht worden bin, ist wirklich erst durch die Therapie der vergangenen drei Jahre herausgekommen.

Wie kam es schließlich zu der Therapie?

In den vergangenen zehn Jahren ging es mir nicht mehr gut. Ich hatte keine funktionierenden Beziehungen mehr, ich habe nur noch verbissen gearbeitet, aber ich bin immer mehr abgerutscht in ein Gefühl der Isolation. Ich hatte sehr konkrete suizidale Gedanken. Ich habe gewusst, wenn ich mich jetzt nicht aus dem Loch herausziehe, dann war es das. Ich habe immer gefühlt, es muss Körpertherapie sein. Gesprächstherapie allein hilft mir nicht.

Wie sind die Erinnerungen gekommen?

Wenn du als Kind traumatische Erfahrungen hast, dann dissoziierst du, also es trennen sich psychische Funktionen voneinander ab. Du spaltest die Erinnerungen ab, sperrst sie weg und weißt vordergründig nichts mehr davon, weil du es sonst nicht aushältst. Es gibt ja viele Kinder mit einem solchen Doppelleben, Kinder, die ganz normal in die Schule gehen. Was in so einem dunklen Kontext passiert, ist nicht zugänglich für die Psyche. Das hat dann keine Brücke zum Alltag. Ich habe das ja auch alles nicht mehr gewusst, aber der Körper speichert diese Erfahrungen trotzdem ab.

Wie schnell konnten Sie auf Ihr Körpergedächtnis zugreifen?

Das hat gedauert, auch, weil ich schon relativ alt bin und es so lange zurückliegt. In den ersten sechs Monaten kamen nur Horror, Panik, Schweißausbrüche und Selbstverletzungen. Ich hatte Erstickungsanfälle, aber es war alles schwarz, es kamen keine Bilder. Und dann nach einem dreiviertel Jahr gab es erstmals eine Wahrnehmung von mir in einem Gitterbett und ich werde missbraucht von Männern, die um mich herumstehen. Dass es etwa Heftiges in meiner Kindheit gegeben hat, war mir klar. Aber erst da wusste ich, es ging um Missbrauch. Dann war die Tür offen, und bei jeder weiteren Sitzung kamen neue Bilder.

Waren Sie erleichtert, als Ihnen diese Erinnerungen zugänglich wurden?

Eigentlich ja. Ich habe mich davor immer gefragt, ob ich spinne. Und wieso ich mich schlage und mich gegen die Wand werfe. Die Erinnerungen waren ein Schock aber auch befreiend.

Sie haben intensiv gearbeitet, um diese Bilder wieder hoch zu beschwören. Gibt es Zweifler, die sagen: Das ist alles Einbildung? Das ist etwas, was Sie vielleicht im Fernsehen gesehen haben?

Natürlich gibt es Leute, die ein "False Memory Syndrome", oder Erinnerungsfälschung in den Diskurs werfen. Aber dazu müsste ich gewusst haben, was rituelle Gewalt ist, was bei mir nicht der Fall war. Ich hatte auch das Glück, dass ich Therapeuten habe, die mir nie etwas suggeriert haben, die mich eher gebremst haben. Alles, was in diesen Prozessen hervorkam, habe ich vorher nicht gekannt. Meine Therapeuten haben mir später Studien gegeben, wo Opfer von sexuellem Missbrauch fast ident meine Geschichte erzählen. Rituelle Gewalt ist übrigens inzwischen offiziell begrifflich verankert, aber früher galt das als Hokuspokus.

Wie alt waren Sie, als Sie missbraucht wurden?

Das kann ich nur schätzen. Meine ersten Erinnerungen sind eben an ein Gitterbett. Weitere Erinnerungen sind im Vorschulalter, vier, fünf, sechs Jahre.

Wie viele Menschen waren an solchen Gewaltakten beteiligt?

Es gab verschiedene Settings. Manchmal war ich alleine, manchmal mit anderen Kindern, die fixiert waren und gequält wurden. An die Männer habe ich nur die Erinnerung, dass es Gruppen mit verhüllten Gesichtern waren.

Trotzdem wissen Sie bei ein paar Tätern den Namen. Das Buch lässt bewusst die Nennung dieser Personen aus.

Ich habe keine Beweise und will mich nicht angreifbar machen. Das Buch ist auch keine Anklage, mir geht es nicht darum, Rache zu üben oder zu erklären, wer Opfer und wer Täter ist. Für mich ist meine Aufgabe, meine Geschichte zu teilen. Ich will sagen: Das gibt es, und das habe ich erlebt. Und ich bin trotzdem noch da, und ich habe mein Leben. Ich will ein gutes Leben haben. Ich will damit auch anderen Leuten, die das erlebt haben, Mut machen: Man kann damit leben, man kann sich zeigen. Weil es natürlich auch ganz stark mit dem Thema Scham und Verstecken zusammenhängt. Das Buch soll für mehr Bewusstsein in der Gesellschaft sorgen. Weil Missbrauch omnipräsent, und rituelle Gewalt oft kein Einzelfall ist. Die Macht der Täter ist, dass sie wissen: Es wird den Opfern niemand glauben. Das kommt ja vor, das sind Verfahren, die maximal in der Schublade enden, weil es keine Beweise gibt. Dass ich kein Einzelfall bin, liegt für mich auf der Hand.

Sie sind aus Ostösterreich. Waren es lokale Netzwerke oder gab es internationale Organisationen?

Ich habe neben Österreich auch Erinnerungen an Italien. Und ich habe manchmal das Gefühl, dass die Kinder, die mit mir waren, auch unter anderem aus dem Osten kamen. Aber das ist sehr vage. Ich weiß aber, dass es verschiedene Plätze waren.

In dem Buch stellen Sie manchmal die Frage, wo Ihre Familie war.

Kein Kind kann jahrelang in Kreisen von ritueller Gewalt eingeschleust werden, ohne dass es die Eltern mitbekommen. Das geht sich einfach nicht aus. Ich war auch ein entsprechend auffälliges Kind, ich war lange nicht sauber. Ich hab mich körperlich nur eingeschränkt bewegen können, ich hatte schlechte Noten in Turnen.

Sie haben in der Vergangenheit viel versucht, um die Autonomie über Ihren Körper zurückzuerlangen, Sie haben etwa auch eine Ausbildung als Tänzer gemacht und beschäftigen sich in Ihrer Arbeit als Fotograf mit Thema Körper.

Ja. Ich weiß, dass meine Welt mehr ist, als meine Hülle. Aber wenn ich meinen Körper annehme, mit allem, was dazu gehört, muss ich wieder ins Leben bringen, was mit mir passiert ist. Ich bin nicht meine Geschichten. Aber ich habe trotzdem einen Körper, der Erfahrungen gemacht hat. Dazu zählt etwa auch eine Hauterkrankung, die ich habe. Diese Weißfleckenerkrankung ist im Teenager-Alter ausgebrochen, und hat sich von meinem Becken weg, über meinen ganzen Körper ausgebreitet. Früher bin ich auf der Straße gefragt worden, ob ich mich schminke. Weil ich es auf den Wangen, auf dem Mund, überall hatte. Seit ich meine Erinnerungen aufarbeite, gehen die Flecken zurück.