Kommt ein zweiter Corona-Lockdown? Wenn ja, hätte er nicht nur massive wirtschaftliche Folgen, sondern auch soziale. Andrea Schwarz, Bereichsleiterin im meist ausgelasteten Hospiz Rennweg in Wien der Caritas Socialis (www.cs.at) mit zwölf Plätzen in zehn Einzelzimmern und einem Doppelzimmer, erzählt im Interview, wie sie den ersten Corona-Lockdown erlebt hat und was sie daraus für sich und ihr Team mitgenommen hat.

- © stock adobe/alephnull
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"Wiener Zeitung": Was war für Ihr Hospiz das Schlimmste im und nach dem Corona-Lockdown?

Andrea Schwarz: Die größte Herausforderung war tatsächlich die Besuchersituation, weil wir eigentlich ein sehr offenes Haus sind. In der Begleitung Schwerkranker und Sterbender spielen Besuche eine ganz große Rolle. Wir haben nie keine Besucher zugelassen, sondern immer die Ausnahmeregelung genutzt. Wir haben dann die Besucherzahl auf zwei pro Hospizgast reduziert, die aber rund um die Uhr da sein durften. Aus Italien haben wir von Verabschiedungen am Telefon gehört, von Angehörigen, die nicht einmal zum Begräbnis kommen konnten. Das wollten wir unbedingt vermeiden. Es durften aber immer nur dieselben zwei Besucher kommen. Das war natürlich für Familien mit mehreren Kindern hart. Es war auch herzzerreißend für unsere Mitarbeiter. Wir wollen ja, dass die Familie unsere Hospizgäste begleitet. Als sich dann die Corona-Zahlen wieder verbessert haben, konnten wir auf sechs Besucher pro Gast erhöhen, aber nicht mehr als zwei gleichzeitig. Das ist gut gegangen.

Andrea Schwarz war "sehr froh, eine Systemerhalterin zu sein". - © Wolfgang Hirsch
Andrea Schwarz war "sehr froh, eine Systemerhalterin zu sein". - © Wolfgang Hirsch

Wie ging es den Angehörigen?

Es hat viele Diskussionen gegeben, viele Gespräche gebraucht. Manche haben sich klaglos daran gehalten, andere hatten gar kein Verständnis und haben gemeint: "Meinem Angehörigen geht es schon so schlecht, dem kann nicht mehr passieren."

Kann man denn im Hospiz ein erhöhtes Sterberisiko durch Covid-19 gegen die Schrecken der Einsamkeit aufrechnen?

Es wirkt vielleicht so, dass man einen früheren Tod, dafür im Kreis der Familie, gegenüber einsamem Sterben bevorzugen könnte. Ich glaube aber, die Covid-19-Symptome sind so schlimm, dass man daran nicht sterben möchte. Wir sind natürlich in dieser Zeit alle ein Stück einsamer geworden. Aber wir haben Mitarbeiter, die sich sehr gut um die Schwerkranken und Sterbenden kümmern. Eine diplomierte Krankenschwester betreut vier Hospizgäste.

Das heißt, Sie müssen auch auf Ihr Personal achten.

Gott sei Dank ist bis jetzt niemand ausgefallen. Wir schützen uns auch gut und halten die Hygienerichtlinien ein. Wir wollen natürlich auch bei Ausfällen unseren Standard halten. Jeder stirbt nur einmal, da gibt es keine Generalprobe. Da sollten keine Fehler passieren, es lässt sich ja nichts mehr korrigieren. Gegen die Einsamkeit haben wir auch zwei Katzen auf der Station. Und es sind auch im Lockdown Ehrenamtliche zu uns gekommen und haben geholfen, den Tag zu füllen. Insgesamt haben wir im Hospizbereich rund vierhundert ehrenamtliche Mitarbeiter. Aber natürlich: Die Familie ist die Familie, und die Kinder sind die Kinder. Und wenn es der größte Wunsch ist, eine Tochter, die in Innsbruck lebt, noch einmal zu sehen, dann werden wir nicht Nein sagen.

Auch wenn Innsbruck gerade der größte Corona-Cluster wäre?

Man kann sich ja testen lassen und besondere Hygienemaßnahmen einhalten. Besser, sie ist im Schutzanzug da als gar nicht. Wir haben sehr gut auf unser Personal geschaut, aber schon auch versucht, ganz dringende Wünsche noch zu erfüllen. Aber das ist natürlich nichts im Vergleich zu früher. Vor Corona war das Haus komplett offen, da waren bei Hospizgästen aus bestimmten Kulturkreisen auch schon einmal hundert Angehörige da.

Die Caritas Socialis betreut auch Pflegeheime und Hauskrankenpflege. Gab es da im Lockdown neben Sehnsucht nach Besuchen auch ein gewisses Abschiebephänomen?

Manche leiden extrem, wenn sie nicht mehr regelmäßig da sein können. Andere sind nicht ganz unglücklich, wenn sie nicht mehr dreimal pro Woche kommen dürfen und ein bisschen mehr Ruhe haben. Ich glaube, es hat auch Bewohner gegeben, die nicht unbedingt einsamer waren und das Alleinsein genossen haben, während andere große Sehnsucht nach der Familie hatten. Wir haben in den Pflegeeinrichtungen sehr rasch Plauderinseln eingerichtet, wo man einander unter Einhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen treffen konnte.

Haben sich die Hospizgäste anders verhalten, als Sie es gewohnt sind?

Wir betreiben auch ein mobiles Palliativteam, das Hausbesuche macht. Da haben wir schon beobachtet, dass stärker als früher abgewogen wurde, was den Betroffenen wichtiger ist: die stationäre Betreuung oder zuhause zu bleiben und dort mehr soziale Kontakte haben zu können.

Hat Corona bei Ihnen selbst etwas verändert?

Ich war sehr froh, eine Systemerhalterin zu sein, weil wir auch im Lockdown gearbeitet haben. Diese Routine hat unserem Team schon gutgetan. Wir hatten natürlich weniger Termine von außen und haben uns mehr aufs Innere konzentriert. Wir haben auch virtuelle Kommunikation verstärkt kennen und auch schätzen gelernt. Und wir haben in der Krise extrem zusammengehalten. In der gesamten Organisation mussten wir übergreifender arbeiten, das hat letztlich auch Vorteile gebracht. Man lernt einander besser kennen und merkt, wie man sich aufeinander verlassen kann. Das macht einen auch stolz auf die Mitarbeiter. Und es haben sich die Wertigkeiten verschoben. Es hat keine Alltagszickereien gegeben.

Die Caritas Socialis, vor allem das Hospiz, lebt überwiegend von Spenden. Gab es da Rückgänge?

Ja, seit dem Sommer merken wir einen Spendenrückgang um ein Drittel. Wir hoffen sehr, dass die Menschen die Hospizbegleitung weiter unterstützen, um ein Verabschieden so schmerzfrei wie möglich in Würde und Geborgenheit ermöglichen zu können.