Für die Herausgeber des Fachmagazins "Science" sind wirksame Impfungen gegen die Lungenkrankheit Covid-19 der wissenschaftliche Durchbruch des Jahres 2020. In ihrer Weihnachtsausgabe ehren sie insbesondere die "rasant schnelle" Entwicklung der neuen Vakzine, die in Europa schon jetzt verabreicht werden, obwohl den Erreger Sars-CoV-2 noch vor einem Jahr kaum jemand kannte. "Noch nie haben so viele Personen so offen und regelmäßig zusammengearbeitet", heißt es.

Dass Covid-19 durch ein Virus entsteht, ist Glück im Unglück, denn gegen Viruserkrankungen helfen Impfstoffe. Volkskrankheiten wie Krebs lassen sich weniger leicht verhindern. - © apa/Georg Hochmuth
Dass Covid-19 durch ein Virus entsteht, ist Glück im Unglück, denn gegen Viruserkrankungen helfen Impfstoffe. Volkskrankheiten wie Krebs lassen sich weniger leicht verhindern. - © apa/Georg Hochmuth

Im ersten Halbjahr sollen weitere Vakzine gegen Covid-19 auf den Markt kommen. Als besonders interessant gelten die Phase-III-Ergebnisse der US-Firmen Novavax und Johnson&Johnson, deren Wirkstoffe einfacher zu erzeugen und zu lagern sind als das bereits zugelassene RNA-Vakzin von Biontech/Pfizer, das nur bei Niedrigsttemperaturen haltbar bleibt. Selbst gegen eine neue Mutation, die kürzlich in Großbritannien entstanden ist und sich ihren Weg um die Welt bahnt, sollen die Impfungen wirken.

Obwohl sie bereits länger andauert, als viele gehofft hatten, scheint ein Ende der Pandemie nun langsam in greifbarer Nähe. Alles wird wieder normal, darf man für 2021 begründet hoffen. Warum aber ziehen Regierungen, Industrie und Wissenschaft im Kampf gegen andere Krankheiten nicht ähnlich an einem Strang? Wie kommt es, dass gegen Sars-Cov-2 sehr schnell ein Gegenmittel gefunden wurde, während bei anderen Infektionskrankheiten seit Jahrzehnten an Vakzinen geforscht wird? Weshalb bringt man bei chronischen, tödlichen Volkskrankheiten nicht ähnlich viel weiter, um sie zu besiegen? Fragen wie diese werden intensiv in Sozialen Medien und Leserforen im Internet diskutiert.

Explosionsartiges Wissen

Eines vorweg: Die Corona-Forschung ging auch deswegen schnell voran, weil sie auf vorhandenem Wissen aufsetzen konnte. "Bei den Impfungen gegen Covid-19 ist die Design- und Versuchsphase entfallen, weil man auf vorhandenen Arbeiten zu den Coronaviren Sars und Mers aufbaute", erklärt Florian Krammer von der Icahn School of Medicine in New York in einem Video zum Thema. Das sogenannte Spike-Protein war als Ziel-Antigen bekannt, und es konnten Prozesse von anderen Vakzinen übernommen werden. Aufgrund der explosionsartigen Verbreitung von Sars-CoV-2 gibt es außerdem zahlreiche Probanden, sodass verschiedene Impfstudienphasen parallel durchgeführt werden können. Und wegen der Situation einer Pandemie, bei der, so Krammer, "weltweit täglich sehr viele Menschen sterben", wurden Genehmigungen priorisiert und entsprechende finanzielle Mittel sofort bereitgestellt.

Die Erreger von Malaria oder Aids sind anders geartet und komplexer als die vergleichsweise simpel aufgebauten Coronaviren. Covid-19 ist in der Regel nach zwei Wochen überstanden. Etwa einen Monat später sind im Körper keine Virenpartikel mehr nachweisbar. Im Allgemeinen gelten Coronaviren außerdem als eher wenig mutationsfreudig. Der Aids-Erreger HIV verbleibt hingegen über Jahre im Körper und mutiert ständig. Ein Impfstoff konnte bisher nicht dauerhaft vor einer Infektion schützen. Keines der bisher am Menschen getesteten Präparate brachte die erwünschte Wirkung.

Malaria wiederum wird nicht von Viren, sondern von Parasiten übertragen. Eine sichere, anhaltende und vor allem bezahlbare Impfung ist deswegen nicht in Sicht, "weil Parasiten dem Immunsystem immer wieder entwischen. Sie haben vielfältige Mechanismen entwickelt, um sich einer schützenden Immunantwort des Wirts zu entziehen", informiert das Max Planck Institut für Infektionsbiologie in Berlin.

Parasiten und Mutationen

Die meisten bekannten Impfstoffe gegen Viruserkrankungen sind von der Natur abgeschaut und schützen vor akuten Infektionen, die, wenn überstanden, einen dauerhaften Schutz gegen Re-Infektionen auslösen. Doch in von Malaria betroffenen Gebieten baut der Mensch über viele Jahre hinweg einen nur partiellen, kurzlebigen Abwehrschirm auf, der sich nicht gegen die Parasiten selbst richtet, sondern nur den Krankheitsverlauf abmildert.

Je komplexer eine Krankheit ist, desto schwieriger ist es also, sich gegen sie zu schützen. In wohl keinen medizinischen Bereich wurde in den vergangenen Jahrzehnten so viel Geld investiert wie in die Krebsforschung. Obwohl viele Krebsformen immer noch tödlich verlaufen, können immer mehr von ihnen entweder geheilt oder zumindest in Schach gehalten werden. Der Output der Krebsmedizin kann sich sehen lassen, selbst wenn der Hype rund um den Corona-Impfstoff diese Fortschritte nahezu klein zu machen scheint. Wiewohl "ein riesiger Unterschied zu Corona" besteht, erklärt Joachim Widder, Leiter der Universitätsklinik für Radioonkologie und des Comprehensive Cancer Center in Wien.

Tumore weitaus komplexer

"Covid-19 ist eine Krankheit, die neu ist, ansteckend, und das Virus ist gut definiert", sagt Widder. "Krebs dagegen besteht aus 1000 Krankheiten, die nicht ansteckend sind und grundverschieden, von beinahe harmlos bis zu rapide tödlich und allem dazwischen." Wäre Krebs ansteckend und würde innerhalb kürzester Zeit das gesamte soziale und wirtschaftliche Leben zum Erliegen bringen, "dann würden aber noch andere Anstrengungen gemacht", ist sich Widder sicher. "Der soziale Schaden, den diese Corona-Infektion derzeit im Leben der Menschen anrichtet, ist schon um ein paar Größenordnungen höher als der Schaden, den Krebserkrankungen anrichten, zumindest akut."

Fortschritte in der Krebsforschung, die in den vergangenen Jahren erzielt wurden, zeigen sich in allen Bereichen. So ist die chirurgische immer noch die erfolgreichste Behandlungsform, wenn es um Krebsheilung geht. Sie wird hochgradig perfektioniert. Eingriffe sind zunehmend weniger invasiv und können immer öfter roboterunterstützt durchgeführt werden. Auch die Möglichkeiten der Radioonkologie sind mit jenen vor 20 Jahren nicht zu vergleichen. Strahlenbehandlungen sind laut Experten präziser und schonender. Mit medikamentösen Therapien ist es in vielen Fällen möglich, die Krankheit wesentlich abzumildern.

Impfung gegen Krebs

Der neue RNA-Impfstoff, der derzeit gegen Covid-19 eingesetzt wird, stammt im Übrigen aus der Krebsforschung. Dort hat er zwar noch nicht den erwünschten Effekt erzielt, eben weil Krebs nicht einen einzigen Erreger hat, doch die Forschung arbeitet weiter. Ein wirksames Krebsvakzin hat sie bereits hervorgebracht, nämlich jenes gegen humane Papillomaviren. Mit der HPV-Impfung, die jungen Mädchen verabreicht werden kann, kann eine Reihe von Tumorarten, wie etwa Gebärmutterhalskrebs, verhindert werden. Gelänge das auch bei anderen Krebsformen, wäre dies "das absolute Traumziel", betont Radioonkologe Widder.

Vorerst ein Traum scheint die Möglichkeit, gefürchtete Demenzerkrankungen zu verhindern. US-Behörden wollen im kommenden Jahr die Genehmigung des ersten Medikaments, das das Fortschreiten von Alzheimer verlangsamen soll, prüfen. Der Antikörper namens Aducanumab der Pharmafirma Biogen bindet sich an das Amyloid-Protein im Gehirn, das als Auslöser für die Demenzerkrankung gilt. Derzeitige Therapien sowohl gegen Alzheimer als auch gegen Parkinson wirken nur gegen die Symptome der Krankheiten.

Gespräch statt Wunderpille

Es sind im Wesentlichen drei Gründe, warum der wissenschaftliche "Durchbruch" bei Demenzerkrankungen bisher nicht stattgefunden hat. Erstens umfasst der Begriff "Demenz" ein ganzes Bündel verschiedener degenerativer neurologischer Erkrankungen. Der Forschungsgegenstand ist also nicht so leicht einzugrenzen. Zweitens haben Demenzen komplexe Ursachen, wobei der Lebensstil ein wesentlicher Faktor zu sein scheint. Und drittens lassen sich aus diesem Grund zwar einige wenige demenzielle Erkrankungen medizinisch behandeln, jedoch sind die Therapien nur bedingt wirksam, vor allem dann, wenn sie zu spät im Krankheitsverlauf ansetzen.

Auch wenn es keine Wunderpille gegen Demenz gibt, existieren immerhin Behandlungsmöglichkeiten nicht-pharmakologischer Natur. "Demenzen sind auf einer psychosozialen Ebene sehr gut therapierbar", sagt Stefanie Auer, Professorin für Demenzforschung an der Donau-Universität Krems und Leiterin des dortigen Zentrums für Demenzstudien. Das eigentliche Problem sei, dass Demenzerkrankungen meistens zu spät erkannt würden. Die Diagnoserate in Österreich liege bei 20 bis 30 Prozent.

Erst kürzlich hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Demenz unter die aktuell zehn häufigsten Todesursachen aufgenommen. Allerdings liegt die Tragik der - oft unerkannten - Demenz darin, dass Betroffene sehr lange mit ihr leben müssen, ohne Hilfe zu bekommen. Im Durchschnitt sind das rund 15 Jahre. Daher seien insbesondere Früherkennung und Prävention sehr wichtig, betont Auer. So ließen sich für die Betroffenen viele Jahrzehnte eines erfüllten Lebens trotz Demenz gewinnen.

Was die Früherkennung betrifft, hat die Demenzforschung in den vergangenen Jahren von Erkenntnissen der Epigenetik und der Molekularbiologie sehr profitiert. "Es gibt eine Reihe von Biomarkern, die ein bestimmtes Risiko, an einer Demenz zu erkranken, signalisieren", eläutert Auer. Im Blut, im Gewebe, sogar in den Knochen mehren sich zuerst die Anzeichen für Veränderungen im Zentralnervensystem. "Darin liegen große Chancen." Die Demenzforscherin will den Menschen die Angst nehmen, denn in Zukunft werden mehr und mehr Personen mit Demenz leben müssen. Unter den derzeit vorherrschenden Bedingungen - viel Stress, wenig Bewegung und tendenziell ungesundes Essen - macht das Gehirn früher schlapp als der Körper. "Durch einfache Interventionen, wie eine gesunde Ernährung, mehr Bewegung und geistige Betätigung, ließen sich viele Demenzerkrankungen hinauszögern", ist Auer überzeugt.