Da hat er wieder gefaulenzt, der liebe Student. Doch während des Lockdowns ist das halb so wild, die Prüfungen finden ja online statt. Ein fleißiger Kollege schickt dem Studenten per WhatsApp die Antworten. Und was der Kollege nicht weiß, lässt sich im Internet nachlesen.

Szenarien wie diese bereiten manchen Professoren Bauchweh. "Die Möglichkeiten zum Schummeln scheinen mir bei schriftlichen Prüfungen ziemlich hoch", sagt Strafrechtler Alexander Tipold von der Uni Wien. "Wenn ein paar Bekannte die Prüfung schon vorher geschafft haben, können die alle im Zimmer sitzen und eine Gemeinschaftsarbeit machen."

Einzelne Schummeleien hat es bei Online-Prüfungen gegeben, ein Massenphänomen ist es aber nicht. Das ergab eine Rundfrage der "Wiener Zeitung" bei Professoren, Uni-Assistenten, der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) und der Universität Wien.

Die beiden Unis setzen derzeit geschlossen auf Online-Prüfungen. Die WU wickelte ihre Großprüfungswoche Ende November ausschließlich online ab. An der Uni Wien gibt es Präsenzprüfungen nur ausnahmsweise, etwa bei praktischen Tests im Labor.

Als unproblematisch werden die mündlichen Online-Prüfungen per Video bewertet. Lehrende wie der Politologe Reinhard Heinisch von der Uni Salzburg berichten, dass die Prüfungen reibungslos abgelaufen sind. Auch Studentenvertreterin Dora Bertrandt, Vorsitzende der Fakultätsvertretung Jus an der Universität Wien, meint: "Die mündlichen Online-Prüfungen kommen gut an." Oft würden diese den Druck auf die Studenten verringern - etwa, weil sie am Prüfungstag nicht stundenlang in der Uni warten müssen, bis sie an der Reihe sind.

Unbeliebte schriftliche Tests

Schummeleien sind den Lehrenden bei mündlichen Prüfungen nicht untergekommen. "Erstens sieht man am Blick und an der Geschwindigkeit der Antworten, wenn jemand schummelt", sagt Verfassungsrechtlerin Bettina Perthold, Studienprogrammleiterin für das Jus-Diplomstudium an der Uni Wien. Zweitens könne man Fragen stellen, bei denen ein Student nachdenken und argumentieren müsse: "Da lassen sich die Antworten nicht ablesen."

Unpopulärer sind hingegen die schriftlichen Prüfungen. "Man muss davon ausgehen, dass hier versucht wird, zu schummeln", sagt Verfassungsrechtler Karl Stöger von der Uni Wien.

Normalerweise sei er ein "gefürchteter Prüfer", der von Studenten gemieden werde, so Tipold. So seien im Jänner 2020 zu seiner schriftlichen Prüfung, die noch als Präsenzprüfung stattfand, 62 Studenten angetreten: "Bei den anderen Prüfern sind es zumindest doppelt so viele." Nun aber seien für seinen Dezember-Termin 142 Kandidaten angemeldet gewesen, sagt Tipold. Er führt das auch auf bessere Möglichkeiten für Schummeleien zurück.

Eine höhere Anzahl an Prüflingen "mag daran liegen, dass Studenten derzeit spekulativ antreten und hoffen, irgendwie durchzukommen", sagt Bertrandt. Laut der Studentenvertreterin kommen die schriftlichen Prüfungen "weniger gut an": "Sie sind entweder länger und schwerer oder einfach nur schwerer als sonst."

Massenhafte Schummelversuche wurden an der WU und Uni Wien nicht aufgedeckt. Dass es keine großflächigen Manipulationen gegeben haben dürfte, darauf deuten auch die Ergebnisse hin. Sie sind laut Lehrenden weitgehend gleich geblieben. "Der Notenschnitt hat sich im Vergleich zu den Prüfungswochen vor Corona nicht verändert", so eine Sprecherin der WU.

Der Trick mit den Gruppen

Einzelfälle aber sind aufgeflogen. "Es ist evident, dass da einzelne WhatsApp- und Facebook-Gruppen zum Schummeln gebildet werden", so eine Prüferin. Ein Uni-Assistent erzählt von einer Facebook-Gruppe, in der Studenten die Lösungen alter Prüfungsfragen in einem PDF-Dokument zusammenfassten. Mittels Suchfunktion konnte das Dokument während der Prüfung nach Lösungen durchforstet werden, um sich einen unfairen Vorteil zu verschaffen. Der Uni-Assistent infiltrierte aber die öffentlich zugängliche Gruppe: "Wir haben alle Fragen so formuliert, dass es ja keine Überschneidungen gibt."

Sein Institut setzt, so wie viele andere Fakultäten, bei den Prüfungsangaben auf mehrere Gruppen, die sich minimal unterscheiden. "Wenn es in Gruppe A um Gegenstand A geht und in Gruppe B um Gegenstand B: Dann war die Schummelei offensichtlich, wenn in Gruppe A über Gegenstand B geschrieben wurde." Bei weit über 100 Teilnehmern habe es vier Verdachtsfälle gegeben, von denen "zwei eindeutig waren", so der Assistent. Auch Tipold gingen Schummler ins Netz. "Einmal hat jemand etwas geschrieben, was nur bei einer anderen Gruppe vorkommt. Zwei hatten die gleiche falsche Lösung, die nur durch Zusammenarbeit erklärbar ist."

WU setzt auf Videokontrolle

An der WU Wien kann bei Schummeleien die Prüfung für nichtig erklärt werden. Sie wird dennoch auf die Anzahl der erlaubten Prüfungsantritte angerechnet, der Student wird für vier Monate für die Prüfung gesperrt. Die Uni Wien kann die Prüfung aberkennen und dem Studenten einen Schummelvermerk ins Sammelzeugnis eintragen.

Bei der Anti-Schummel-Prophylaxe setzen die Unis auf diverse Maßnahmen. Lehrende der WU können bei schriftlichen Prüfungen eine "automatisierte Online-Aufsicht" einführen. Der Prüfling wird durch die Webcam in Bild und Ton aufgezeichnet, auch die Aktivitäten auf seinem Computer werden aufgenommen. Die Aufzeichnungen werden sechs Wochen nach der Prüfung gelöscht.

Diese Kontrolle wird an der Wirtschaftsuniversität Wien oft eingesetzt: Bei 22 von 29 Prüfungen in der Großprüfungswoche Ende November fand sie statt. Auch an der Uni Salzburg werden solche Anwendungen verwendet, sagt Politologe Heinisch: "Da sieht man etwa, ob der Student sich die Informationen im Internet besorgt." Wenn möglich, versuche man die Programme wegen des organisatorischen Aufwands und möglicher Technikprobleme aber nicht einzusetzen.

"Während des ersten Lockdowns hat es ein paar technische Startschwierigkeiten gegeben", sagt Maximilian Ölinger, Vorsitzender der ÖH WU. Mittlerweile habe die IT diese aber gut in den Griff bekommen. Die Studenten seien bereits an die Modalitäten gewohnt: "Auch wenn das für niemanden optimal ist. Aber für die jetzige Situation wird das in Kauf genommen."

Zeit als wichtiger Faktor

An der Uni Wien werden solche Video- und Tonkontrollen derzeit nicht verwendet. "Wir empfehlen, auf Problembearbeitung und Anwendung zu fokussieren und weniger reine Wissensfragen zu stellen", so eine Sprecherin der Uni Wien. Das gilt besonders bei Prüfungen, bei denen die Studenten während der Prüfung ihre Lehrbücher verwenden dürfen.

Neben dem Einsatz von Plagiatssoftware kann an der Uni Wien auch eine Plausibilitätskontrolle bis zu vier Wochen nach der Prüfung stattfinden. Dabei werden die Studenten von Prüfern oder Mitarbeitern angerufen und zur Prüfung befragt.

Auch die knappe Bemessung der Zeit gilt als wichtiger Faktor. Die Studierenden sollen unter Zeitdruck geraten, wenn sie sich zu sehr auf das Nachblättern im Lehrbuch oder Schummelversuche verlassen. "Jeder, der eine solche Prüfung geschrieben hat, kann bezeugen, dass man keine Zeit hat, um im Lehrbuch etwas nachzuschauen", sagt Bertrandt.

Laut Tipold sind einige Anti-Schummel-Maßnahmen bei großen Prüfungen mit einem einzigen Fall nur schwer anzuwenden. Er bleibt hinsichtlich der Anzahl an aufgeflogenen Schummeleien skeptisch: "Kriminologen würden vielleicht von einer hohen Dunkelziffer sprechen."