Prüfungen, die kaum noch zu lösen seien. Professoren, die ihre Studenten in Bausch und Bogen des Schummelns verdächtigen würden. Vorwürfe wie diese sorgen am Wiener Juridicum derzeit für Debatten. Ob sie gerechtfertigt sind, darüber herrscht Uneinigkeit.

"Jenseits von Gut und Böse" seien die Prüfungen, beschwert sich eine Jus-Studentin. Bei manchen Professoren sei eine "gewisse Empathielosigkeit" gegenüber den Studenten wahrzunehmen, klagt Timo Leiter, der im März sein Studium abgeschlossen hat. Die Studienbedingungen an der Fakultät seien auch ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie weiterhin alles andere als studentenfreundlich, kritisiert Student Alexander Kattinger. Auch in den sozialen Medien wird unter den Studenten immer wieder hitzig diskutiert. "Wir nehmen die Aufregung ernst, können sie aber nicht ganz nachvollziehen", erklärt Zivilrechtlerin Brigitta Zöchling-Jud, die Dekanin des Juridicums.

"Alle Anliegen der Studierenden werden von uns berücksichtigt. So auch die Kritik, dass die Prüfungen schwerer werden. Aber teilweise sind die Vorwürfe mit Vorsicht zu genießen", sagt Studentenvertreterin Dora Bertrandt, Vorsitzende der Fakultätsvertretung Jus.

Längere Fallangaben

Mit mehr als 10.000 Studenten ist das Wiener Juridicum die größte Juristenschmiede des Landes. Die Fakultät hat ihre Lehre und die Prüfungen aufgrund der Corona-Pandemie ins Internet verlagert.

Im Vergleich zu den Präsenzprüfungen seien die Online-Prüfungen deutlich länger, schwerer und teilweise gar nicht mehr lösbar, so die Kritik mancher Studenten. Bei der FÜM 2 - eine große Zivil- und Unternehmensrechtsprüfung im zweiten Studienabschnitt - seien bei einem Erbrechtsfall alle auch nur irgendwie erdenklichen Komplikationen eingebaut worden, erklärt ein Student. "Ich habe letztens meine Zivilrechtsprüfung Freunden gezeigt, die Anwälte sind: Die haben gemeint, nicht einmal ihre Rechtsanwaltsprüfung war so schwer", schildert eine Studentin. Hinzu komme, dass man viel zu kurzfristig darüber informiert werde, ob Prüfungen online oder in Präsenz stattfinden, sagt Kattinger. Das sei ärgerlich, da man sich auf eine Online-Prüfung anders als auf eine Präsenzprüfung vorbereiten müsse.

Bei Online-Prüfungen dürfen die Studenten im Gegensatz zu Präsenzprüfungen Lehrbücher verwenden und auf Datenbanken zugreifen. Das sei auch der Grund dafür, warum sich die Prüfungen unterscheiden, sagt Dekanin Zöchling-Jud: "Die Fälle werden bei den Online-Prüfungen anders gestaltet, wir prüfen anders. Die Studierenden empfinden das offenbar als schwieriger." Allerdings sei der Notendurchschnitt derzeit genauso wie vor der Pandemie: "Bei der Einführungsprüfung im Jänner gab es sogar deutlich bessere Ergebnisse als sonst."

Ergebnisse unverändert

Es habe ungewöhnliche Prüfungen gegeben, sagt Studentenvertreterin Bertrandt: "Aber die Statistik zeigt, dass sich bei den Ergebnissen nichts verändert hat. Die Korrekturkriterien werden laufend angepasst." Zudem seien die einzelnen Prüfungen auch vor der Pandemie nicht immer gleich schwer gewesen: "Das sollte auch berücksichtigt werden", erklärt Bertrandt.

Dass die Studenten auf eine hohe Planungssicherheit pochen, kann Zöchling-Jud nachvollziehen: "Wir geben den Studierenden aber drei bis vier Wochen vorher Bescheid, wie die Prüfungen stattfinden werden. Mehr können wir bei so unsicheren Entwicklungen wie derzeit nicht machen."

Ein weiteres Streitthema ist das Schummeln: Mehrere Studenten beklagen, dass Professoren sie hier unter einen Generalverdacht stellen würden.

Die "Wiener Zeitung" sprach auch mit zwei Studenten, die bei einer Prüfung des Schummelns verdächtigt wurden und denen ein Schummelvermerk im Studienzeugnis eingetragen wurde. Zu Unrecht, wie sie betonen. Die beiden Studenten haben den Vermerk beim Studienpräses, der bei der Uni Wien angesiedelt ist, bekämpft. Doch warte man seit drei Monaten auf dessen Entscheidung, beklagen sie.

"Wir stellen die Studierenden nicht unter einen Generalverdacht und verteilen auch nicht massenhaft Schummelvermerke", sagt Zöchling-Jud. Bei 3.000 Prüfungen im Jänner habe es insgesamt zwölf Schummelvermerke gegeben. Die Pressestelle der Uni Wien äußerte sich trotz mehrfacher Anfragen der "Wiener Zeitung" nicht zu den Verfahren beim Studienpräses.

Zöchling-Jud führt die Aufregung einerseits auf die Corona-Frustration, die sich unter den Studierenden breitmache, zurück: "Und das kann ich auch gut verstehen." Anderseits würden aber auch die sozialen Medien die Aufregung "ein bisschen hochpushen", sagt die Dekanin. Ziel sei es, die Prüfungen so schnell wie möglich wieder in Präsenz abzuhalten: "Im Juni werden wir einen neuen Anlauf dazu starten", erklärt Zöchling-Jud.

ÖH-Wahlen im Mai

Die Debatte dürfte die ÖH-Wahlen im Mai begleiten. Kattinger plant, bei den Studienvertretungswahlen am Juridicum anzutreten. Die derzeitige Fakultätsvertretung - neun der elf Mandatare werden von der Aktionsgemeinschaft, zwei vom Verband Sozialistischer Studentinnen und Studenten in Österreich gestellt - sei mehr eine Dekanats- als eine Studentenvertretung, kritisiert er.

Das weist Bertrandt scharf zurück. Es sei notwendig, auch mit dem Dekanat zusammenzuarbeiten: "Wenn wir vom Dekanat keine Informationen mehr bekommen würden: Wie könnten wir dann überhaupt das Interesse der Studierenden vertreten?"