Die kirchliche Taufe Neugeborener war in Europa lange Zeit eine Selbstverständlichkeit; diese wurde im 16. Jahrhundert in Frage gestellt. Manche Pfarrer wie Thomas Müntzer befürworteten einen Taufaufschub bei Kleinkindern, denn in einem Alter von etwa sechs Jahren könne das Kind selbst entscheiden und sich später auch an die eigene Taufe erinnern. Andere waren radikaler: In Zürich kam es unter Anhängern des Reformators Ulrich Zwingli erstmals zur "Wiedertaufe" von Menschen, die bereits als Säuglinge getauft worden waren. Diese Neuerung kam auch nach Österreich und verbreitete sich hier, insbesondere in Tirol. Damals wurde Mähren eine Zufluchtsregion. Die Gegenwehr durch die Kirche sowie den Habsburger Erzherzog Ferdinand war brutal: Historiker schätzen, dass damals in Österreich mehr als tausend Angehörige dieser Täuferbewegung getötet wurden.

Franz Graf-Stuhlhofer ist Lehrbeauftragter an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems (www.graf-stuhlhofer.at). - © privat
Franz Graf-Stuhlhofer ist Lehrbeauftragter an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems (www.graf-stuhlhofer.at). - © privat

Seit mehreren Jahren wird das Andenken an diese Täufer wachgehalten: So wurde in Wien, bei der U3-Station Stubentor, eine Gedenktafel für den 1528 verbrannten Balthasar Hubmaier angebracht - von den "Christen dieser Stadt", es war eine breite ökumenische Gedenkaktion. Im Weinviertel gibt es im Museumsdorf Niedersulz auch ein Haus, das Täufern und Hutterern gewidmet ist, und auf der Burgruine Falkenstein eine nachgebaute (halbe) Galeere sowie ein "Täuferg’wölb". Diese Burg war das Gefängnis für 90 männliche Täufer, bevor sie nach Triest deportiert wurden, um als Sklaven auf Schiffen zu arbeiten. Und in Innsbruck gibt es nun einen Huttererpark.

Die Gedenktafel bei der U3-Station Stubentor findet man, wenn man den Aufgang zur Wollzeile nimmt und dann - in Richtung Ring - auf die halbhohe Ummauerung des U3-Aufgangs blickt. - © CC / GuentherZ
Die Gedenktafel bei der U3-Station Stubentor findet man, wenn man den Aufgang zur Wollzeile nimmt und dann - in Richtung Ring - auf die halbhohe Ummauerung des U3-Aufgangs blickt. - © CC / GuentherZ

Hutterer, das war eine aus der Täuferbewegung hervorgegangene, die Gütergemeinschaft praktizierende Richtung, benannt nach Jakob Hutter. Er war ein Organisator dieser Gemeinschaft in Mähren und führte viele Tiroler dorthin, bevor er 1536 vor dem Goldenen Dachl verbrannt wurde.

Den Beginn dieser Täuferbewegung setzen die meisten Historiker im Jahr 1525 an, als erstmals "Wiedertaufen" durchgeführt wurden. Daher sprachen die Gegner der Bewegung damals von "Wiedertäufern" - die dann wie Schwerverbrecher behandelt und hingerichtet wurden.

Die Bewegung selbst begann aber früher. Seit Ende 1521 ist öffentlich verbreitete Kritik an der Taufe von Kleinkindern historisch fassbar, und zwar geäußert von den "Zwickauer Propheten", wie sie von Martin Luther polemisch bezeichnet wurden. Solche Kritiker tauchten an verschiedenen Orten auf, und sie befürworteten einen Taufaufschub. Zwischen diesen Kritikern gab es briefliche und direkte Kontakte, es war also wirklich eine Bewegung, es waren nicht bloß isolierte Einzelkämpfer. Ein wesentlicher Anstoß für das Entstehen dieser Bewegung war die Reformation Luthers. Deren Beginn wird auf 1517 datiert. Damals wurde Luthers Kritik am kirchlichen Ablasshandel öffentlich, und es kam eine Bewegung ins Rollen. Zu einer konkreten Umsetzung seiner reformatorischen Anliegen kam es schrittweise in den folgenden Jahren.

Ähnlich kann man auch den Ausgangspunkt dieser Täuferbewegung auf 1521 ansetzen: Zuerst gab es Kritik an der Säuglingstaufe, und nach und nach wurde diese Kritik in praktisches Handeln umgesetzt - mit dramatischen Folgen für diese "Täufer".