Wer durch Shiva Pruggers Tür geht, der kommt vom Licht in die Dunkelheit. Und das ist ganz wörtlich zu verstehen, zumindest an diesem milden Frühlingsvormittag. Denn draußen zieht die Sonne die Pandemie-geplagten Bewohner von Wien-Ottakring in Scharen vor die Haustür. Drinnen sind die Fenster abgehängt und es riecht nach Räucherstäbchen. Nur spärliche Beleuchtung gibt den Blick auf das frei, was man hinter der unscheinbaren Tür am Rand zur Vorstadt findet: Halsbänder, Rohrstöcke, Reitergerten, eine Streckbank. Daneben Leder- Gas- und Latexmasken, Peitschen und Dildos in allen Größen, Zwangsjacken, Brustwarzen- und Hodenklammern, und sogar eine Zugmaschine. Shiva Prugger ist Sexarbeiterin. Aber keine "normale" Sexarbeiterin, oder das, was die meisten Menschen vielleicht darunter verstehen. Shiva Prugger ist Domina.

"Da kommen schon sehr kreative Wünsche", sagt die Mittvierzigerin, dunkle Dreadlocks, buntes Kleid mit Ethno-Muster, Tattoos an Hals, Handrücken und Beinen. Dass sie Psychologie studiert hat, hilft ihr sicher in ihrem heutigen Job, sagt Prugger, während sie in den Nebenraum führt. Dort ist eine kleine "Ordination" eingerichtet, originalgetreu ausgestattet mit Stethoskop, weißer Untersuchungsliege, Gynäkologenstuhl, Arzneimittelschrank und Infusionskanülen. "Ich führe zuerst immer ein Vorgespräch mit meinen Kunden. Da entsteht bei mir oft schon ein Drehbuch im Kopf, wie unsere gemeinsame Zeit ablaufen könnte."

- © WZ / Moritz Ziegler
© WZ / Moritz Ziegler

Dunkel war es in Pruggers Domina-Studio in den vergangenen Monaten aber nicht wegen der gedämpften Beleuchtung, sondern weil die Lichter seit 3. November überhaupt abgedreht blieben. Bordelle, Studios und Laufhäuser mussten seit Beginn des zweiten Lockdowns geschlossen bleiben. Erst seit Mittwoch dürfen sie - mit Eintrittstests - wieder öffnen. Shiva Pruggers Termine sind bis in den Juni hinein ausgebucht. Doch ein halbes Jahr ohne Einnahmen brachte viele Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter - die große Mehrheit sind Frauen - in eine existenzielle Krise.

In Wien waren Hausbesuche zwar zwischenzeitlich auch im Lockdown erlaubt. Aber auch abseits der eingebrochenen Nachfrage galt: Vielen Frauen ist es zu riskant, in den vier Wänden unbekannter Freier aufzuschlagen. Während Laufhäuser und Bordelle Schutz bieten können, wissen Sexarbeiterinnen nicht, was sie daheim bei Kunden erwartet. Dort sind sie auf sich allein gestellt. Freier ins eigene Zuhause zu bitten, wäre als Wohnungsprostitution wiederum auch abseits von Lockdowns illegal. Für Prugger sind Hausbesuche ohnehin keine Option. Sie ist auf die Ausstattung ihres Studios angewiesen.

In heimischen Bordellen gestrandet

Prugger ist aber nicht nur selbst Sexarbeiterin. Sie gründete vergangenen Sommer auch die Berufsvertretung Sexarbeit, die erste organisierte Interessensvertretung der Branche. Und kennt daher die Sorgen und Nöte der Kolleginnen - und der wenigen Kollegen. Viele Frauen - rund 90 Prozent der Prostituierten in Österreich kommen aus anderen Ländern - sind zu Beginn des Lockdowns in heimischen Bordellen "gestrandet". Sie hatten zwar keine Einkünfte mehr. Weil sie mitunter auch in den Etablissements wohnten, mussten sie dort dennoch Miete zahlen, erzählt Prugger. Ein Teufelskreislauf.

Prugger selbst ist nicht repräsentativ. Nicht nur weil sie Domina ist, und als solche ihren Kunden gar keinen Geschlechtsverkehr anbietet, sondern auch, weil sie völlig selbständig ihr eigenes Studio betreibt und 240 Euro die Stunde für ihre Dienste nimmt. Für die meisten der rund 2.500 registrierten Sexarbeiterinnen in Wien - vor Corona waren es noch an die 1.000 mehr - weit jenseits des eigenen Stundenlohns. Als neue Selbstständige, als solche müssen Prostituierte gemeldet sein, bezog Prugger im Lockdown Geld aus dem Härtefallfonds, für ihr Studio bekam sie einen Fixkostenzuschuss. Auch davon konnte die Mehrheit der Frauen in der Branche nur träumen.

Schwedisches Modell auf dem Vormarsch

Weil viele der Sexarbeiterinnen Migrationshintergrund haben, scheiterten die Hilfsanträge oft schon an Sprachbarrieren. Mangelnde Deutschkenntnisse bewirken auch mangelndes Wissen über die rechtlichen Optionen. Am Schwarzmarkt arbeitende Frauen fielen durch Sicherungsmechanismen ohnehin durch. Aber auch die angemeldeten Prostituierten bekamen bis vor kurzem meist kein Geld aus dem Härtefallfonds. Denn kein österreichisches Konto zu haben, bedeutete ein ganzes langes Pandemiejahr hinweg: keine finanzielle Unterstützung. Erst seit April werden auch Kontonummern aus EU- oder EWR-Ländern akzeptiert. Dass die Hilfen nun auch rückwirkend ausbezahlt würden, hilft vielen Frauen nicht mehr viel.

- © WZ / Moritz Ziegler
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Und noch etwas anderes sägt am Arbeitsfeld der Frauen: Gegner der Prostitution witterten aufgrund der pandemiebedingt geschlossenen Etablissements Rückenwind. Sie lobbyierten international dafür, dass die Häuser nach Corona erst gar nicht mehr aufsperren dürfen. In Deutschland formierte sich eine neue Initiative aus Bundestagsabgeordneten der Regierungsparteien, darunter etwa der Epidemiologe Karl Lauterbach (SPD) und Ex-Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), um ein Sexkaufverbot nach schwedischem Vorbild zu fordern. Im skandinavischen Land ist Prostitution seit 1995 verboten, Freier werden bestraft, aber die Prostituierten selbst nicht mit Bußgeld belegt. Andere nordische Staaten wie Norwegen und Island folgten den Schweden nach. Seit 2015 gilt auch in Irland, seit 2016 in Frankreich ein ähnliches Modell.

"Parasit, der es verdient, ausradiert zu werden"

In Österreich ist diese Gruppe weder so laut noch so präsent wie in Deutschland. Vermutlich auch in Ermangelung einer öffentlichen Figur wie Alice Schwarzer, die - nicht zuletzt über ihre Monatszeitschrift "Emma" - seit den späten 1970ern zu den vielen religiös motivierten Prostitutionsgegnern feministische Verstärkung mobilisierte. 2016 formierte sich aber die Initiative "Stopp Sexkauf!", die für das schwedische Modell in Österreich eintritt. "Wir reden immer über Prostitution als Geschäftsfeld für Frauen", sagt Susanne Riegler, Mitgründerin und Sprecherin der Initiative. "Aber nicht über die Zuhälter, die Menschenhändler, die Übergriffe. Wo Prostitution ist, ist auch organisiertes Verbrechen."

Im vergangenen Jahr hat die Allianz aus mehreren feministischen und religiös geprägten Organisationen einen offenen Brief an den Gesundheitsminister, die Landeshauptleute und die Klubobleute der Parlamentsparteien gerichtet. Mit der Aufforderung nach Evaluierung des nordischen Modells, inklusive Ausstiegsmodellen für Prostituierte wie in Schweden. "Antwort haben wir keine bekommen", sagt Riegler. Hierzulande drehe sich die Debatte hauptsächlich darum, dass man Frauen nicht die Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper nehmen dürfe. "Dabei schaut man nicht darauf, wie wenige Frauen es sind, die das tatsächlich selbst entscheiden können."

Das nordische Modell könne hier Abhilfe schaffen, so die Position der Initiative. Denn durch die Bestrafung von Sexkäufern werde der Markt weitgehend "ausgetrocknet", die Frauen selbst gleichzeitig nicht kriminalisiert. In Schweden hat das Sexkaufverbot über die Jahrzehnte zu einem deutlichen Kulturwandel geführt. Prostitution wird heute weitgehend gesellschaftlich geächtet. Als im Sommer etwa der einstige Profiboxer und spätere TV-Star Paolo Roberto in flagranti mit einer Prostituierten erwischt wurde, nahm nicht nur sein Verlag alle seine Bücher aus den Regalen. Roberto trat auch einen öffentlichen Canossagang inklusive reuiger Fernsehinterviews an, in dem er sich selbst unter anderem als "Parasit" bezeichnete, "der es verdient, ausradiert zu werden."

Schwarzmarkt in Hand der organisierten Kriminalität

Auch die Gegner des nordischen Modells, und davon gibt es international zahlreiche, untermauern ihren Standpunkt indes mit zahlreichen Argumenten. Sexarbeiterinnen verkauften nicht ihren Körper, sondern eine Dienstleistung mit diesem. So wie das in vielen anderen Branchen auch der Fall ist. Und ein Sexkaufverbot treffe auch alle, die sich aus freiem Willen für diese Tätigkeit entscheiden. Die Auswirkungen des nordischen Modells sind zudem schwer umstritten, die Studienlage ist diffus.

Klar ist: Der Gesamtmarkt wurde durch das Verbot verkleinert, der Sexkauf ging zurück. Wie in anderen verbotenen Segmenten, etwa Drogenhandel oder illegalem Glücksspiel, bleibt ein Kern von Angebot und Nachfrage aber immer erhalten. Frauen würden damit, auch wenn sie von der Polizei nicht bestraft werden, ins Prekariat gedrängt, argumentieren die Kritiker. Kollektive Verbesserung von Arbeitsbedingungen oder gar einklagbare Honorare sind damit Geschichte. Mit einem Sexkaufverbot seien die Frauen den Freiern also erst recht schutzlos ausgeliefert, zudem kaum noch für Hilfe und Beratung erreichbar. Der Sex-Schwarzmarkt werde damit, ähnlich wie der Alkohol-Schwarzmarkt während der US-Prohibition, umso mehr von der organisierten Kriminalität übernommen. Ist ein Sexkaufverbot in Österreich also wünschenswert?

Befürworter des schwedischen Modells "versuchen die Stimmen der Frauen mundtot zu machen", meint Eva van Rahden. Sie leitet das Beratungszentrum "Sophie" für Sexarbeiterinnen. - © WZ / Moritz Ziegler
Befürworter des schwedischen Modells "versuchen die Stimmen der Frauen mundtot zu machen", meint Eva van Rahden. Sie leitet das Beratungszentrum "Sophie" für Sexarbeiterinnen. - © WZ / Moritz Ziegler

Ums Eck vom kleinen Bobo-Grätzel in der Wiener Reindorfgasse mit seinen Kreativbüros und Boutiquen mit veganen Sneakers steht ein LKW der "Wiener Tafel". Zwei ältere Herren laden Kisten mit Lebensmitteln aus, Konservendosen, Packerlsuppen, Kartoffelpüree, und tragen sie in einen unscheinbaren Gemeindebau. Im Eingangsbereich steht ein Korb mit Kondomen zur freien Entnahme, neben der Tür hängt ein unauffälliges Schild. "Beratungszentrum Sophie" steht darauf, darunter die Öffnungszeiten in vier Sprachen.

"Die Nachfrage nach den Care-Paketen war im Lockdown groß", sagt Eva van Rahden, Jeansjacke, roter Brillenrahmen, und deutet auf die Kisten und Sackerl mit Lebensmitteln, die fast den ganzen Vorraum füllen. Van Rahden leitet "Sophie", das Beratungszentrum für Sexarbeiterinnen im 15. Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus, betrieben von der Volkshilfe, gefördert von Bund und Stadt Wien. Frauen, die durch die Pandemie ihre Existenzgrundlage verloren, können sich hier einmal pro Woche ein Care-Paket abholen. Jetzt, mit der Wiederöffnung, soll das Hilfsangebot schrittweise heruntergefahren werden. Aber die Notlagen verschwinden nicht von heute auf morgen.

"Versuchen, ihre Stimmen mundtot zu machen"

Auch abseits der Lebensmittel können Sexarbeiterinnen hier an vier Nachmittagen pro Woche vorbeikommen. Zur Sozial- und Rechtsberatung, zum Duschen und Wäschewaschen. Wenn nicht gerade Pandemie ist, auch einfach zum Plaudern und Kaffeetrinken. Die acht Angestellten des Beratungszentrums informieren über Arbeitsrecht und Gesetzeslage, Steuern und Versicherung, helfen bei Problemen mit Polizei und Gericht, bieten Krisenintervention nach Gewalterfahrungen und anderen traumatischen Ereignissen. Sie können das auf elf Sprachen, darunter auch Rumänisch, Ungarisch und Slowakisch. Und die Streetworkerinnen von "Sophie" besuchen die Frauen in den Etablissements regelmäßig in aufsuchender Sozialarbeit.

Sexkaufgegner würden alle Frauen, die sich aus freien Stücken für das Gewerbe entscheiden, ganz bewusst ausblenden, sagt van Rahden: "Sie versuchen ihre Stimmen mundtot zu machen." Vom nordischen Modell hält die "Sophie"-Leiterin wenig. Es sei ein pädagogisches Konzept, mit dem man die Männer erziehen wolle. Als Kollateralschaden nehme man in Kauf, "dass diese Gruppe von Frauen in Existenznöte kommt".

Und dann gibt es da noch einen Aspekt, der die Vielschichtigkeit des Themas vielleicht besonders gut widerspiegelt: die so genannte Sexualassistenz. Sexualbegleiterinnen und -begleiter verhelfen Menschen, die sich damit sonst schwertun, zum Erleben von Sexualität. Etwa aufgrund einer körperlichen Einschränkung, intellektuellen Beeinträchtigung oder aus Altersgründen.

Das Beratungszentrum Sophie bietet dazu seit kurzem einen Lehrgang an. Er wurde für die SozialMarie, eine Auszeichnung für sozial innovative Projekte, nominiert. "Das ist auch die Chance, für Interessentinnen einen gewissen Qualitätsstandard zu gewährleisten", sagt van Rahden. Sexualassistenz ist zudem ein aufkommendes Thema, weil Pflegerinnen und Heimhelferinnen nicht selten sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind. "Die Tabuisierung der Tatsache, dass auch ältere Menschen sexuelle Wesen sind, ist da völlig kontraproduktiv", sagt van Rahden.

- © WZ / Moritz Ziegler
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Gegen Sexualbegleitung gibt es bislang kaum öffentliche Statements - vielleicht auch, weil gerade bei Menschen mit Beeinträchtigungen der Vorwurf der Diskriminierung schnell bei der Hand wäre. Wenn aber bei ihnen sexuelle Assistenz gesellschaftlich akzeptiert wir, mit welcher Begründung sollten andere dann diese Dienstleistung nicht in Anspruch nehmen können? Etwa weil das Knüpfen sozialer Kontakte für sie eine große Hürde darstellt oder sie aus anderen Gründen nur schwer Partnerinnen und Partner finden? Auf welcher Grundlage sollte der Staat verbieten, eine sexuelle Dienstleistung freiwillig auszuüben? Und geht es dann nicht eher um die Frage, unter welchen Bedingungen Sexarbeit stattfindet, als darum, ob es sie überhaupt geben soll?

Ja, sagt Astrid, die den Lehrgang zur Sexualbegleiterin vor Kurzem abgeschlossen hat, ihren vollen Namen aber nicht in der Zeitung lesen will. Sie bekäme auch so schon oft übergriffige Nachrichten. Astrid ist studierte Anglistin, arbeitete lange Jahre als Finanzbuchhalterin, bis sie sich zu einer beruflichen Veränderung entschloss. "Das Thema Sexualität und Behinderung beschäftigt mich, seit ich 19 bin", sagt sie. Damals kam sie auf Urlaub in einer Jugendherberge in Kontakt mit einer Gruppe junger Menschen mit Down-Syndrom. Sexualassistenz sieht sie der "Care-Arbeit" zugehörig, wie auch die Pflege. Auch Sexualassistentinnen arbeiten aber mit der Registrierung als Prostituierte. "Ich bin eine ganz normale Hure", sagt Astrid. "Nur, dass ich immer ein Erstgespräch mit dem Kunden führe, bevor ich einen Termin ausmache."

"Kein Recht auf sexuelle Versorgung"

Riegler von "Stopp Sexkauf!" sieht auch den Bereich der Sexualassistenz kritisch: "Als Frau und Feministin bin ich der Meinung: Kein Mensch hat ein Recht auf sexuelle Versorgung." Der Ansatz der Sexualbegleitung würde Männer aber im Glauben bestärken, Sex einfordern zu können. "Frauen sind damit wieder in der Rolle, Männern für ihre Bedürfnisse dienen zu sollen."

Eine Argumentation, die Astrid nicht gelten lässt. Sexkaufgegner würden Frauen ständig attestieren, so gefangen in patriarchalen Strukturen zu sein, dass sie ihre eigene Unterdrückung nicht mehr bemerkten - und ihren Job daher doch nicht freiwillig ausübten. "Sie schreien zwar immer laut nach weiblicher Selbstbestimmung", sagt die Sexualbegleiterin, "wollen den Frauen aber gleichzeitig vorschreiben, wie deren Selbstbestimmung auszusehen hat." Auch van Rahden teilt diese Kritik. Die Gegner der Sexarbeit seien ebenso von einem stark paternalistischen Zugang geprägt, wie das nordische Sexkaufverbot. Das passe durchaus zur skandinavischen Tradition. "Der nordische Protestantismus und ein offener Umgang mit Sexualität", sagt van Rahden, "waren noch nie die engsten Verbündeten."