In den Unwettergebieten in Österreich sind am Montag die Aufräumarbeiten in vollem Umfang angelaufen. Der Schaden allein schon in der Landwirtschaft ist groß: "Aus jetziger Sicht wird mit einer überschwemmten und geschädigten Agrarfläche von 5.000 Hektar und einem Gesamtschaden von fünf Millionen Euro gerechnet", sagte der Vorstandsvorsitzende der Hagelversicherung, Kurt Weinberger. In Niederösterreich wurden indes mehrere Orte zu Katastrophengebieten erklärt.

Die Wiener Städtische rechnete mit Schäden in der Höhe von rund zehn Millionen Euro. "Heftige Unwetter im Sommer sind nicht untypisch, die Entwicklung des vergangenen Jahrzehnts zeigt jedoch, dass die Intensität und die Häufigkeit von Naturkatastrophen grundsätzlich zunehmen", sagte Vorstandsdirektorin Sonja Steßl.

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Die extremen Wetterereignisse seien Folge des Klimawandels, mahnte Michael Staudinger, Europa-Präsident der World Meteorological Organization (WMO): "Höhere Temperaturen führen zu einer höheren Luftfeuchtigkeit und damit zu intensiveren Niederschlägen mit katastrophalen Schäden an der Infrastruktur", erläuterte er. "Die Verbauung potenziert die Auswirkungen der Starkniederschläge, weil kein Wasser gespeichert werden kann. Fehler in der Raumordnung machen sich leider jetzt bemerkbar." Global, kontinental und national müssten nun endlich die "Hausaufgaben" gemacht werden, forderten Weinberger und Staudinger gemeinsam.

Pegel in Kienstock im Bezirk Krems wieder bei 737 Zentimetern

Neuhofen a. d. Ybbs, Ferschnitz und Euratsfeld im Bezirk Amstetten, Paudorf und Furth (beide Bezirk Krems) sowie Aggsbach-Dorf in der Gemeinde Schönbühel-Aggsbach (Bezirk Melk) wurden am Montag zu Katastrophengebieten erklärt. LHStv. Stephan Pernkopf sicherte in Absprache mit Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (beide ÖVP) rasche Hilfe zu. In den betroffenen Gebieten seien schwere Schäden an Privathäusern und an der Infrastruktur entstanden. In Ferschnitz war auch eine Brücke weggerissen worden, wodurch der Ort vorübergehend unerreichbar wurde. Die Anweisung der Hilfsgelder solle durch das Land NÖ binnen Tagen erfolgen.

Das Aufräumen ging "im großen Stil" weiter, sagte Franz Resperger vom NÖ Landesfeuerwehrkommando, ein Ende sei aktuell "noch gar nicht abschätzbar". Als Einsatzbereich galt u.a. das Befreien von Fahrbahnen vom Schlamm. Durchwegs angespannt hatte sich in der Nacht auf Montag die Situation an der Donau gezeigt. An der Messstelle in Kienstock (Bezirk Krems) war der Pegel zwischenzeitlich bei beinahe acht Metern gelegen. Am Montagvormittag wurde laut den Wasserstandsnachrichten des Landes ein Wert von 737 Zentimetern verzeichnet. Mit einer weiteren Entspannung wurde gerechnet. Generell ist laut Resperger entlang des Flusses "die große Katastrophe ausgeblieben".

 

In der Altstadt von Hallein kam es zu massiven Überschwemmungen. 
- © apa / FF Hallein

In der Altstadt von Hallein kam es zu massiven Überschwemmungen.

- © apa / FF Hallein

 

Diskussion, ob Schäden in Hallein verhindert werden hätten können

Auch in der Stadt Hallein laufen die Aufräumarbeiten nach der Sturzflut am Samstagabend weiter auf Hochtouren. Noch immer konnten 50 Personen nicht in ihre Häuser und Wohnungen zurück, wobei 30 davon nur vorsorglich evakuiert worden waren, weil im Ortsteil Gamp die Gefahr von Muren nicht gebannt war. Im Laufe des Montags sollte ein Geologe die Lage aus der Luft beurteilen.

Laut Bürgermeister Alexander Stangassinger (SPÖ) dürften die durch den ausufernden Kothbach angerichteten Schäden in die Millionen gehen. "Es wird Wochen bis Monate dauern, um das tatsächlich in Euro beziffern zu können." Alleine aufseiten der Stadt seien etwa das Keltenmuseum und die Salzberghalle betroffen. Teile der Sommerrodelbahn und der Lifttrasse am Zinkenkogel wurden durch Muren weggerissen.

Unterdessen ist eine Diskussion ausgebrochen, ob Schäden hätten verhindert werden können. Schon einmal, im Jahr 1976, hatte der Kothbach große Teile der Innenstadt verwüstet. 2014 reichte die Lawinen- und Wildbachverbauung ein Schutzkonzept ein, 2016 war die Finanzierung gesichert. Mit dem Bau des sechs Millionen Euro teuren Projekts wurde allerdings nach einem Einspruch des Naturschutzbundes verzögert erst im Vorjahr begonnen. Die Naturschützer sahen das Landschaftsbild in Gefahr, die Einsprüche wurden später vom Verwaltungsgerichtshof abgewiesen. Es habe gezeigt, dass die Beeinspruchung eines Schutzprojekts langfristig auch zu Katastrophen führen könne, kritisierte die für Hochwasserschutz zuständige Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP). "Jetzt zu sagen, dass das Projekt aufgrund eines Einspruchs nicht schon fertig ist, ist Abschieben von Verantwortung", meinte dazu Hannes Augustin, Geschäftsführer des Salzburger Naturschutzbunds.

Im Stadtgebiet von Hallein wurde Zivilschutzalarm ausgelöst, weil der Kothbach über die Ufer getreten ist. 
- © vogl-perspektive.at/Mike Vogl

Im Stadtgebiet von Hallein wurde Zivilschutzalarm ausgelöst, weil der Kothbach über die Ufer getreten ist.

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Hochwasserschutz in Salzburg verhinderte Schlimmeres

Das engmaschige Netz an Schutzbauten in Salzburg dürfte allerdings Schlimmeres verhindert haben. "Gerade im Oberpinzgau, aber auch in Maria Alm und Leogang haben wir viele Zubringerbäche, deren Rückhaltebecken randvoll mit Holz und Geschiebe sind", sagte Leonhard Krimpelstätter, der Leiter der Wildbach- und Lawinenverbauung Salzburg, am Montag zur APA.

Die jüngsten Investitionen - in den vergangenen 15 Jahren wurden in Salzburg Hochwasserschutzprojekte um 750 Millionen Euro umgesetzt - hätten sich bezahlt gemacht. "Die Auffangbecken sind voll mit Holzmassen, die so nicht weitertransportiert worden sind." Bereits gestern, Sonntag, habe man damit begonnen, die Becken wieder frei zu räumen. "Ein Glück ist, dass das Wetter die ganze Woche gut angesagt ist."

Auch die Überlaufflächen entlang der oberen Salzach im Pinzgau hätten eine Vielzahl von Schäden verhindert. "Es ist vor allem in landwirtschaftlichen Bereichen zu Überflutungen gekommen. Natürlich wurde Infrastruktur wie Straßen oder Bahngleise beschädigt. Aber die Orte sind bis auf wenige Ausnahmen hochwasserfrei geblieben", sagte Krimpelstätter.

Das Schutznetz im Bundesland sei dabei aber noch nicht fertig. Die Homepage der Wildbach- und Lawinenverbauung listet alleine für Salzburg eineinhalb Dutzend Projekte mit einer Investitionssumme von über einer Million Euro auf, inklusive kleineren Vorhaben sprach Landesrat Josef Schwaiger (ÖVP) gegenüber der APA von rund 100 Projekten, an den jährlich gearbeitet werde.

Dazu kommen die Vorhaben der Bundeswasserbauverwaltung entlang der Flüsse. "Im Oberpingau wurde mit Stuhlfelden gerade die letzte Lücke geschlossen. Das sind jetzt mehr als 30 Kilometer Begleitschutz." Auch die Dämme und Begleitbauten in Zell am See befänden sich kurz vor der Fertigstellung. "Die haben am Wochenende gut funktioniert. Würde es dort zu Überschwemmungen kommen, wären gleich 500 Gebäude betroffen", betonte Schwaiger. Im nächsten Jahr sollen dann in Bad Hofgastein (Pongau) die Arbeiten für den Schutz vor der Gasteiner Ache beginnen - ein 23-Millionen-Euro-Projekt.

"Eine Restgefährdung wird es immer geben", sagte Krimpelstätter. Eine Herausforderung sei, dass Extremereignisse sehr punktuell und nicht vorhersagbar auftreten. "Wäre das Gewitter in Hallein drei Kilometer weiter weg niedergegangen, wären die Schäden in der Altstadt wohl nicht aufgetreten." Doch selbst beim bestem Schutz: "Es wird immer ein Ereignis geben, das größer ist", sagte Krimpelstätter. Genauso wichtig wie Schutzbauwerke sei auch die Einhaltung und Umsetzung von Gefahrenzonenplänen - etwa ein Neubauverbot in "roten" Zonen.

Auch Landesrat Schwaiger erklärte am Montag, Mittersill wäre ohne Schutz komplett unter Wasser gestanden. "Der Dauersiedlungsraum ist trocken geblieben, das hat besten funktioniert. Es hat nur einzelne betroffene Gebäude gegeben." Alleine das Retentionsbecken in Mittersill habe ein Fassungsvermögen von 1,7 Mio. Kubikmeter, vom Talboden seien drei Viertel geflutet worden.

Der Pegel der Salzach sei mit einem Höchststand von 5,85 Metern um 1,2 Meter höher gelegen als im Jahr 2002, als es noch keinen Hochwasserschutz in der heutigen Form gab. Der Pegelstand lag am Wochenende übrigens auch über dem aus dem Jahr 2014, wo rund 5,70 Meter gemessen worden sind. "2014 war das eine kurze Spitze. Jetzt waren wir stundenlang am Maximum gewesen, völlig an der Oberkante", sagte Schwaiger. "Da kommt die Gefahr von Übermüdungserscheinungen hinzu. Es ist aber nichts passiert." Allerdings sei man nun beim Maximum angekommen. "Wir können jetzt nicht noch einmal auf der ganzen Strecke 20 Zentimeter erhöhen. Das geht technisch nicht mehr." Allerdings suche man nach Lösungen, um in Zukunft extreme Überlasten abführen zu können.

Keine Bewährungsprobe gab es am Wochenende hingegen für den Hochwasserschutz in der Stadt Salzburg. Die Sperrbauwerke, die binnen eineinhalb Stunden nach Alarmierung stehen, wurden zwar vorsorglich aufgebaut, gesperrt werden mussten dann aber lediglich die Fahrradunterführungen entlang der Salzach. Der Pegel erreichte laut den hydrografischen Aufzeichnungen des Landes Sonntagfrüh mit 7,70 Meter seinen Höchststand, er sank aber bis Montagmittag wieder um rund zwei Meter ab.

Evakuierungen in Kuchl

In Kuchl evakuierten die Einsatzkräfte nach einem Murenabgang drei Häuser. In Hallein und Mittersill wurde Zivilschutzalarm ausgelöst. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, in den Häusern zu bleiben, Tiefgaragen und Keller nicht zu betreten und sich auch von den Dämmen der Fließgewässer fernzuhalten.

In Mittersill im Salzburger Pinzgau musste die Hubbrücke angehoben werden. Bereits am Nachmittag überschritt die Salzach die Warngrenze. Die Bevölkerung wurde gebeten, unnötige Fahrten und Spaziergänge zu vermeiden. Wasserabläufe sollten freigehalten, Kellerschächte abgedeckt und die Pegelstände im Auge behalten werden. Die Bevölkerung soll zudem die Hinweise und Warnungen der Behörden befolgen.

 

Massive Überschwemmung in Hallein. 
- © apa / privat / Screenshot

Massive Überschwemmung in Hallein.

- © apa / privat / Screenshot

Aufgrund der Hochwassersituation sperrten die ÖBB  am Wochenende zwei Streckenabschnitte. Zwischen Golling und Werfen sowie zwischen Schwarzach Sankt Veit und Saalfelden gibt es derzeit keinen Zugverkehr. Die Pinzgauer Lokalbahn verkehrt nur zwischen Zell am See und Piesendorf. Weiter nach Krimml wurde ein Schienenersatzverkehr eingerichtet. Auch auf den ÖBB-Strecken wurde ein Schienenersatzverkehr mit Bussen eingerichtet.

81 Wanderer mussten in Tirol geborgen werden

Zwei Mal mussten am Sonntag nach starken Regenfällen die Einsatzkräfte in Zams (Bezirk Landeck) ausrücken, um Wandergruppen auf dem Fernwanderweg E5 im Bereich der Unterlochalpe zu bergen. 70 Wanderer konnten laut Polizei am Vormittag den stark angestiegenen Zammerlochbach nicht mehr queren. Über ein von Bergrettern gespanntes Seil setzte die Gruppe ihre Wanderung schließlich fort.

Am Nachmittag setzte zudem eine elfköpfige Gruppe auf demselben Fernwanderweg einen Notruf ab. Eine Mure hatte rund 80 Meter des Weges mitgerissen, die Überquerung war nicht mehr möglich. Die Betroffenen wurden vom Polizeihubschrauber geborgen und unverletzt nach Zams geflogen.

Alarm in Kufstein aufgehoben

In Kufstein waren rund 100 Feuerwehrleute seit den Morgenstunden unter anderem mit dem Auspumpen von Kellern und Tiefgaragen beschäftigt, berichtete Bürgermeister Martin Krumschnabel. Die Überflutungen in der Innenstadt betrafen vorwiegend Keller, Tiefgaragen sowie ebenerdige Geschäftslokale.

Das Hochwasser in Kufstein hatte vor allem die Zulaufbäche des Inn anschwellen und über die Ufer treten lassen, der Pegel des Inn blieb dagegen auf einem ungefährlichen Niveau. Die Bäche verlaufen zum Teil unter den Häusern und waren stark verklaust. "Es wurde hier tonnenweise Sand und Gestein herausgeschöpft", sagte Krumschnabel. Mehrere Lkw-Ladungen mit Material, das die Wassermassen von den Bergen heruntergespült hatten, mussten weggebracht werden.

Doch nicht nur in der Stadt Kufstein hat am Montag das große Aufräumen begonnen. Vermurungen und Überschwemmungen gab es vereinzelt über ganz Tirol verteilt, der Schwerpunkt war aber eindeutig in den Bezirken Kufstein und Kitzbühel.

Der Starkregen hat in Kufstein zu Überschwemmungen und Vermurungen geführt. 
- © apa / Zoom.Tirol

Der Starkregen hat in Kufstein zu Überschwemmungen und Vermurungen geführt.

- © apa / Zoom.Tirol

 

Heftig zu ging es auch in Teilen Oberösterreichs. Dort führten seit Samstagnachmittag kräftige Regenschauer zu lokalen Überflutungen, Vermurungen, Hangrutschen und volllaufenden Kellern in der südlichen Landeshälfte geführt. Steyr, Schärding und der Bezirk Braunau rüsteten sich für Hochwasser, mit dem durch das schnelle Ansteigen des Pegels in der Salzach auch im Inn zu rechnen war. Im Seebachtal in der Gemeinde Mallnitz in Kärnten ereigneten sich am Samstagnachmittag mehrere Murenabgänge.

 

 

Stromausfälle durch Starkregen in Wien

Auch die Bundeshauptstadt wurde in der vergangenen Nacht von starkem Regen und heftigen Gewittern heimgesucht. Die Berufsfeuerwehr ist im Dauereinsatz. Vom frühen Samstagvormittag bis Sonntagmittag wurden rund 1.200 Einsätze in Zusammenhang mit dem Starkregenereignis verzeichnet. Das betraf vor allem Auspumparbeiten von Kellern, Tiefgaragen oder Unterführungen. Laut den Wiener Netzen waren zudem insgesamt 6.650 Haushalte vorübergehend von teils stundenlangen Stromausfällen betroffen.

Im Schnitt waren die Kunden nach 90 Minuten wieder am Netz gewesen, berichtet Christian Call, Specher der Wiener Netze. Ausgelöst wurden die Stromausfälle durch "die Witterungsbedingungen wie atmosphärische Störungen, Blitzeinschläge in Freileitungen und Überspannungen in Trafostationen". Besonders von den Stromausfällen betroffen waren der Norden der Bundeshauptstadt, die Schmelz in Ottakring und Teile der südlichen Bezirke Favoriten und Liesing.

Pegelstände der Donau seit Montag wieder sinkend

Nach den starken Regenfällen vom Wochenende sind die Pegelstände entlang der Donau in Niederösterreich am Montag leicht gefallen. Nach Angaben des Hydrographischen Dienstes des Landes wurden die Spitzen an den meisten Messstationen spätestens am Vormittag erreicht, ein weiterer starker Anstieg wird nicht erwartet. Unterdessen waren in vielen Teilen des Bundeslandes die Aufräumarbeiten im Gange.

Der Wasserstand der Donau bleibe "den ganzen Tag sehr hoch und fällt sehr langsam", hieß seitens des Hydrographischen Dienstes. Es sei daher weiterhin Vorsicht geboten. Mit einer weiteren Entspannung der Situation entlang des Flusses rechneten auch die Feuerwehren. Sprecher Franz Resperger berichtete davon, dass "die große Katastrophe ausgeblieben" sei. Verzeichnet wurden kleinere Überflutungen, etwa in Kritzendorf, einer Katastralgemeinde von Klosterneuburg im Bezirk Tulln. (apa)

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde um 15:40 Uhr mit den neuesten Informationen aktualisiert.