Der Weltklimarat IPCC warnt mit dem ersten Teil des sechsten Sachstandsberichts erneut vor den verheerenden Auswirkungen eines ungebremsten Klimawandels. Wie stark die Erderwärmung auch in Österreich angekommen ist, belegen die umfassenden Statistiken der Zamg. Demnach ist es hierzulande seit Beginn der Industrialisierung um rund zwei Grad wärmer geworden. Folgt keine Trendumkehr, wird die Erwärmung bis zum Jahr 2100 bei mindestens fünf Grad liegen.

Gewessler: "Es braucht engagierte Klimaschutzpolitik"

"Wir alle sind bereits heute von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen. Mit immer häufiger und intensiver auftretenden Unwetterereignissen bei uns in Österreich, in Europa und weltweit wird klar: Wir müssen jetzt handeln - es braucht engagierte Klimaschutzpolitik", stellte Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) fest. Die veröffentlichen Daten und Ergebnisse des IPCC zeigen deutlich, dass weiter wie bisher für uns alle keine Option ist. "Wir werden überall auf der Erde, auch in Österreich, verstärkt mit uns nun bekannten Extrem- und Unwettern, Trockenheit und Hitze in unseren Regionen und Städten rechnen müssen."

ÖVP-Staatssekretär Magnus Brunner anlässlich des Berichts des Weltklimarats forderte anlässlich des Berichts erneut schnellere Genehmigungsverfahren für Infrastrukturprojekte in der Produktion erneuerbarer Energie in Österreich: "Das ist wichtig für den Klimaschutz, unseren Wirtschaftsstandort und für mehr Arbeitsplätze", so Brunner per Aussendung. Das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz müsse mit Leben erfüllt und die Infrastruktur dafür errichtet werden. "Wer am Freitag für mehr Klimaschutz demonstriert, muss am Montag auch die notwendigen Projekte unterstützen und für schnellere Genehmigungsverfahren sein." Für UVP-Verfahren im Energiebereich schweben der ÖVP maximal zwei Jahre vor. 

SPÖ und Neos fordern Taten

Sowohl Neos als auch SPÖ fordern von der Regierung, rascher Maßnahmen umzusetzen. "Während international alle Alarmglocken schrillen, richten Türkis-Grün einander wechselseitig seit Tagen aus, wer jetzt realitätsfremder ist", stellt SPÖ-Umweltsprecherin Julia Herr in einer Aussendung fest. "Ein längst überfälliges Klimaschutzgesetz, das gesetzliche Klimaziele definiert, fehlt dabei nach wie vor!" Sie erinnert an die Berechnung des Rechnungshofs, die besagt, dass etwa 9 Milliarden Euro an Strafzahlungen drohen, sollten die europäischen Klimaziele nicht erreicht werden. "Das teuerste wäre also jetzt, nicht in den Klimaschutz zu investieren!", hält Herr fest.

Auch Neos-Klima- und Umweltsprecher Michael Bernhard fordert "endlich klare, entschiedene und umfassende Taten auch in Österreich": "Es ist unfassbar unverantwortlich, dass weite Teile der österreichischen Politik die Dringlichkeit und Verantwortung nicht verstehen und so getan wird, als sei man nicht betroffen oder nicht imstande, etwas zu ändern." Denn der Bericht lege "schockierend offen, wie die Welt mit offenen Augen, mit einer Mischung aus Schuldzuweisung und Achselzucken, auf einen Abgrund zusteuert."

Verdoppelung der Hitzetage

Wie stark sich die zwei Grad in Österreich bereits auswirken, sieht man gut an den Hitzetagen mit mindestens 30 Grad, hieß es vonseiten der Zamg. So gab es im Zeitraum 1961 bis 1990 in den meisten Landeshauptstädten Österreichs pro Jahr zwischen fünf und elf Hitzetage und die Rekordwerte lagen bei 20 Tagen. Im Zeitraum 1991 bis 2020 verzeichnete die Zamg bereits zwischen 16 und 22 Hitzetage und die Rekorde lagen schon bei über 40.

"Das könnte sich fortsetzen: Der derzeit noch extreme Wert von 40 Hitzetagen pro Jahr in Österreich wird bei einem weltweit ungebremsten Ausstoß von Treibhausgasen am Ende des Jahrhunderts der Normalfall sein", so die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in einer Aussendung. Die Rekorde würden dann "in einem derzeit noch völlig unvorstellbaren Bereich von 60 bis 80 Tagen über 30 Grad pro Jahr liegen".

Risiko für Wetterextreme steigt

Besonders im Sommer veränderte sich in den vergangenen Jahrzehnten auch die Verteilung der täglichen Regenmengen: Die Zahl der Tage, an denen es wenig regnet, wurden seltener. Um zehn bis 30 Prozent häufiger wurden in den vergangenen 30 Jahren hingegen Tage mit sehr viel Niederschlag. "So kommt es zur scheinbar paradoxen Tatsache, dass im Sommer sowohl die trockenen Phasen als auch die starken Regenereignisse intensiver und häufiger wurden", so die Zamg.

Die zunehmende Hitze bringt auch enorme Risiken für die Gesundheit: "Hitze wird als Gefahr immer noch unterschätzt, weil es oft schwierig ist, nachzuweisen, dass ein Tod durch z.B. Herz-Kreislaufversagen von einer Hitzewelle verursacht wurde. Zahlreiche Studien belegen aber, dass in Europa deutlich mehr Menschen durch Hitzewellen sterben als durch Stürme, Hochwasser oder andere Wetterextreme", so die Zamg.

Dünnere Schneedecken

Der Klimawandel beeinflusst auch die Vegetation. In Österreich gibt es etwa zwar keinen Trend zu weniger Niederschlag, trotzdem steigt die Gefahr von Dürren. Denn die stetige Erwärmung wirkt sich stark auf die Wasserbilanz aus: Je wärmer es ist, desto mehr Feuchtigkeit verdunstet aus den Böden in die Luft. Außerdem verlängert ein wärmeres Klima die Vegetationsperiode und die Pflanzen entnehmen über einen längeren Zeitraum Wasser aus den Böden. Untersuchungen für den Alpenraum zeigen weiters, dass in den kommenden Jahrzehnten die Schwankungen der Niederschlagsmenge von Jahr zu Jahr größer werden könnte, wodurch die Dürregefahr zusätzlich steigt.

Auch auf den Schneefall hat der Klimawandel enorme Auswirkungen. Den Prognosen der Zamg zufolge bleibt es in den kommenden Jahrzehnten nur mehr oberhalb von etwa 1.500 bis 2.000 Meter noch kalt genug für Schneefall. In tiefen Lagen wird es stattdessen immer öfters regnen. Zum Beispiel hat in Österreich die Zahl der Tage mit einer Schneedecke in Wien, Innsbruck und Graz in den vergangenen rund 90 Jahren um etwa 30 Prozent abgenommen. Bei weltweit ungebremsten Emissionen von Treibhausgasen wird die Schneedeckendauer bis zum Jahr 2100 in Lagen unterhalb von etwa 400 Meter Seehöhe um rund 90 Prozent abnehmen, in Lagen um 1.500 Meter um etwas mehr als 50 Prozent.

"Wütender und lauter" gegen die Untätigkeit der Politik auftreten

Aber auch die Zamg betonte, dass die verheerenden Zukunftsprognosen nicht eintreffen müssen, wenn noch gegengesteuert wird. Bei Einhaltung des Pariser Klimaziels könnte sich die Erwärmung in Österreich und weltweit in den nächsten Jahrzehnten knapp über dem aktuellen Niveau einpendeln. "Uns als nationalem Wetterdienst ist wichtig, möglichst detailliert die neuesten Erkenntnisse zur Vergangenheit und Zukunft des Klimas in Österreich bereitzustellen, damit eine sachliche Diskussion am aktuellen Stand der Forschung stattfindet und über wichtige langfristige Maßnahmen entschieden werden kann", sagte Marc Olefs, Leiter der Klimaforschung an der Zamg. "Ein wichtiges Ergebnis der Forschung ist, dass mit einem ambitionierten Klimaschutz immer noch möglich ist, die negativen Auswirkungen des Klimawandels zu dämpfen."

Greenpeace fordert die Europäische Kommission in diesem Zusammenhang dazu auf, endlich die notwendigen Mindestmaßnahmen auf EU-Ebene einzuleiten und aus dem "Fit-for-55"-Paket schleunigst ein "Fit-for-65"-Paket zu schnüren. Die Reduktion um 55 Prozent der Treibhausgasemissionen sei viel zu gering angelegt, mindestens 65 Prozent seien zwingend notwendig. Von der österreichischen Bundesregierung fordert Greenpeace "schleunigst ein umfassendes und ambitioniertes Klimaschutzgesetz sowie eine sozial abgefederte ökosoziale Steuerreform umzusetzen".

Global 2000 forderte einen "Green Deal" für Österreich. Dazu gehöre ein Klimaschutzgesetz, mit einem wirksamen Sofortmechanismus und einen stufenweisen, rechtlich verbindlichen Ausstieg aus Öl, Gas und Kohle bis spätestens 2040. Weiters braucht es einen Öko-Bonus für alle Haushalte, der sich aus einer CO2-Bepreisung finanziert. Das Volumen einer öko-sozialen Steuerreform soll dabei 5-7 Milliarden Euro betragen. "Jede zusätzliche Erhitzung vergrößert die Intensität und Häufigkeit von Klimakatastrophen und gefährdet damit das Überleben vieler Menschen und Tierarten. Daher muss die Politik rasch handeln, bevor es zu spät ist", sagte Lisa Plattner, Expertin für internationale Klimapolitik beim WWF Österreich. 

"Als Jugendliche macht mir der neue Bericht große Angst. Er prophezeit eine Zukunft, vor der man sich fürchten muss", sagt Fridays For Future-Aktivistin Ida Ploner. "Und trotzdem bleibt die Politik untätig. Mir wird immer klarer, dass wir noch viel lauter und wütender die Untätigkeit der Politik aufzeigen müssen, damit Österreich endlich auf Klimakurs kommt." (apa)