Das Zusammenleben mit Migranten funktioniert schlecht und hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. Das sagt die Hälfte der 1.120 befragten Österreicher in einer Umfrage der Statistik Austria, die durch den Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds und das Bundeskanzleramt kofinanziert wurde.

Die subjektive Wahrnehmung des Integrationsklimas der Österreicher unterscheidet sich laut den Umfrageergebnissen stark von jener der befragten Migranten. Denn etwa neun von zehn Migranten geben an, sich in Österreich heimisch zu fühlen und mit der österreichischen Lebensweise und den österreichischen Werten einverstanden zu sein. Rund drei Viertel der befragten Migranten fühlen sich Österreich eher zugehörig als dem Staat, aus dem sie oder ihre Eltern stammen. Die positiven Einstellungen nehmen mit der Dauer des Aufenthalts in Österreich zu. Befragt wurden 2.336 Menschen, die in Bosnien und Herzegowina, Serbien, der Türkei, Afghanistan, Syrien oder Tschetschenien geboren wurden und in Österreich leben.

Das Zugehörigkeitsgefühl zu Österreich ist bei Personen, die aus Afghanistan, Syrien und Tschetschenien nach Österreich geflüchtet sind, stärker als bei jenen, die in den traditionellen Gastarbeiterländern Bosnien und Herzegowina, Serbien oder der Türkei geboren wurden.

Eine Frage des Vergleichs und der Situation

Die Umfrageergebnisse zeigen: Nicht jeder Befragte, der sich Österreich zugehörig fühlt, fühlt sich hier auch heimisch. Außerdem sieht sich fast die Hälfte der befragten Migranten trotz ihrer mehrheitlich positiven Einstellung gegenüber Österreich und der hier gelebten Werte in Österreich diskriminiert.

Wie man sich in einem Land wohlfühlen kann, obwohl man diskriminiert wird, erklärt Kenan Güngör, Soziologe und Leiter des Forschungsbüros think.difference, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Die Vergleichsparameter spielen eine Rolle. Die Menschen vergleichen ihre Situation in Österreich mit der Situation in den Herkunftsländern." In Österreich sei man kranken- und arbeitslosenversichert, auf der Straße sicher. Die Bewertung der Lage falle selbst dann positiver aus, wenn man in Österreich Diskriminierung erfahre.


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Migrationsforscherin Judith Kohlenberger von der WU Wien erklärt den Widerspruch dadurch, dass es im Leben von Migranten häufig Bereiche gibt, in denen sie sich zugehörig fühlen, wie zum Beispiel am Arbeitsplatz oder im direkten Umfeld. In solchen Situationen, in denen viel Kontakt mit anderen Personen besteht, werden Vorurteile von Österreichern abgebaut. In Bereichen, in denen eher loser Kontakt zu anderen besteht, wie etwa bei Behörden oder bei Begegnungen mit Passanten auf der Straße, komme es stärker zu - häufig auch struktureller - Diskriminierung.

Die Ablehnung von Migranten ist laut Kohlenberger oft dort am stärksten, wo wenige Migranten leben. Das sei sowohl auf europäischer Ebene als auch in Österreich zu beobachten. In Städten und Gemeinden, in denen es zu mehr Kontakt zwischen Migranten und Österreichern kommt, würden weniger Ressentiments herrschen als dort, wo es keine oder wenige eigene Erfahrung mit Migranten gibt.

Sowohl Kohlenberger als auch Güngör führen das darauf zurück, dass Menschen, die keine Migranten persönlich kennen, ihr Wissen häufig nur von der Politik und aus den Medien beziehen. Durch die Thematisierung von sogenannten "Brennpunktschulen" oder der Assoziation von häuslicher Gewalt oder Kriminalität mit einer bestimmten ethnischen Zugehörigkeit oder Religion werden gesellschaftliche Probleme Migranten zugeschrieben. Die eigentlichen Ursachen, die häufig sozioökonomisch sind, werden ausgeblendet. Haben Österreicher keinen Kontakt zu Migranten, haben sie auch keine Korrekturmöglichkeit im Alltag. Dadurch wird das Zusammenleben mit Migranten oft schlecht bewertet.

"Traditionelles Gastverständnis"

Durch Straftaten, wie zuletzt dem "Fall Leonie", würde die Einstellung der Österreicher gegenüber Migranten zusätzlich negativ beeinflusst. Kriminalität durch Migranten würde in Österreich generell ein größeres Unbehagen auslösen als Kriminalität durch Österreicher, so Güngör. Diese unterschiedliche Wahrnehmung führt er nicht nur auf Rassismus, sondern auch auf ein "traditionelles Gastverständnis" zurück. Güngör vergleicht das mit der Situation in einem Zug: Wer zuerst da war, erwartet, dass die Person, die sich dazusetzen will, höflich um Erlaubnis fragt. Von Migranten würde Demut und Dankbarkeit erwartet werden und ihnen würden oft nicht dieselben Rechte zuerkannt wie einem selbst.

Kohlenberger verweist in diesem Zusammenhang auf das Integrationsparadoxon des deutschen Soziologen Aladin El-Mafaalani: Wenn Integration gelingt, steigen die Verteilungskonflikte in der Bevölkerung. Studien würden etwa zeigen, dass viele Personen ein Problem mit Muslimen in Führungspositionen haben.

Güngör zufolge ist die politische Kommunikation ein wichtiger Bestandteil der Integration. In Österreich, aber auch in vielen anderen Ländern, würde man im Zusammenhang mit Migration häufig zwischen "wir" und "anderen" unterscheiden. Dadurch würden sich viele Migranten emotional nicht zu Österreich zugehörig fühlen und den Eindruck haben, sie würden in Österreich nur geduldet.

Türkischstämmige Personen würden von der Türkei ein stärkeres Zugehörigkeitsangebot und mehr Anerkennung bekommen als von der österreichischen Politik. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte etwa bei öffentlichen Auftritten verkündet, dass türkischstämmige Personen, auch wenn sie andere Staatsbürgerschaften haben oder seit Generationen in anderen Ländern leben, für ihn Türken seien und zur Türkei gehören. Rund 72 Prozent der an der Integrationsbefragung teilnehmenden Personen, die in der Türkei geboren sind, fühlten sich Österreich dennoch eher zugehörig als ihrem Herkunftsland.

Politische Handlungsmöglichkeiten

Auch laut Kohlenberger ist es wesentlich, wer in der politischen Kommunikation als "wir" betrachtet wird. Werden nur Österreicher ohne Migrationshintergrund gemeint, würde das das Gefühl der Zugehörigkeit beeinflussen.

Die Politik könnte einen Beitrag dazu leisten, dass sich Migranten stärker zu Österreich zugehörig fühlen. Und zwar durch politische Repräsentation und politische Beteiligung, beispielsweise durch einen leichteren Zugang zur österreichischen Staatsbürgerschaft und damit zum Wahlrecht.

Um die Wahrnehmung von Integration und Migration durch Österreicher zu verbessern, sollen Güngör zufolge positive Begegnungsräume geschaffen werden, in denen Migranten und Österreicher gemeinsam Aufgaben lösen. Auch Gesprächsformate oder Begegnungsveranstaltungen, bei denen Migranten und Österreicher aufeinandertreffen, sollen stärker genutzt werden.

Die Politik reagiert auf die Ergebnisse der Integrationsbefragung mit keinen konkreten Maßnahmen. Aus dem Büro der Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP) hieß es lediglich, die Daten würden "laufend in die Integrationsarbeit einfließen".