"Wiener Zeitung": Wie kann man die Jugend heute für den Glauben begeistern?

Stephan Turnovszky: Mir kommt vor, das Wichtigste ist, dass junge Menschen gute Erfahrungen mit dem Glauben machen. Da kann eine katholische Sozialisierung sehr helfen, weil Jugendliche erfahren, dass ihre Eltern, ihre Familien, ihre Freunde und Bezugspersonen Lebenshilfe aus dem Glauben erfahren. Aber das stärkste Moment ist natürlich, wenn junge Menschen selbst das Erlebnis haben, dass der Glaube ihnen hilft und wenn sie dabei auch anderen jungen Menschen begegnen, die diese Erfahrung auch schon gemacht haben.

Tatsächlich ist diese katholische Sozialisierung stark im Abnehmen, wie man etwa bei der Zahl der Ministranten beobachten kann. Muss da nicht mehr getan werden?

Sie haben ganz recht, die katholische Sozialisierung ist wesentlich geringer geworden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Deshalb sollen auch besondere Erfahrungsräume geschaffen werden, in denen Jugendliche dieses Erlebnis machen können: Glaube hilft mir, und ich treffe junge Menschen, die erlebt haben, dass der Glaube ihnen hilft.

Nun gibt es aber zahlreiche andere ideelle Erfahrungsräume, die bei der Jugend starken Zulauf genießen. "Fridays for future" zum Beispiel oder auch der Einsatz für Minderheiten wie die LGBTQ-Community. So gibt es gläubige Jugendliche, die sowohl bei einer Wallfahrt als auch bei der Love-Parade mitmachen. Schließt hier das eine das andere aus?

Ich nehme wahr, dass sich viele junge Menschen engagieren und ein Leben führen wollen, dass einen Sinn und ein Ziel hat, mit dem sie etwas bewegen möchten. Was Jugendliche bewegen wollen, ist recht unterschiedlich, da gibt es durchaus mehrere Neigungsgruppen. Der Glaube ist aber in erster Linie eine Hilfe, um das zu erreichen, was die jungen Leute haben wollen: gute Beziehungen, Frieden mit der Familie und dem Freundeskreis, eine sinnerfüllte Tätigkeit und ein sinnerfülltes Leben.

Aber hat man in der Vergangenheit, wie es auch Papst Franziskus bei der Jugendsynode bekannt hat, nicht Fehler gemacht, zu viel moralisiert und zu wenig begleitet?

Die Kirche hat den Anspruch, Gottes Botschaft vermittelt durch Menschen unter die Menschen zu bringen. Und allein das scheint ja schon ein innerer Widerspruch zu sein: Wie können Menschen für Gottes Botschaft gradestehen? Sie werden das immer nur so irgendwie können, und so ist auch die Kirche nur so irgendwie die Mittlerin Gottes. Und manchmal fällt es aus Gründen, die Sie genannt haben, durchaus schwer, aus dem Mund der Boten der Kirche die Frohe Botschaft zu vernehmen. Auf der anderen Seite ist es mir selbst wichtig, den jungen Leuten die Freiheit zu lassen, das katholische Angebot zu wählen oder nicht, aber sie sollen es kennen, und das ist mein Anspruch: dass ich ihnen nahebringe, was der Erfahrungsschatz der katholischen Kirche ist, was die Lehre der katholischen Kirche ist - das heißt, geronnene Lebenserfahrung über die Jahrhunderte mit dem Glauben. Was die jungen Menschen daraus machen, ist ihre Sache und Verantwortung.

Ihre Pilgerwoche mit Jugendlichen stand unter dem Eindruck der Corona-Pandemie. Wie haben Sie die Situation gerade mit Blick auf die Jugendseelsorge wahrgenommen, welche Sorgen treiben Sie um?

Sie stand unter dem Thema: "Wie können wir mit unseren Ängsten und Sorgen in der Pandemie umgehen?" Ihr Motto "Schutz und Schirm" drückt aus, dass wir uns trotz aller Ängste und Sorgen in der Pandemie von Gott beschützt und beschirmt wissen. Klar ist aber auch, dass wir uns auch nach dieser Pilgerwoche in der Corona-Pandemie wiederfinden. Sie ist nicht weggezaubert, aber ich hoffe, dass die jungen Leute einen anderen Zugang gefunden haben zu ihren Sorgen und Ängste. Die gibt es natürlich auch in der ganzen Kirche. Die Seelsorge ist schwieriger geworden, es wird sicher nicht gelingen, an dem Punkt anzuknüpfen, an dem wir vor der Krise waren. Aber das muss auch gar nicht der Anspruch sein. Der Anspruch muss sein, Menschen beizustehen und zu helfen, die in dieser Krise Ängste haben - und zwar unterschiedlichste Ängste, da soll die Kirche für alle da sein. Meine Sehnsucht ist, dass die Kirche dazu beitragen möge, dass in unserem Land die seit der Pandemie auseinanderstrebenden Kräfte stärker ins Gespräch kommen. Hilfe zur Bewältigung von Angst anbieten - das, glaube ich, ist das Gebot der Stunde und nicht die Rückkehr zur sogenannten Normalität.

Auch wenn das bedeutet, dass in der Jugendseelsorge die eine oder andere Gruppe zu existieren aufhört und man wieder von vorne beginnen muss?

Ja. Natürlich ist es menschlich, dass man immer wieder auf Zahlen schaut, auf die Zahl der Anwesenden und Mittuenden - aber es kann auch eine Versuchung sein. Denn nicht die Anzahl ist ausschlaggebend, sondern die Hingabe, und dass man wirklich versucht, für Menschen da zu sein, ohne jetzt den Erfolg zu zählen.