Es ist alles angerichtet. Frisches Brot, Wurst, Getränke - Guido hat nichts ausgelassen, um seinem Bischof und den übrigen Jugendlichen hier, im Schatten des "Schwarzen Turms" der Payerbacher Pfarrkirche im Süden Niederösterreichs, einen angenehmen Empfang zu bereiten. Seit gut zwei Stunden ist er bereits am Vorbereiten, seit er mit dem Begleitfahrzeug der Pilgergruppe aus Puchberg am Schneeberg kommend hier eingetroffen ist, um fürs Mittagessen zu sorgen. Guidos Blick wandert auf den bewaldeten Rücken des Gahns, der über dem Ort thront. Irgendwo aus dieser Richtung sollte die Gruppe in den kommenden Minuten eintreffen. "Heute ist es die längste Etappe", sagt er entschuldigend. "Immerhin 29 Kilometer." Das Tagesziel ist der Wallfahrtsort Maria Schutz am Fuße des Sonnwendsteins.

Guido ist bereits zum zweiten Mal bei der vom österreichischen Jugendbischof Stephan Turnovszky initiierten "Jugend-Pilgerwoche" mit dabei. Passend zum heurigen Thema - Corona - hat der Weihbischof aus Wien die Wegroute ausgewählt: von St. Corona am Schöpfl nach St. Corona am Wechsel. Immerhin gilt ja die Heilige Corona als Fürsprecherin der Seuchen- und Pestkranken. Payerbachs gotische Kirche aus dem 13. Jahrhundert wiederum ist dem Heiligen Jakobus, den Schutzpatron der Pilger und Wallfahrer, geweiht. Als die jungen Pilger schließlich mit Verspätung eintreffen, führt sie ihr Weg zuerst ins kühle Gotteshaus, um die sichere Ankunft in Payerbach mit dem Kanon "Jubilate Deo" zu besingen. Danach lassen sie sich erschöpft auf den Rasen vor der Kirche fallen.

Die Heilige Mese als Event: Ein "findfightfollow"-Gottesdienst 2005 in Korneuburg. - © Helmut Jilka
Die Heilige Mese als Event: Ein "findfightfollow"-Gottesdienst 2005 in Korneuburg. - © Helmut Jilka

Eine von ihnen ist Fanny, 23 Jahre alt und wie Guido bereits zum zweiten Mal dabei. Der Bischof persönlich habe sie angesprochen und gefragt, ob sie sich nicht seiner Pilgergruppe anschließen wolle, erzählt sie. Dabei ist Fanny weder bei der Katholischen Jugend, die heuer ihr 75-jähriges Bestehen feiert, aktiv, noch war sie Ministrantin oder in der Jungschar. "Ich mag das Gemeinschaftliche und bin von dem, was der Bischof macht, einfach begeistert. Es ist nicht alltäglich, weil es um den Glauben geht." Jeder Tag sei einem bestimmten Thema gewidmet, sagt Fanny, während sie sich an dem von Guido vorbereiteten Buffet bedient. "Gestern haben wir über den Tod gesprochen, heute geht’s um Vergebung." Auf die Frage, wie man in der heutigen Zeit die Jugendlichen wieder für den Glauben begeistern kann, antwortet sie wie aus der Pistole geschossen: "Wallfahrten! Ich finde aber auch soziale Projekte gut. Mithelfen in der Obdachlosenküche zum Beispiel, das kann sehr lustig sein."

Man merkt rasch: Diese Jugendlichen sind anders, sie nehmen ihren Glauben sehr ernst. Gleichzeitig sind sie keine, wenn man es so nennen will, "katholischen Nerds" - im Gegenteil. Wie in den meisten anderen Teilen der jungen Generation drehen sich die Gespräche und Witze um Freunde, Studium oder auch gesunde Ernährung. Zudem könnte der individuelle Background der Jugendlichen nicht unterschiedlicher sein: Manuel aus Poysdorf zum Beispiel ist trotz seiner erst 19 Lenze bereits passionierter Organist ("Ohne Gottesglauben kann man nicht spielen"), der 25-jährige Martin aus Wien wiederum Lehramtsstudent für Mathematik und Physik und den Naturwissenschaften verbunden. Den Glauben vom Elternhaus nicht "in die Wiege gelegt" bekommen hat der 39-jährige Paulus. Er hat, bevor er sich Gott zuwandte und bei der Erzdiözese Wien um seinen "Traumjob" als Pastoralassistent bewarb, sogar Operngesang studiert. "Ich wollte für die Menschen da sein, sozial tätig sein", sagt er. Heute ist er für die Kinder- und Jugendpastoral zuständig.

"Gewählte Mitgliedschaft
statt Pflichtmitgliedschaft"

Paulus ist also ein Spätberufener, dabei scheint der Umweg, den er gegangen ist, um zur Kirche zu finden, zukunftsweisender zu sein als gedacht. Davon ist zumindest der Wiener Pastoraltheologe und Religionssoziologe Paul Zulehner überzeugt. Er beobachtet, wie er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt, "eine Transformation aus der Pflichtmitgliedschaft in eine gewählte Mitgliedschaft" und außerdem "einen beträchtlichen Abstand von jungen Menschen zum inneren Kreis des kirchlichen Lebens". Zwar beanspruche der große Rest die Kirche zu den Lebenswendepunkten wie etwa der Hochzeit und schätze zudem ihr soziales Engagement, wolle sich selbst aber eher nicht beteiligen: "Die Jugend ist quasi der Trendspiegel für die künftige Arbeit der Kirche. Sie besteht darin, sich nicht mehr auf elterliche Traditionen und kulturelle Unterstützung zu verlassen, sondern Angebote zu machen, dass Menschen sich einwählen."

Und die Karten, welche die Kirche in der Hand habe, seien nicht einmal so schlecht, meint Zulehner und verweist auf den glaubwürdigen Einsatz für ökologische und soziale Belange: So existierten mit der Klimainitiative "Fridays for future" ebenso wertvolle Schnittmengen wie mit der "Black Lives Matter"-Bewegung. Am Ende stehe und falle es damit, ob die Kirche entsprechende Gratifikationen - also zusätzliche Benefits - bieten und vermitteln könne, "dass es gut ist, sich der Jesus-Bewegung anzuschließen". Diese Gratifikationen müssten etwas mit Jesu Grundbotschaft zu tun haben, nämlich "dass die Welt gerechter, friedlicher, sozialer, ökologischer und daher menschlicher wird."

In dieselbe Kerbe schlägt auch die Vorsitzende der Katholischen Jugend, Magdalena Bachleitner. Sie sieht, was die Gratifikation betrifft, unter anderem bei der Gestaltung der Sonntagsmesse Handlungsbedarf. "Die kirchliche Praxis ist relativ weit weg vom Alltag junger Menschen: Am Sonntag um 8.30 Uhr ist nicht unbedingt die Zeit, wo sie gern in die Kirche gehen. Da muss die Messe dann schon sehr attraktiv sein", sagt sie. "Oder es gibt eine große Freundesgruppe, die auch hingeht. Aber in der Regel ist man der einzige Jugendliche und fällt auf. Und das ist umso schwieriger, je jünger dieser Mensch ist." Auch mit den 300 Jahre alten Liedern könnten nur wenige etwas anfangen. "Vielen Jugendlichen fehlt da auch eine Bezugsperson, die sie an der Hand nimmt."

Einen Versuch, die Heilige Messe für Jugendliche attraktiver zu gestalten, bildeten die Wiener Jugendkirche (in St. Florian an der Wiedner Hauptstraße) und die Gottesdienstreihe "findfightfollow", die von 2003 bis 2011 in verschiedenen Pfarren der Diözese ausgerichtet wurden und aus der Eucharistiefeier echte Events mit hunderten Teilnehmern gemacht haben. Dass es sie heute in der Form nicht mehr gibt, bedeutet für die KJ-Vorsitzende nicht ein Scheitern des Projekts - im Gegenteil: "Wir wollten moderne Jugendmessen in die Pfarren bringen und das Know-how dafür liefern. Ein großes Ziel der KJ ist ja, Menschen handlungsfähig zu machen. Wenn sie uns dann nicht mehr brauchen, ist es auch gut."

Mit Jugendbischof Turnovszky über Stock und Stein

Bei den Pilgern in Payerbach erübrigt sich die Frage nach den Gratifikationen. Zwar sähen einige, darunter etwa Martin, gerne "etwas aufgepeppte" Messfeiern, aber dafür brauche es nicht unbedingt aufwendige Technik samt Discokugel. Und auch was die politische Agenda der Kirche in Sachen Armutsbekämpfung und Klimaschutz betrifft, so ist diese für die meisten selbstverständlich. Wenn es eine kirchliche Anziehungskraft gibt, die an diesem Tag spürbar auf die Gruppe wirkt, so ist dies das Erlebnis von Gemeinschaft, das sich nicht nur im Wandern, sondern auch im Gebet und im Singen äußert. Eine tragende Rolle spielt dabei Bischof Turnovszky, dessen freundliche und authentische Art, mit jungen Leuten umzugehen, erst keine Zweifel aufkommen lässt. Für sie ist der 57-Jährige in Shorts und T-Shirt nicht die abgehobene Exzellenz, für die hohe Kleriker manchmal gehalten werden, sondern einfach ein Jesus-Freund wie sie.

"Los geht’s, auf mit euch", ruft der Weihbischof den im Gras liegenden Burschen und Mädels zu. "Wir haben noch einen Weg vor uns." Während sich die Gruppe - geführt vom Kreuzträger - auf den Weg macht, wird eifrig getratscht und gelacht. Die Sonne brennt vom Himmel, nur gelegentlich reißt ein vorbeidonnernder Güterzug auf der nahen Südbahn die Jugendlichen aus den Gedanken. Auf die Gratifikationen der katholischen Kirche angesprochen, sagt Turnovszky: "Das Wichtigste ist, dass junge Menschen gute Erfahrungen mit dem Glauben machen." Ob nun als Ministrant, Pilger oder Spätberufener wie er selbst - Turnovszky studierte Chemie und trat erst im Alter von 28 Jahren ins Priesterseminar ein -, am Ende zähle eine gelungene Beziehung zu Jesus.

Wie das funktionieren kann, versucht der Jugendbischof in den täglichen "Impulsen", die er zum jeweiligen Tagesevangelium hält, der Gruppe zu vermitteln. Als idealen Ort dafür hat er diesmal eine kleine Kapelle in Küb, einem Dorf am Fuße des Kreuzbergs, ausgemacht, die seit vielen Jahrzehnten von der ortsansässigen Familie Weinzettl betreut und gepflegt wird. Die Tochter des Hauses schließt die Tür auf und ist vom Marienlied, das die Pilger anstimmen, so gerührt, dass sie Turnovszky mit Tränen in den Augen dankt und bittet, für ihre Mutter, die im Sterben liegt, zu beten. Der Weihbischof nickt und drückt der Frau fest die Hand. Die Jugendlichen haben in der Zwischenzeit auf der Wiese hinter der Kapelle Platz genommen, um ihrem Bischof zum Thema Vergebung zu lauschen.

Beim nachfolgenden Marsch über den Kreuzberg nach Schottwien ist es leiser, das Lachen verstummt. Turnovszky hat die Jugendlichen gebeten, die Bergetappe dafür zu nutzen, sich über das Gehörte auszutauschen. Irgendwann kommt das Gespräch darauf, in welcher Hinsicht auch die Kirche Fehler gemacht und Vergebung notwendig hätte - etwa mit Blick auf die Missbrauchsskandale. Während Turnovszky erklärt, dass Heilung nur stattfinden könne, "wenn die Wahrheit ans Licht darf und es Vergebung statt Vergeltung gibt", geht Martin noch einen Schritt weiter. Er wünscht sich einen barmherzigeren Umgang mit Minderheiten, etwa Lesben und Schwulen. "Jeder Mensch ist doch so geliebt, wie er ist", sagt er. "Man muss sich immer fragen: Wo tu ich jemand anderem weh?" Auf die Nachfrage, ob er auch einmal an der Homosexuellen-Parade in Wien teilnehmen würde, antwortet er mit "Ja".

"Irritationen mindern, die Jugendliche abschrecken"

Was hier auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt, ist es bei vielen Jugendlichen nicht mehr. Davon ist auch Zulehner überzeugt. Aus seiner Sicht wäre es wichtig, wenn die Kirche jene Irritationen mindern würde, die Jugendliche abschrecken. Der Umgang mit der LGTBQ-Community gehöre ebenso dazu wie jener mit den Frauen. "Junge Frauen fühlen sich in der Kirche immer noch diskriminiert, weil sie gewisse Leitungspositionen nicht erreichen können", erklärt der Theologe. Freilich würden auch Irritationen im Zusammenhang mit der kirchlichen Sexualmoral oder Missbrauchsskandale eine Rolle spielen, allerdings "nicht die entscheidende. Es gibt Leute wie mich, die hochirritiert sind, aber bleiben, weil sie Gratifikationen haben", sagt Zulehner.

Die KJ-Vorsitzende Bachleitner sieht das ähnlich. Sie treibt neben den allgemeinen Irritationen vor allem ein Thema um: Corona. "In der Pandemie ist es noch einmal verstärkt aufgefallen, wo das System sehr kracht", sagt sie und führt an, dass es gerade im Gruppenbetrieb "viel schwieriger" geworden sei, Jugendliche zu motivieren und attraktiv zu sein - zumal sich diese Zielgruppe rasch ändere und man damit "ganze Generationen" verliere. Andererseits habe man in der Pandemie wieder gelernt, sich auf das Wesentliche in der Jugendpastoral zu konzentrieren, meint sie. Soziale Begleitung und Zuhören zählt sie ebenso dazu wie sachliche Kritik.

Für die jungen Pilgerinnen und Pilger auf dem Kreuzberg steht die Kritik an der Amtskirche bei dieser Wallfahrt nicht auf der Prioritätenliste. Das heißt aber nicht, dass "heiße Eisen" wie Homo-Ehe, Zölibat oder Frauenpriesterweihe für sie überhaupt keine Rolle spielen würden. Das weiß auch Weihbischof Turnovszky. Auf die Irritationen der Kirche angesprochen, meint er: "Mir ist es wichtig, den jungen Leuten die Freiheit zu lassen, das katholische Angebot zu wählen oder nicht, aber sie sollen es kennen." Diesen "Erfahrungsschatz" will er auch den Jugendlichen nahebringen, also das, "was die Lehre der katholischen Kirche ist". Nachsatz: "Was die jungen Menschen daraus machen, ist ihre Sache."

Es ist dies nicht die schlechteste Strategie. Zwischenzeitlich hat die Gruppe den Kreuzbergsattel erreicht, in der Ferne leuchten die Kirchtürme von Maria Schutz. Ihr Anblick zaubert den Jugendlichen ein Lächeln ins Gesicht, bald eilen sie weiter. So, als könnten sie es nicht erwarten, der Muttergottes ihre Aufwartung zu machen.

Die offizielle Jugendorganisation der katholischen Kirche wurde am 2. Oktober 1946 erstmals in einem Hirtenwort der österreichischen Bischöfe erwähnt. Diese riefen die Jugendlichen darin auf, das Leben neu in Christus zu bauen, und forderten die bestehenden Jugendverbände zur aktiven Mitarbeit in der Katholischen Jugend (KJ) auf. Deren Zielgruppe sind Jugendliche ab der Firmvorbereitung (14. Lebensjahr) und junge Erwachsene. Ihre mehr als 100.000 ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind auf allen Ebenen - von der Pfarre bis zur Bundesebene - tätig.

Die KJ setzt sich dafür ein, dass Jugendliche in der Kirche gehört und ihre Anliegen wahrgenommen werden. Sie engagiert sich aber auch gesellschaftspolitisch, etwa mit Projekten wie Österreichs größter Jugendsozialaktion "72 Stunden ohne Kompromiss", die heuer von 13. bis 17. Oktober bereits zum zehnten Mal stattfindet, mit den schulpastoralen "Orientierungstagen" oder interreligiösen Dialogen. Auch Umwelt und Entwicklungspolitik stehen im Fokus.