Gibt es zu viel davon, ist es eine Umweltkatastrophe. Gibt es zu wenig, ebenfalls. Wasser ist unstet, unberechenbar und mächtig. Es ist Lebensspender, dominierendes Element und Wirtschaftsfaktor. Die Menge des Niederschlags, als der verdunstetes Wasser auf die Erde zurückkehrt, ist zwar in Österreich über das Jahr verteilt seit langem gleich – an der zunehmenden Intensität, mit der Starkregen niedergeht, merkt man aber sehr wohl, dass sich das Klima wandelt. Gleichzeitig werden die Dürreperioden heißer, trockener und länger. Heute hängt dadurch mehr denn je die Zukunft ganzer Regionen vom Wasser ab.

Vor allem im Osten Österreichs geht es mitunter ums Überleben der landwirtschaftlichen, wertschöpfungsintensiven Kulturen wie Karotten, Grünerbsen, Mais, Erdäpfel, Zuckerrüben und Sojabohnen – und der Landwirte, die dahinterstehen. Die Trockenperioden halten hier länger an, und selbst der Tiefwurzler Wein bräuchte bei der gewaltigen Blatt- und Traubenmasse, die er produzieren soll, zusätzliches Wasser. Die südliche Steiermark, Kärnten und das südliche Burgenland haben indes vermehrt mit nicht enden wollenden Überschwemmungen zu kämpfen.

In Zeiten der Dürre sei aber nicht allein das fehlende Wasser selbst das Problem, heißt es von der Landwirtschaftskammer Österreich. Bei den Erdäpfeln kann es zum Beispiel massive Ausfälle geben, weil der Drahtwurm diese durchlöchert. Der Drahtwurm ist eigentlich eine Larve, und zwar eines Schnellkäfers. Auf der Suche nach einer Feuchtigkeitsquelle im ausgetrockneten Boden bohrt er sich in die Erdäpfel hinein.

Aber auch zu viel Wasser ist nicht per se ein Segen für die Landwirtschaft. Ganz im Gegenteil. Zu viel Regen übersättigt den Boden mit Wasser, zudem keimt das Getreide erneut: Der Stärkegehalt und damit die Qualität nehmen ab. Geht der Regen als Hagel nieder, kann er in wenigen Minuten ganze Ernten zerstören.

220 Millionen Euro Schäden in der Landwirtschaft

Die heuer verursachten Schäden in der Landwirtschaft liegen bereits bei 220 Millionen Euro, heißt es dazu auf Nachfrage von der Hagelversicherung. Das ist fast doppelt so viel wie im Vorjahr (120 Millionen Euro), aber weniger als 2016, 2017 und 2018, als die Wetterextreme jeweils mehr als 250 Millionen Euro Schäden verursachten. 2015 waren es ähnlich wie heuer 215 Millionen. Blickt man ins Detail, spiegeln die konkreten Ursachen auch die Unvorhersehbarkeit der Wetterextreme wider, die die bisherige Kontinuität der Jahreszeiten, Temperaturen und Niederschläge durcheinanderwirbeln. Denn waren heuer Hagel, Frost, Sturm und Überschwemmungen für 68 Prozent der Schäden in der Landwirtschaft verantwortlich, so waren es 2015 und 2018 zu mehr als 80 Prozent Dürre und Trockenheit. 2016 wiederum tanzt komplett aus der Reihe: Damals haben ausschließlich Hagel, Frost, Sturm und Überschwemmungen 100 Prozent der Schäden verursacht.

Aus dieser Aufschlüsselung der Hagelversicherung lassen sich deutlich die europaweiten Dürrejahre 2015 und 2018 ablesen. Laut dem Vorstandsvorsitzenden Kurt Weinberger werde man trotz der immer häufigeren Jahre mit hohen Schäden keine Prämienerhöhungen vornehmen, meint er – Hagel sei auch nur zu 85 Prozent durchversichert, und Frost- und Dürreschäden seien es zu weniger als 65 Prozent.

Prämienförderung durch die öffentliche Hand erhöht

Vonseiten des Landwirtschaftsministeriums wurde mit 2019 die Prämienförderung durch die öffentliche Hand (Public-Private-Partnership-Modell) von 50 auf 55 Prozent erhöht, wobei sich Bund und Länder diese teilen. Dafür fließt aus dem Katastrophenfonds für Schäden, die versicherbar sind, nun kein Geld mehr, sondern nur noch für nicht versicherbare.

Die Landwirte sind also so oder so gefordert, sich anzupassen, mit den Extremen des Klimawandels zu leben und das Beste herauszuholen – und sie tun es auch. Vor allem gegen die anhaltenden Dürre- und Hitzeperioden kann man laut Landwirtschaftskammer (LK) gezielt Maßnahmen ergreifen. Bei diesen geht es einerseits um die Selektion und Züchtung trockentoleranter Kulturpflanzen wie Getreide, Leguminosen und Ölpflanzen. Zudem werden mehr Winterkulturen gesät, die vor dem Winter eingebracht werden, um die Bodenfeuchte zu nutzen. Auch, die Felder nach der Ernte zu begrünen, lässt den Boden das Wasser besser speichern. Der Anbau einiger gentechnisch veränderter Pflanzen ist in der EU zwar zugelassen, in Österreich jedoch verboten.

"Kompetenzzentrum Bewässerung" gegründet

Andererseits wird dort, wo zu wenig Regen fällt, das Wasser künstlich herbeigebracht – in Form von Bewässerungsanlagen. Wie intensiv diese gebraucht und vorangetrieben werden, zeigt sich schon daran, dass das Land Niederösterreich 2020 ein eigenes "Kompetenzzentrum Bewässerung" geschaffen hat.

Vor allem im Marchfeld – der 18 Kilometer lange Marchfeldkanal wurde 1992 eröffnet und bringt Wasser aus der Donau –, im Tullnerfeld, im südlichen Wiener Becken und im Eferdinger Becken in Oberösterreich wird bereits seit langem bewässert. Dazu kommen zahlreiche regionale, kleinräumige Systeme. Die Landwirte greifen dabei fast immer auf Beregner oder die Tröpfchenbewässerung zurück und entweder auf Donau- oder auf Grundwasser, sagt Wolfgang Neudorfer vom "Kompetenzzentrum Bewässerung".

Im Weinviertel und südlichen Wiener Becken, wo es wertschöpfungsintensive Kulturen wie Karotten, Grünerbsen und Sojabohnen gibt, sollen etwa 250.000 Hektar im Zuge eines langfristigen, von der LK Niederösterreich initiierten Vorhabens mit Donauwasser bewässert werden. Das wäre eine dreimal so große Fläche wie im Marchfeld. Aktuell sei man jedoch noch immer bei den strategischen Überlegungen, was möglich ist, meint Neudorfer. Und vermutlich ist auch noch die Frage, wer das alles finanzieren soll, offen: Franz Raab, Kammerdirektor der LK Niederösterreich, sprach von Errichtungskosten von 198 Millionen Euro.

Teuer in der Investition, günstig im Betrieb

Investitionen in Bewässerungssysteme seien zwar relativ teuer, sagt dazu Neudorfer, deren Betrieb sei dafür aber günstig und präzise. "Man braucht wenig Wasserdruck und Energie." Um die Pumpen zu betreiben, steigen nun viele zunehmend von Dieselaggregaten auf umweltfreundlicheren Strom um, sagt er.

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Beim Trinkwasser braucht man die Sorge, dass es zu wenig gibt, grundsätzlich nicht zu haben. Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern wie Deutschland oder Norwegen, wo auch Oberflächenwasser aus Flüssen und Seen dafür aufbereitet werden muss, wird der gesamte Bedarf in Österreich aus Grund- und Quellwasser gedeckt. Weniger als ein Prozent der theoretisch verfügbaren Menge von jährlich rund 92 Milliarden Kubikmeter wird laut Manfred Eisenhut, Bereichsleiter Wasser der Österreichischen Vereinigung für das Gas- und Wasserfach (ÖVGW), von den Haushalten verwendet.

Das Problem bei der Trinkwasserversorgung seien allerdings die Verbrauchsspitzen. Diese werden durch die zunehmende Anzahl an Trockenheitsperioden vor allem im Sommer immer dramatischer und sind laut Eisenhut "so hoch wie nie". Konkret geht es dabei um die Speicherkapazitäten in Behältern und Rohrleitungen, die limitierenden Faktoren in der Wasserversorgung. Können die Speicher in der Nacht nicht aufgefüllt werden, weil das Wasser zum Beispiel in die Bewässerungsanlagen der Gärten oder in Pools fließt, fehlen tagsüber die Reserven.

"Wasser ist ein Lebensmittel und kann verderben"

Nun einfach immer größere Speicher zu bauen, ist aber nicht die richtige Antwort darauf. "Wasser ist ein Lebensmittel und kann verderben", so Eisenhut. Das Trinkwasser darf nicht zu lange im Speicher oder in den Leitungen verweilen. Deshalb gehe es nicht darum, die Speicher an den Spitzenbedarf anzupassen, sondern darum, den Bedarf zu optimieren, damit der Spitzenbedarf nicht weiter steigt. "Zum Beispiel durch Pool-Füllpläne vonseiten der Gemeinde."

Parallel dazu werde freilich auch an der Infrastruktur gearbeitet, werden Verbindungsleitungen gebaut und neue Ressourcen erschlossen. Investitionen in diese Richtung sind allerdings laut Eisenhut "im Wasserpreis enthalten, und zukünftig zu tätigende Investitionen werden das auch sein". Man versuche aber stets, Maßnahmen zur Klimawandelanpassung mit der laufend notwendigen Erneuerung der Anlagen zu verknüpfen, um unverhältnismäßige Gebührenerhöhungen zu vermeiden. Ob die verfügbare Grundwassermenge auf lange Sicht für die Trinkwasserversorgung problematisch werden könnte, wird gerade erstmals vom Landwirtschaftsministerium erhoben.

Die Privatisierung des Trinkwassers kam in diesem Zusammenhang fast schon regelmäßig aufs politische Tapet. 2019 hat die Regierung diese aber per Zusatz zur Verfassung abgelehnt.

Auch zu viel Wasser verringert die Stromerzeugung

Länger anhaltendes Niederwasser merkt man jedenfalls auch bei der Stromerzeugung. Der börsennotierte Verbund-Stromkonzern gewinne mehr als 95 Prozent des Stroms aus Wasserkraft, heißt es von diesem. Die europaweit trockenen Jahre 2015 und 2018 zeichnen sich deutlich an der Stromerzeugung aus Wasserkraft ab: Diese lag Statista zufolge in diesen Jahren zwischen rund 28.000 (2015) und 28.700 (2018) GWh. Dazwischen waren es mehr als 29.000, im Vorjahr rund 31.500 GWh.

Weniger Wasser bedeute aber nicht 1:1 weniger Strom, erklärt Florian Seidl vom Verbund. Denn die Energieausbeute sei nicht nur von der Wassermenge, sondern auch von der Fallhöhe beim Kraftwerk abhängig. Sinkt der Wasserspiegel, sinke er unterhalb des Kraftwerks ebenfalls – wodurch eine gewisse Fallhöhe bleibt. Bei zu viel Wasser müsse wiederum der Oberwasserpegel – entsprechend behördlicher Hochwasserschutz-Auflagen – abgesenkt werden. Der Wasserspiegel unterhalb des Kraftwerks steigt, das Gefälle nimmt ab. "Das kann so weit gehen, dass ein Fluss frei fließt und beim Kraftwerk überhaupt kein nutzbares Gefälle mehr existiert. Dann stellen wir die Turbinen ab", sagt Seidl.

Sowohl Hoch- als auch Niederwasser beeinflussen die Stromerzeugung meist nur wenige Tage lang. Bei Jahrhundertereignissen seien kritische Zustände jedoch nicht auszuschließen. Angesichts der immer kürzer getakteten Jahrhunderthochwasser und Jahrhundertdürren ist wohl auch die Zukunft nicht unbedingt entspannt – aber in jedem Fall vom Wasser geformt.