Wie feiert einer, der sein Leben lang mit Herz und Seele Priester und später auch Bischof war, seinen runden Geburtstag? Mit einem Dankgottesdienst. Und so steht die Heilige Messe diesen Samstag um 18 Uhr im Wiener Stephansdom mit Kardinal Christoph Schönborn, die Radio Klassik Stephansdom live überträgt, im Zeichen des 90. Geburtstags des emeritierten Wiener Weihbischofs Helmut Krätzl.

Seine Kirchenkarriere hat früh begonnen: Geboren am 23. Oktober 1931 in Wien als Jüngster von vier Geschwistern, ist er schon als Kind von der Liturgie fasziniert und wird vom Pfarrer schon mit vier Jahren zur Kommunion zugelassen. Bis heute besucht er auch im hohen Alter, ungeachtet all seiner körperlichen Gebrechen, jeden Sonntag die Messe im Dom, mitten unter den Gläubigen, wo er sich als Geistlicher immer am wohlsten gefühlt hat, wie er sagt.

Sein damaliger Pfarrer in der Wiener Vorstadtkirche St. Ulrich ist es auch, der dem begeisterten Ministranten prophezeit, er werde einmal Bischof werden - wirklich ernst nimmt der kleine Helmut das natürlich nicht. Aber Geistlicher werden will er schon recht früh. Und so ist der Weg ins Priesterseminar quasi vorgezeichnet. 1954 wird Krätzl dann mit gerade einmal 22 Jahren zum Priester geweiht, und nur zwei Jahre später macht ihn der damals frisch eingesetzte Wiener Erzbischof Franz König zu seinem Zeremoniär - bis ihn ein Unfall für längere Zeit außer Gefecht setzt.

Als er dann, noch gesundheitlich bedient, in Rom Papst Johannes XXIII. trifft, sagt der zu ihm: "Einer meiner Vorgänger hatte die Gicht. Und als er in den Vatikan einzog, hat er den Stock weggeworfen. Machen Sie es auch so!" Überhaupt prägt dieser Papst - und vor allem das von ihm einberufene Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) - Krätzl nachhaltig. Drei Jahrzehnte später wird er in einem seiner vielen Bücher unter dem Titel "Im Sprung gehemmt" eine ernüchterte Bilanz zu den damals angestoßenen Reformen in der Kirche ziehen. Für dieses Buch wird er nach Rom zitiert. Doch auch Rügen aus dem Vatikan halten ihn nicht davon ab, Kritik zu üben, wenn ihm etwas nicht passt.

Kardinal Königs Vertrauter

Während also das Konzil in Rom tagt, beendet Krätzl, der dabei auch als Stenograf tätig war, 1964 sein Theologiestudium in Rom mit dem zweiten Doktorat und kehrt heim nach Wien. Statt in der Erzdiözese bei Kardinal König eine Stelle zu bekommen, wird er zunächst Pfarrer in Laa an der Thaya. "Damals hat man gesagt: ‚Erst schickt er ihn nach Rom, dann macht er ihn zum Landpfarrer.‘ Aber für mich war das eine wichtige Lebensstation", sagt er später. Dort, im Norden an der Grenze, erlebt er auch hautnah die Herausforderung, die soeben beim Konzil beschlossenen Reformen in der Praxis umzusetzen. "Lasset uns blättern" wird zum geflügelten Wort, weil oft noch die Messbücher für die neuen deutschsprachigen Messen fehlen und die Texte auf lose Zettel kopiert werden. Als ab 1972 die Erzdiözese Wien die Neuerungen in einer Diözesansynode diskutiert, versucht Krätzl als Ordinariatskanzler, zwischen den Extrempositionen zu vermitteln.

1977 weiht Kardinal König ihn gemeinsam mit dessen Freund Florian Kuntner zum Bischof. Er gilt längst als Vertrauter des Erzbischofs. Beide ecken sowohl bei der SPÖ an, deren Gesellschaftspolitik sie teilweise kritisieren, als auch bei konservativen Kreisen, denen sie trotzdem zu liberal sind. Als Krätzl 1985 nach Königs altersbedingtem Rückzug die Erzdiözese interimistisch leitet, hoffen viele, er könnte der nächste Erzbischof werden. Umso größer ist der Schock, als 1986 der erzkonservative Hans-Hermann Groer eingesetzt wird. Krätzl tritt als Generalvikar zurück. Groer - der 1995 über einen Missbrauchsskandal stolpert - ernennt ihn allerdings zum Bischofsvikar für die Bereiche Erwachsenenbildung und Priesterfortbildung. Sein Herz gehört aber auch der Jugend. Als (seit 2008 emeritierter) Weihbischof hat Krätzl einige tausend junge Katholiken gefirmt.

Aber auch dem Alter(n) hat er ein eigenes Buch gewidmet. Dem 90-Jährigen ist die eigene Endlichkeit nur zu bewusst. Angst habe er aber keine, betonte er 2019 in einem Interview zum 65-jährigen Priesterjubiläum: "Das Sicherste im menschlichen Leben ist das Sterben. Es ist mein Ernst, wenn ich sage: Je älter ich werde, umso größer wird meine Neugierde, wie das sein wird." Und bei aller Kritik hält er fest zur Kirche: Trotz aller negativen Bilder sei sie eine starke Kraft für die Gesellschaft und für die Zukunft.(maz)