Bagger sind in einer Millionenstadt wie Wien an sich nichts Außergewöhnliches. Wenn sie aber hinter Kasernenmauern die Wiese aufreißen und über mehrere Meter Erde umgraben und aufhäufen, wie das in der Maria-Theresien-Kaserne in Wien-Hietzing oberhalb von Schönbrunn passiert, ist das keine Alltäglichkeit. Die Erdarbeiten sind ein kleiner Teil eines viel, viel größeren Projekts, das bis 2025 umgesetzt werden soll.

Insgesamt hundert Liegenschaften des Bundesheeres werden so umgerüstet, dass sie bei einem Blackout, also bei einem weitreichenden totalen Stromausfall, aber auch bei der Unterbrechung der Trinkwasserversorgung, allein und ohne Hilfe von außen "lebensfähig" sind. Allgemein wird ein Blackout so definiert, dass bei einem länger andauernden Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfall mit einem Schlag nichts mehr funktioniert. Experten rechnen innerhalb von fünf Jahren mit einem derartigen Ereignis.

Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) hat nach ihrem Amtsantritt im Jänner 2020 angeordnet, den Um- und Ausbau der Kasernen zu autarken Inseln und in weiterer Folge zu Anlaufstellen für Blaulichtorganisationen im Katastrophenfall voranzutreiben. Ein Vorhaben, das bereits unter dem damaligen Verteidigungsminister Mario Kunasek (FPÖ) während der türkis-blauen Regierungszeit verstärkt ins Auge gefasst worden ist. Bei zwölf Liegenschaften beziehungsweise Kasernen des österreichischen Bundesheeres wird deswegen seit heuer Hand oder Baggerschaufel wie im Fall der Maria-Theresien-Kaserne angelegt. In dieser geht es darum, eine neue Tankstelle einzurichten, die im Fall einer Krise oder eines Blackouts unabhängig betriebsfähig bleibt.

Unabhängigkeit von Energie- bis Wasserversorgung

Generationen von Präsenzdienern kennen das Lager Kaufholz beim Truppenübungsplatz Allentsteig mitten im niederösterreichischen Waldviertel. Viel Landschaft, viele Bäume und Ruhe. Auch dort wird im Zuge der Bemühungen um autarke Militäreinrichtungen und Soldatenunterkünfte die Tankstelle nachgerüstet.

Anders als in der Maria-Theresien-Kaserne in Wien-Hietzing mit den umfangreichen Erdarbeiten sind dort aber nur 2.700 Euro für die Adaptierung der Tankstelle veranschlagt, weil diese ohnehin bereits weitgehend auf dem dafür notwendigen technischen Stand ist. Ganz anders ist die militärische Lage in Eisenerz. Dort müssen nach den Planungen des Verteidigungsministeriums 75.000 Euro für den Umbau der Tankstelle aufgewendet werden.

Verteidigungsministerin Tanner fasst das Ziel der breit angelegten Aktion so zusammen: "Um helfen zu können, wenn andere nicht mehr helfen können, ist es notwendig, die eigene Leistungsfähigkeit zu erhalten und Blaulichtorganisationen die Möglichkeit zu geben, sich bei uns ‚aufzuladen‘. Dazu werden wir 100 Kasernen autark machen. Wir werden dann unabhängig in den Bereichen elektrische Energie-, Heizungs-, Wasser-, Treibstoff-, Verpflegungs- und Sanitätsversorgung sein."

Auch die Rossauer Kaserne in Wien, die das Verteidigungsministerium beherbergt, soll autark werden. 
- © Bundesheer / Föger

Auch die Rossauer Kaserne in Wien, die das Verteidigungsministerium beherbergt, soll autark werden.

- © Bundesheer / Föger

Zu den zwölf Heereseinrichtungen, in denen heuer der Umbau in Angriff genommen worden ist, zählt neben der Maria-Theresien-Kaserne, die in diesem Dutzend dabei ist, weil sie auch das Heeresnachrichtenamt beheimatet, logischerweise das Verteidigungsministerium in der Rossauer Kaserne am Wiener Donaukanal.

Flugfeld-Kaserne in Wiener Neustadt als "Vorhut"

Weiters gehört dazu der Fliegerhorst in Linz-Hörsching, um auch für die Luftraumsicherung autark zu sein. Unter anderen zählt auch die Flugfeld-Kaserne in Wiener Neustadt zur "Vorhut", weil dort das Jagdkommando stationiert ist. Bei der Schwarzenbergkaserne in Salzburg, der größten Kaserne in Österreich, geht es um eine Gesamtgrundfläche von 1,4 Millionen Quadratmetern, auf der nicht weniger als 295 einzelne Gebäude untergebracht sind.

Das Bundesheer rückt jährlich mit dem Nationalfeiertag stärker in das Blickfeld und das Bewusstsein der Österreicher. Wegen der Corona-Pandemie wird es aber auch im heurigen Jahr keine Leistungsschau für Hunderttausende Menschen auf dem Wiener Heldenplatz geben. Vielmehr versuchen Ressortchefin Tanner und das Bundesheer selbst, die eigenen Leistungen positiv ins Bild zu setzen. Es ist ein gewisses Kontrastprogramm dazu, wie langwierig sich manche Aufrüstung gestaltet, weil die Landesverteidigung über all die Jahre unter chronischer Unterdotierung gelitten hat.

Bundesheer bei Blackout nicht zuständig für Bevölkerung

Daher gilt: autarke Tankstellen, ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer für die Kommandierenden des österreichischen Bundesheeres. Wobei der langgediente, sehr versierte Pressesprecher des Verteidigungsressorts Michael Bauer darauf hinweist, dass das Bundesheer "nicht verantwortlich" für Maßnahmen zum Schutz und zur Sicherheit der Bevölkerung im Falle eines Blackouts sei, sondern das Innenministerium.

Das Militär komme dabei erst zum Einsatz, wenn es ähnlich wie bei der Unterstützung an der Grenze zur Assistenz angefordert werde. Das bedeutet im Klartext: Es geht bei dem jetzt angelaufenen Vorhaben nicht um den Schutz oder gar die Unterbringung der Bevölkerung etwa bei einem Blackout. Vielmehr dienen die Arbeiten dazu, dass die heimische Armee im Krisen- und Katastrophenfall allein agieren kann.

Das wird allerdings dauern. Denn der letzte Teil des Projekts zur Schaffung autarker Kasernen ist derzeit für das Jahr 2025, also erst in vier Jahren, vorgesehen. Die konkrete Umsetzung ist demnach zu einem großen Teil noch Zukunftsmusik. Wenngleich nicht mehr wie noch vor einem halben Jahrhundert, als Zager & Evans in einer musikalischen Eintagsfliege das Jahr "Twenty-five, twenty-five" besungen haben.

Es geht freilich nicht nur um die Gewährleistung, dass ausreichend Treibstoff zur Verfügung steht. Eigene Brunnen sollen auch eine autarke Versorgung mit Trinkwasser gewährleisten. In manchen Kasernen müssen deswegen erst eigene Brunnen geschlagen werden.

"Die Zeiten haben sich geändert"

Die nächste Stufe nach der Sicherung der eigenen Handlungsfähigkeit zielt darauf ab, dass Kasernen und Heereseinrichtungen zu "Sicherheitsinseln" für Blaulichtorganisationen wie Feuerwehren aus der Region und Rettungsorganisationen werden. Diese müssten dann in den Heeresliegenschaften von einer gesicherten Spritnachfuhr profitieren, weil die Tankstellen dort nicht wegen des Stromausfalls lahmgelegt sind.

Selbst relativ neu erbaute Kasernen müssen allerdings nachgerüstet werden, um einen autarken Betrieb zu ermöglichen. Das trifft auf die Kaserne im südburgenländischen Güssing zu, wo allerdings das Rüsten für Autarkie deswegen künftig weniger teuer ist.

. . . und Tankstellenbau in der Kaserne. - © Bundesheer / Plappart
. . . und Tankstellenbau in der Kaserne. - © Bundesheer / Plappart

SPÖ-Wehrsprecher Robert Laimer verweist auf ebendiese Kaserne, die jüngste Österreichs. Diese sei zwar "eine der modernsten Europas", aber auch diese sei derzeit nicht völlig autark. Woran es hapert? Dafür brauche man auch eine autarke Küche, die das Heerespersonal mit Essen versorgt. "Die Zeiten haben sich geändert", meint der Oppositionspolitiker zur "Wiener Zeitung". Er sieht Tanner bei den Vorbereitungen auf einen Blackout noch mehr gefordert: "Die Ministerin muss Gas geben."

Vorerst ist das Bundesheer bemüht, das Bewusstsein der Österreicherinnen und Österreicher dafür zu schärfen, dass ein Blackout mit längerem Stromausfall und größerem Zusammenbruch der Infrastruktur kein militärisches Hirngespinst, sondern nach Expertenwarnungen ein höchst realistisches Szenario ist.

Aufklärung der Bevölkerung im Vordergrund

Auch wenn die Bevölkerung diesbezüglich bereits hellhöriger geworden ist, steht noch grundsätzliche Aufklärung der Menschen in Österreich im Vordergrund. Verteidigungsministerin Tanner formuliert die Warnung so: "Österreich ist keine Insel der Seligen, sondern liegt mitten im Herzen Europas. Das heißt, auch wir müssen in nächster Zeit mit einem Blackout rechnen." Ein Szenario, das einen Einsatz notwendig mache, etwa mit einem europaweiten Stromausfall, sei "immer möglich."

Deswegen wurde erst in der Vorwoche im Zusammenwirken mit dem österreichischen Gemeindebund eine einschlägige Plakataktion gestartet. "Blackout - was tun, wenn alles steht?", lautet der einschlägige Slogan. Knapp 6.300 Plakate mit diesem Sujet werden an Österreichs 2.095 Gemeinden geschickt. Damit soll die Bevölkerung vor allem auch mit einigen Tipps versorgt werden, was in solchen Fällen zu tun ist. Der Ratgeber des Bundesheeres für die heimische Bevölkerung empfiehlt, vor allem Ruhe zu bewahren und möglichst überlegt weitere Schritte zu setzen. Es sei damit zu rechnen, so die Empfehlung der Fachleute des Bundesheers, dass in Österreich bei einem Blackout zumindest einen Tag lag kein Strom zur Verfügung steht, für ganz Europa wird gar mit Ausfällen von einer Woche gerechnet. Auch Handys, Festnetz und Internet wären lahmgelegt, womit vor allem auch keine Kommunikation mit Angehörigen über weite Distanzen hinweg möglich wäre. Gleichzeitig bricht auch die Versorgung mit lebenswichtigen Lebensmitteln zusammen.

In Haushalten ist vor allem problematisch, dass mit dem Strom auch Kühlgeräte oder Heizungen ausfallen, was je nach Jahreszeit unterschiedlich dramatische Auswirkungen haben kann. Man solle daher schon im Vorhinein "wie für einen vierzehntägigen Campingurlaub in den eigenen vier Wänden" planen, rät das Bundesheer.

Image des Bundesheers hat sich verbessert

Was die Verteidigungsministerin und die Kommandierenden des Bundesheers freut, ist nicht nur, dass das Bewusstsein für eine Bedrohung durch einen Blackout gestiegen ist. Eine Umfrage belegt auch, dass das Image des Bundesheeres durch eine Reihe von Kriseneinsätzen in den vergangenen Jahren gestiegen ist.

Dazu haben vor allem Aktivitäten von Soldaten nach Überflutungen und Murenabgängen beigetragen, seit eineinhalb Jahren aber auch die Unterstützung der Gesundheitsbehörden im Kampf gegen das Coronavirus. Hunderte Soldaten standen selbst in Zeiten, in denen die Neuinfektionen zurückgingen, als Helfer im Einsatz - vor allem bei der Kontaktnachverfolgung. Aber auch die Ausreisekontrollen aus bestimmten Gebieten wie zuletzt im Bezirk Braunau im oberösterreichischen Innviertel waren ohne Soldaten etwa zur Unterstützung der Polizei nicht denkbar. Und im niederösterreichischen Melk sind die nächsten Ausreisekontrollen gerade notwendig geworden.