Mittwoch, 9.35 Uhr. Auf den Handys der Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Küb geht ein "stiller Alarm" per SMS ein. Die Einsatzleitung in Hirschwang hat das Kleinlöschfahrzeug der Wehr angefordert. "Besatzung 1:3, ins Feuerwehrhaus einrücken!" Wenige Minuten später sitzen schon drei Männer, befehligt vom stellvertretenden Kommandanten Tim Bous, im Pumpenwagen und brausen mit Blaulicht davon. "Wir haben den Auftrag bekommen, ein Auto der Werksfeuerwehr Hirschwang abzulösen und die Wasserversorgung für die Hubschrauber zu sichern", sagt Bous. Aus dem Funkgerät krachen Stimmen, der Verkehr ist ruhig. In Reichenau durchschneidet Rotorenlärm die Luft, sie schmeckt nach Rauch. Seit Tagen schon.

Bereits am Montag waren die Küber Einsatzhelfer am Fuß des Mittagsteins im Einsatz gestanden - also jener rund 1.300 Meter hohen Felskuppe gegenüber der Raxseilbahnstation, deren Name seit Tagen in den Medien die Runde macht. Dort, wo sich gewöhnlich an Wochenenden Wanderer über den doch anspruchsvollen Mittagsteinsteig in Richtung Friedrich-Haller-Haus und Schneeberg quälen, trübten plötzlich dichte Rauchschwaden den strahlend blauen Himmel. Um halb 12 Uhr mittags war bei der Feuerwehr Reichenau der erste Notruf eingegangen, dabei konnten die Helfer nicht ahnen, welche Feuerwalze auf sie zukommen würde. Als die ersten Einheiten beim Brandherd eintrafen, standen nicht nur bereits dutzende Hektar Wald in Flammen, auch drohte das Feuer im angrenzenden Höllental auf die Hänge der Rax überzuspringen. Binnen Stunden wurden rund 200 Feuerwehrleute alarmiert. "Wir waren ja nur 13 Mann. Das hat sich unglaublich schnell entwickelt", wird Reichenaus Kommandant Michael Steinacher rückblickend sagen.

Ein Polizeihubschrauber kann bis zu 450 Liter auf den Berg fliegen. 
- © Rella

Ein Polizeihubschrauber kann bis zu 450 Liter auf den Berg fliegen.

- © Rella

Zu den Ersten, die den Waldbrand gemeldet haben, zählt die Landwirtin Renate Hartberger. Ihr Hof steht auf einem Ausläufer der Rax, dem Thonberg. Im Norden grüßt der Gipfel des Schneebergs hinunter, im Osten breitet sich vor ihren Augen das herrliche Panorama des Schwarzatals, mit den Ortschaften Hirschwang und Reichenau im Mittelpunkt, aus. "Mei Mann, der Toni, war grad beim Holzschneiden und hat den Rauch entdeckt, es waren ja sonst keine Wolken da", erzählt sie und zeigt auf eine mit Laubbäumen gesäumten Stelle unterhalb eines Felsens. "Zuerst war’s nur eine kleine Flamme, und plötzlich ist alles in die Höhe geschossen und nach einer Stunde hat alles gebrannt." Noch während Renate Hartberger erzählt, tritt ihr Sohn Michi auf die Terrasse. Er ist Mitglied bei der Feuerwehr und war beim ersten Einsatz am Montag ganz vorne mit dabei. "Wir sind über einen Forstweg zugefahren und haben versucht, das Feuer mit unseren Löschrucksäcken zu löschen", schildert der 36-Jährige der "Wiener Zeitung". Dies sei aber aufgrund einsetzender Felsstürze bald zu gefährlich geworden. "Die Hitze hat den Felsen richtig gesprengt. Ich war bei einigen Waldbränden dabei, 2009 beim Stadelwandgraben im Höllental. Aber so groß war das sicher nicht", sagt der Feuerwehrmann.

Ein Löschangriff am Boden war wegen drohender Felsstürze nicht mehr möglich. - © Einsatzdoku.at
Ein Löschangriff am Boden war wegen drohender Felsstürze nicht mehr möglich. - © Einsatzdoku.at

Hubschrauber im Dauereinsatz, Black Hawk als Attraktion

Nachdem der direkte Löschangriff zu keinem Erfolg führte, wird das rettende Nass nun aus der Luft zugebracht. Allein am Mittwoch waren nicht weniger als sechs Hubschrauber, darunter vier Polizei- und zwei Heereshelikopter, im Einsatz. Zur Befüllung der Löschkörbe wurden an drei Standorten in Reichenau Löschbecken aufgestellt, die wiederum von den Feuerwehren mit Schwarzawasser versorgt werden. Die Löschkörbe der Polizeihubschrauber fassen bis zu 450, jene des Heeres 3.000 Liter. Im Minutentakt bringen die Piloten das Löschgut auf den Berg, wo es durch einen Ausklinkmechanismus auf die Brandherde aufgebracht wird. Wie am Vortag ziehen die An- und Abflüge auch am Mittwoch dutzende Schaulustige an, wobei ihr größtes Interesse dem Aushängeschild des Bundesheeres, dem Black Hawk, gilt. Das Operationsgelände ist weitläufig abgesperrt, auch entlang der Bundesstraße hat die Polizei Absperrungen errichtet, um ein Parkchaos zu vermeiden.

Vize-Kommandant Tim Bous fechten die Schaulustigen nicht an. Kaum hat "sein" Polizeihubschrauber Wasser aufgenommen, wirft er die Pumpe an und lässt über eine Schlauchleitung Wasser ins Löschbecken fließen. Dazwischen richten sich die Blicke der Feuerwehrmänner immer wieder auf den rauchenden Berg. "Der Fels ist so zerklüftet, ich wüsste nicht, wie man hier eine Leitung rauflegen könnte", stößt einer der Küber Helfer plötzlich hervor. "Und wie das die Piloten machen. Das Löschbecken ist für die nur ein relativ kleines Loch." Bald dreht sich das Gespräch um die Brandursache, und die Kameraden sind sich einig, dass die Flammen, nachdem es weder sehr heiß war, noch ein Gewitter gab, nur menschlichen Ursprungs sein können. Während die Männer noch überlegen, äußert ein Anrainer wenige Schritte weiter einen konkreten Verdacht. "Da oben in der einen Felsmulde, da gibt’s ein Platzerl, wo Leute wild campen und feiern. Vielleicht hat da einer nicht gescheit aufgepasst", sagt er und glaubt auch die Übeltäter schon zu kennen. Er habe nämlich beobachtet, dass beim Musikerheim hinten immer wieder über Nacht Autos parken würden. "Da rennen genug da oben herum, und wir wissen nicht, was die anstellen."

Rätselraten um Brandursache, Bodenbrand zerstört Spuren

Ob das so war oder ist, wollten weder die Einsatzleitung noch der Grundeigentümer, die Gemeinde Wien, bestätigen. Wie der stellvertretende Leiter des Forstamtes in Hirschwang, Bernhard Mang, auf Anfrage erklärte, sei aber ein solches Szenario nicht ganz auszuschließen. "Ich kann den brandtechnischen Ermittlungen nicht vorgreifen, die Frage wird sein, ob noch Spuren vorhanden sind", erklärte er. Denn anders als bei herkömmlichen Waldbränden handle es sich bei der Feuersbrunst am Mittagstein um einen Bodenbrand, in dessen Zuge der Waldboden und das trockene Unterholz vernichtet werden, die Bäume - allen voran die Schwarzkiefern - zumeist unbeschadet blieben. Aus diesem Grund werde sich wohl auch der wirtschaftliche Schaden in Grenzen halten, meint Mang. "Wir können nur darauf hoffen, dass die Brandschneisen, die wir geschlagen haben, halten und dass es bald regnet."

Ob den Einsatzkräften das Wetter gnädig sein wird, ist ungewiss. Laut Meteorologen dürfte aufkommender Wind die Arbeiten am Donnerstag erschweren und vor allem die Brandnester im Höllental wieder anfachen. Für Tim Bous und seine Kameraden von der Feuerwehr Küb ist die Arbeit aber vorerst mal zu Ende. Nach stundenlangem Pumpendienst werden sie am Abend abgelöst. Gleichzeitig verstummt mit Einbruch der Dunkelheit auch das Knattern der Hubschrauber. Allein auf den steilen Hängen des Mittagstein fressen sich die Flammen weiter durchs Unterholz. Die Küber ahnen: Der nächste "stille Alarm" ist nur eine Frage der Zeit.