In langen Gängen schmücken die Tiere Afrikas, Sonnenuntergänge und Pfingstrosen die Wände. Andernfalls würde hier die Orientierung wohl schwerfallen, denn alles, was keine weiße Wand ist, ist aus Glas. Der Maler sämtlicher Bilder ist "Samy". Er wohnt nur einen Stock unter jenen Gängen, durch die Geparden und Büffel den Weg lotsen. Oder er hat hier gewohnt.

Samys Welt sind nicht die Weiten Afrikas, sondern ein karges Zimmer mit etwa 16 Quadratmetern. Er war oder ist einer von 157 Männern, die zurzeit im Maßnahmenvollzug der Justizanstalt Asten untergebracht sind. Die einheitlichen Möbel beschränken sich auf das Essenzielle: ein Bett, ein Kleiderschrank, ein Schreibtisch. Der Grundriss fällt größer aus, wenn man auch Wohnzimmer, Waschraum, Küche und den begrünten Innenhof, die er nicht für sich allein hat, miteinberechnet.

In den Gängen herrscht reges, aber ruhiges Treiben. Zwei Männer stehen beim Telefon, das aussieht, als käme es direkt aus einer alten Telefonzelle. Ein weiterer sitzt vor dem stummgeschalteten Fernseher. Ansonsten bleibt jeder für sich, geht seines Weges, der ihn meist am Gang auf und ab führt. Alle Gänge laufen sternförmig zusammen. Im Zentrum an einem Glaskobel werden Medikamente in roten Plastikbechern ausgegeben.

An manchen Zimmertüren kleben Fotos von aufgeräumten Zimmern. Die Bewohner sollen ein Abbild schaffen. Es wird auch bei Samy so gewesen sein. Ein Abbild - aber nicht mit Farbe und Pinsel, sondern mit dem Besen. Das Aufräumen, das eigene Zimmer sauber zu halten, die Wäsche zu waschen oder für sich und andere Insassen zu kochen ist Teil der Therapie. Hotel Mama ist es eben nicht, soll ein hier Untergebrachter einmal gesagt haben.

Die Justizanstalt Asten in Oberösterreich zählt zu den modernsten des Landes, was den Maßnahmenvollzug betrifft. Wer erwartet, hier ein Gefangenenhaus wie aus Filmen zu sehen, wird enttäuscht. Vielmehr erinnern die Räumlichkeiten an ein Krankenhaus. Hier leben Menschen, die nicht nur straffällig geworden sind, sondern auch eine psychische Erkrankung haben. Etwa 80 Prozent weisen eine Schizophrenie auf, weitere 15 Prozent eine kognitive Entwicklungsverzögerung. Bei den Frauen sind es vermehrt Persönlichkeitsstörungen.

Die meisten sind als unzurechnungsfähig und schuldlos eingestuft, da sie ihre Taten wegen ihrer Erkrankung begangen haben: "Viele Schizophrene hören Stimmen, die sehr bedrohlich werden können. Betroffene verspüren unter Umständen den Zwang, sich zu wehren", sagt Lorenz Aigner-Reisinger, Koordinator im psychologischen Dienst. Im Maßnahmenvollzug sitzt man seine Haftstrafe ab - sofern es eine solche gibt - und wird gleichzeitig medizinisch, psychologisch und therapeutisch behandelt. Das oberste Ziel dabei ist immer, die Gefährlichkeit, die von diesen Menschen ausgeht, zu reduzieren.

An diesem Tag gibt es Linseneintopf mit Knödel zu Mittag. Das steht auf den Wochenplänen zwischen psychologischen Einzeltherapien, Theatergruppen und Englischkursen. Wer dafür ein Zeitfenster ergattert, kann dazwischen einen Video-Anruf mit der Familie machen. Diese sind sehr beliebt, da seit der Pandemie Besuche nur eingeschränkt möglich sind. Schließlich zählen die meisten hier Untergebrachten selbst zur Risikogruppe. Frustrierend ist für sie, dass die unbegleiteten Ausgänge aus der Anstalt hinaus, die so mancher sich hart erarbeitet hat, auf unbestimmte Zeit verschoben sind. Wessen Zustand sich verbessert und wer kooperiert, darf von der klinischen in die sozialpädagogische Wohngruppe ziehen, wo so etwas normalerweise möglich ist.

Von der Strafe zum Menschen

"Wir machen die Menschen fit für das Leben nach der Maßnahme. Das ist immer die oberste Prämisse", sagt Christian Neubauer, stellvertretender Anstaltsleiter. Im Rahmen von Sozialtrainings geht man gemeinsam ins Museum oder zum Minigolf und übt sich in Konfliktlösung.

Um auf die verschiedenen Krankheitsbilder einzugehen, wird ein breites Therapiespektrum angeboten. Den Untergebrachten steht von Psychotherapie über Gewalttrainings und Drogentherapie bis hin zu Hunde- und Musiktherapie vieles offen. Auch niederschwellige Weiterbildungen wie Deutsch- oder Rechenkurse werden angeboten. "Wir müssen die Leute abholen, wo sie sind", betont Neubauer.

Wer eine gute Entwicklung durchmacht, darf sich draußen erproben: Ausflüge in den Supermarkt sind dann auch unbegleitet möglich. Dass jemand nicht mehr zurückkommt, passiere an diesem Punkt der Behandlung äußerst selten. Falls doch, handeln die Untergebrachten oft spontan und krankheitsbedingt, von langer Hand geplant ist das nie: "Meist taucht die Person wenige Stunden später bei der Mutter oder dem Psychiater des Vertrauens auf", erzählt Herwig Nosko, Leiter des sozial- und integrativtherapeutischen Bereiches.

Doch wozu das alles? Wissenschaftliche Untersuchungen der vergangenen 25 Jahre zeichnen ein eindeutiges Bild: Die besten Erfolge können erzielt werden, wenn sich der Fokus vom Wegsperren hin zum Menschen und dessen Bedürfnissen verschiebt. Die Zahl jener, die wieder in die Anstalt zurückkommen müssen, sinkt seit vielen Jahren kontinuierlich. Auch gewalttätige Zwischenfälle sind durch Freizeit- und Behandlungsangebote stark zurückgegangen. Ein regelrechter Knick war etwa nach der Einführung des Fernsehers in den Anstalten bemerkbar.

Die Besonderheit an der forensischen Psychiatrie ist das "doppelte Mandat". So sind im Maßnahmenvollzug tätige Psychologen und Ärzte einerseits den Patienten, andererseits der Gesellschaft verpflichtet. Davon, dass Menschen bestmöglich behandelt werden, profitiert nicht nur der Betroffene, sondern auch die Gesellschaft. "Es wird oft ein Widerspruch zwischen Behandlung, Justiz und Sicherheit konstruiert. Der existiert aber nicht. Das, was wir hier tun, dient der Sicherheit in einer ganz egoistischen Weise: Nämlich unserer eigenen", verdeutlicht Gerhard Ortwein-Swoboda, medizinischer Leiter in Asten.

Zu Besuch in der Wohngruppe

Die Besuchergruppe, die neben dem Glaskobel steht und die Aufmerksamkeit der Untergebrachten auf sich zieht, durchbricht den sonst so strukturierten Alltag. Sie fallen in der Wohngruppe sofort auf, weil sie im Gegensatz zu den Untergebrachten Masken tragen. Immer, wenn gerade niemand hinsieht, tastet sich ein Mann interessiert zwei Schritte näher heran, ein anderer hat sich auf einen kleinen Tisch, der in unmittelbarer Nähe steht, gesetzt und lässt die Beine baumeln. Ein Dritter marschiert selbstbewusst auf die Gruppe zu, sagt breit lächelnd: "Grüß Gott!". Doch just in diesem Moment geht ein Alarm los. Vier Beamte der Justizwache kommen herbeigestürmt. Den Grund für den Alarm erfahren die Besucher nicht. Sie werden hinter jene Glastür gelotst, durch die die Untergebrachten zwar sehen können, aber niemals gehen dürfen.

Der lange Weg zur Entlassung

Die Entlassung aus dem Maßnahmenvollzug ist ein mehrstufiger Prozess. Um die Gefährlichkeit bestmöglich einschätzen zu können, fließen Stellungnahmen des gesamten Teams, bestehend aus Psychologen, Ärzten, Sozialpädagogen und Therapeuten, in die individuelle Prognosen ein. Zentral ist auch, wie kooperativ und konsequent die Betroffenen sind: Schizophrene, die ihre Medikamente regelmäßig einnehmen, bemerken schnell, dass die Stimmen weniger werden, und werden sich ihrer Erkrankung bewusst. Mit der Krankheits- und Tateinsicht sinkt auch die Gefährlichkeit.

Generell erfolgen nur bedingte Entlassungen mit Auflagen. Das kann beispielsweise das Befolgen von Therapien oder ein Alkoholverbot sein. Direkt aus der Justizanstalt nach Hause geht es nie. Zunächst kommen Betroffene in einer Nachsorgeeinrichtung, wie zum Beispiel Pflegeeinrichtungen oder Wohnprojekten, unter. Dazu kommt es nur, wenn das gerichtliche Gutachten bestätigt, dass keine Gefahr vom Betroffenen mehr ausgeht. Eine Kristallkugel habe man aber nie: "Man kann von niemandem behaupten, dass die Wahrscheinlichkeit gleich null ist, gewalttätig zu werden - auch von uns selbst nicht", betont der medizinische Leiter Ortwein-Swoboda.