Russischer Wodka ist der beste." Firaz zieht eine schlanke Flasche aus dem mannshoch mit Spirituosen gefüllten Regal. Der 25-Jährige weiß, wovon er spricht. Seit knapp drei Jahren arbeitet er bei Rami Spirituosen, einem Alkohol-Supermarkt im Bagdader Stadtteil Karrada. Täglich wandern dutzende Flaschen vom Hochprozentigen über den Tresen. Firaz packt die Wodkaflasche in ein schwarzes, blickdichtes Sackerl und reicht sie dem Kunden. Nach außen hin versuche man es zu verbergen, sagt der junge Verkäufer, getrunken werde in der irakischen Hauptstadt aber dennoch viel: "Das meiste Geschäft machen wir an Donnerstagen, vor dem Wochenende."

Land der Trinker

Alkohol hat im Irak eine lange Tradition, die bis in die Antike zurückreicht. Modernes Brauwesen kam nach dem Zweiten Weltkrieg auf. 1954 gründete ein Christ aus Mossul die Eastern Brewery in Bagdad, die ihr Ferida-Bier bis heute produziert. Den Höhepunkt der Produktion erreichte die Brauerei in den 80er Jahren während des Iran-Irak Krieges, als sie 30 Millionen Flaschen pro Jahr abfüllte. Bis in die frühen 90er kamen die Speisen in Bagdads Restaurants mit Bier, Whiskey und Arak. Doch nach der irakischen Niederlage im Zweiten Golfkrieg gab Saddam Hussein seinem Regime einen islamischeren Anstrich, um möglichen Aufständen von Islamisten zuvorzukommen. Nachtclubs und Spirituosengeschäfte mussten schließen, der öffentliche Konsum von Alkohol wurde verboten. Wer trank, tat es zuhause.

Feindbild für Frömmler: ein ausgebrannter Schnapsladen in Bagdad. - © Markus Korenjak
Feindbild für Frömmler: ein ausgebrannter Schnapsladen in Bagdad. - © Markus Korenjak

Nach dem Fall von Saddams Regime 2003 kehrten Bier und Whiskey auf die Menükarten der Speiselokale zurück. Auch Ferida-Bier konnte wieder öffentlich verkauft und getrunken werden. Doch als ab Mitte der Nuller-Jahre die Gewalt zwischen Schiiten und Sunniten eskalierte und Extremisten beider Seiten gegen Verkäufer und Produzenten von Alkohol vorgingen, stellte die Brauerei auf alkoholfreies Bier um.

Donnerstagabend machen die sogenannten Liquor Stores in Bagdad das meiste Geschäft. - © Markus Korenjak
Donnerstagabend machen die sogenannten Liquor Stores in Bagdad das meiste Geschäft. - © Markus Korenjak

Nachdem die Bombenanschläge in Bagdads Straßen zurückgegangen sind und die Lage sich entspannt hat, wird Ferida nun wieder mit einem Alkoholgehalt von fünf Prozent ausgeliefert. Doch Iraks Trinker finden keinen Frieden. Im Oktober 2016 verabschiedete das Parlament mit der Mehrheit der Stimmen schiitischer Parteien ein Gesetz, das Produktion und Vertrieb alkoholischer Getränke unter Strafe stellt. Ausgenommen blieb die autonome Region Kurdistan. Beschlossen, aber bisher nicht zur Anwendung gebracht, hängt das Gesetz seither wie ein Damoklesschwert über jenen, die im Irak mit Alkohol Geld machen. Und das sind nicht wenige.

Unklare Gesetzeslage

Wer, wann und wo Alkohol verkaufen darf, sei im Irak streng geregelt, sagt Firaz, der zur Volksgruppe der Jesiden gehört. Gemeinsam mit den Christen dominieren sie traditionell das Alkoholgeschäft. Im Fastenmonat Ramadan und während des Aschura-Festes, wenn die Schiiten des Todes von Imam Hussein gedenken, darf offiziell kein Alkohol verkauft werden. Grundsätzlich muss jedes Spirituosengeschäft auch einen Mindestabstand von 500 Metern zu Moscheen und Schulen einhalten. Wer Alkohol verkaufen will, muss Geld in die Hand nehmen. Eine staatliche Lizenz koste mehrere tausend US-Dollar und müsse jährlich erneuert werden, sagt Firaz. "Die Kosten sind von der Größe und Lage des Geschäfts abhängig."

Doch Verkäufer von Alkohol sind nicht nur Melkkühe für den Staat. Die unklare Gesetzeslage macht sie zu Freiwild für religiöse Fanatiker. Im Stadtteil Karrada gehen schiitische Gruppen offensiv gegen die verbliebenen Alkoholgeschäfte vor. Mit der Aktion "Cleaning Karrada" rufen sie dazu auf, das Viertel von Spirituosenläden und Nachtclubs zu säubern. Auf die Frage, ob sie Probleme mit diesen Gruppen hätten, antwortet Firaz: "Nein, jetzt nicht mehr." Und früher? Von seinem Chef wisse er, dass politische Parteien Druck auf ihn ausgeübt hätten, sagt der Verkäufer. Welche Parteien das genau waren und auf welche Weise sein Chef sich mit ihnen geeinigt hat, dazu will er keine Antwort geben. Dass die Spannungen rund um Alkohol aber nicht vom Tisch sind, ist für ihn klar: "Letztes Jahr wurde ein Spirituosengeschäft ganz in der Nähe bei einem Brandanschlag zerstört."

Fährt man durch Bagdads Straßen, sieht man immer wieder ausgebrannte und verlassene Geschäfte, in denen früher Alkohol verkauft wurde. Zeitungsberichten zufolge wurden zwischen Sommer 2020 und Februar 2021 mehr als zwei Dutzend Spirituosengeschäfte und Nachtclubs gesprengt und angezündet oder die Besitzer mit Blendgranaten terrorisiert. Hinter den Anschlägen werden Banden im Dunstkreis schiitischer Milizen und pro-iranischer Kleriker vermutet. Aber nicht nur Alkohol ist im Visier der religiösen Saubermänner.

Im Visier der Extremisten

Im November 2020 stürmten Bewaffnete einen Massagesalon im Stadtteil Karrada. Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen, wie sie zwei Mitarbeiterinnen zu Boden stoßen, an den Haaren ziehen und treten. Anschließend legten sie Feuer. Kurz danach bekannte sich die schiitische Gruppe Rab’Allah zum Angriff. Sie stehe gegen den Verfall der Gesellschaft, war auf ihrem Telegramm-
Account zu lesen, und bekämpfe diejenigen, die die zerstörerischen Ansichten Amerikas und Israels verbreiten.

Massagesalons, die oft mit illegaler Prostitution in Verbindung stehen, gerieten bereits öfter ins Kreuzfeuer der Hardliner. 2014 wurden 29 Sexarbeiterinnen im Osten Bagdads bei einem Massaker ermordet. Die Täter hinterließen eine Warnung: Das ist das Schicksal aller Prostituierten, hatten sie an eine Wand des Bordells geschrieben. Auch in diesem Fall werden schiitische Milizen vermutet.

Das Muster dieser und ähnlicher Angriffe ist immer dasselbe. Es handelt sich um bewaffnete Gruppen, die vorgeben, gegen den Verfall der Gesellschaft vorzugehen. Moralische Unterstützung erhalten sie von Klerikern, die in Bordellen, Bars und Spirituosengeschäften eine unislamische Lebensweise erkennen, der Einhalt geboten werden müsse. Geht der Druck jetzt vorwiegend vom schiitischen Lager aus, waren es bis vor wenigen Jahren auch Al-Kaida und der Islamische Staat, die sich gegen alles "Westliche" in Bagdad richteten und es auf die Alkoholverkäufer abgesehen hatten.

Kriminelle Geschäfte

"Weil schiitische Extremisten in Bagdad in den vergangenen Jahren die Stimmung religiös aufgeheizt haben, werden Alkoholverkäufer in Teilen der Bevölkerung nicht respektiert und ihre Geschäfte abgelehnt", sagt der Autor und Politikwissenschaftler Ali Al-Bidar im Interview mit der "Wiener Zeitung". Den religiösen Hardlinern nahestehende Gruppen nutzen diese Stimmung, um Schutzgeld zu erpressen, so Al-Bidar. Wer sich weigert zu bezahlten, dessen Geschäft wird niedergebrannt.

Die Verbindungen zwischen extremistischen Klerikern, schiitischen Parteien, pro-iranischen Milizen und gewaltbereiten Gangs sind oft schwer zu durchschauen. Die einen fordern in den Moscheen und auf der politischen Bühne eine Gesellschaft, die sich ihrer Auslegung des Korans unterwirft. Die anderen üben Druck auf der Straße aus gegenüber jenen, die diesem Gesellschaftsbild nicht entsprechen. Und bereichern sich dabei: "Sie arbeiten wie die Mafia und missbrauchen die Religion, um unter dem Deckmantel des Islam ihre kriminellen Geschäfte abzuwickeln", sagt Al-Bidar. Das Schutzgeld, das sie erpressen, werde wiederum zur Finanzierung schiitischer Parteien und Milizen herangezogen.

Whiskey für die Polizei

Doch auch andere profitieren von der Anfeindung gegen die Alkoholverkäufer und nutzen deren schwache gesellschaftliche und rechtliche Stellung aus. Der 22-jährige Jeside Salim arbeitet in einem Spirituosengeschäft in der Al-Saadoun-Straße nahe dem Tigris. Am beliebtesten bei seinen Kunden sei Whiskey, sagt er. Die Auswahl ist umfassend. In den meterlangen Regalen findet sich neben schottischen und US-amerikanischen Sorten auch japanischer Whiskey. Gerne gekauft werden außerdem Bier und Arak, ein Anisschnaps. Importiert werden die Getränke aus der Türkei. Auf die Frage, welchen monatlichem Umsatz sie mit dem Verkauf von Alkohol erzielen, will er nicht antworten. Es sei jedenfalls ein sehr gutes Geschäft, sagt Salim.

Dass mit Alkohol viel Geld zu machen ist, wissen auch die Sicherheitsbeamten, die immer wieder vor den Alkoholläden in der Al-Saadoun-Straße auftauchen. Diese zum Schutz der Spirituosengeschäfte abgestellten Polizisten würden einmal die Woche in das Geschäft kommen und sich bedienen, sagt Salim. "Üblicherweise nehmen sie sich eine Flasche Whiskey." Ist aber ein Offizier dabei, fordert der seinem Rang entsprechend mehr. Ob die Polizisten mit schiitischen Gruppen zusammenarbeiten, ist unklar. Möglich ist es. Jedenfalls sei es besser, ihnen den Alkohol kostenlos zu überlassen, als einen Angriff auf den Laden zu riskieren.

Staat im Staat

Schiitische Kleriker, die in Moscheen und im Parlament gegen Alkohol wettern, sind mächtig im Irak. Ein wesentlicher Grund dafür sind die genannten schiitischen Milizen, mit denen sie eng verbunden sind und von denen viele außerhalb der offiziellen Strukturen der irakischen Streitkräfte operieren.

Diese meist pro-iranischen Gruppen sind nicht nur militärisch aufgerüstet, sondern verfügen über enorme finanzielle Mittel. "Die Milizen kontrollieren große Teile der irakischen Wirtschaft", so Ali Al-Bidar. Sie besitzen Banken und sind im Ölgeschäft tätig. Über ihre ausgedehnten Netzwerke sind sie außerdem im Drogenhandel aktiv und mitverantwortlich für die riesigen Mengen an Crystal Meth, die vor allem den Süden Iraks überschwemmen. Besonders einflussreich seien sie in jenen Gebieten, die einst zum Kalifat gehörten. Die Milizen waren die Speerspitze im Kampf gegen den IS. Doch mittlerweile werden sie von der sunnitischen Bevölkerung als Erben des IS gesehen. Wurden die Menschen früher von den Dschihadisten terrorisiert, sind es jetzt die Milizen, die ihnen das Leben schwer machen.

So etwa in Mossul, wo schiitische Milizen Checkpoints betreiben, an denen Händler zahlen müssen, um ihre Waren nach Mossul oder heraus zu bekommen. Berichten zufolge bedienen sich die Milizen auch an jenem Geld, das von Bagdad für den Wiederaufbau Mossuls bereitgestellt wird. Milizen verfügen außerdem über große Mengen an Immobilien. Dabei sei oft unklar, wem diese Immobilien tatsächlich gehören. Es handle sich vielfach um Eigentum von Christen und anderen Vertriebenen, die vom IS enteignet wurden, so Al-Bidar. Deren Besitz wurde aber nie zurückerstattet, sondern nach dem Sieg über die Dschihadisten von den Milizen beschlagnahmt. Dieses aggressive Vorgehen der schiitischen Milizen gießt Öl ins Feuer der konfessionellen Spannungen im Irak.

Um ihren Einfluss zu zementieren, versuchen sie, ihr religiöses Programm in der Gesellschaft zu verankern, sagt Al-Bidar. Sie errichten Privatschulen, die sie nach iranischen Persönlichkeiten wie Ayatollah Ruhollah Khomeini benennen. "In sunnitisch dominierten Gebieten zwingen sie der Bevölkerung ihre Regeln auf, indem sie Hochzeiten oder andere Festivitäten an schiitischen Feiertagen verbieten." An manchen Orten Iraks gelte, was die Milizen bestimmen, und nicht, was die Regierung in Bagdad beschließt. "Die Leute sagen, der einzige Unterschied zwischen diesen bewaffneten Gruppen und dem IS sei, dass man in ihrer Gegenwart Zigaretten rauchen könne", so der Politikwissenschaftler. Darüber hinaus verhielten sie sich ganz gleich, wie die sunnitische Terrororganisation. "Diese Gruppen bilden einen Staat im Staat", sagt Al-Bidar.

Kleriker zitieren Verfassung

Donnerstagabends machen die Spirituosenläden in Bagdad gutes Geschäft. Idweard reicht einen Plastiksack voll Bierdosen über den Verkaufstresen. Der Kunde mit dem glasigen Blick ist ein Soldat namens Ahmed und Idweards Geschäft so etwas wie sein Stammlokal. Da er heute einen zehntägigen Urlaub antritt, ist er gleich nach der Kaserne hier her gekommen, hat ein paar Dosen getrunken und sich mit Idweard und anderen Kunden unterhalten.

Während Ahmed sich mit seinem Rollkoffer und dem schwarzen Plastiksack auf den Heimweg macht, blickt Idweard nachdenklich auf die Blechkolonne, die im Schritttempo die Abu-Nawas-Straße entlang rollt. Ein silbernes Kreuz hängt für jeden sichtbar an einer Kette um seinen Hals. Der Alkoholverkäufer kennt die Vorwürfe der religiösen Hardliner: Was er tue, sei verwerflich. Er verleite Muslime dazu, Alkohol zu trinken, was gemäß der Scharia verboten ist. Er schüttelt den Kopf: Unsinn sei das. Diese Leute sollten erkennen, dass ein großer Teil der Gesellschaft an ihren Regeln nicht interessiert ist, sagt Idweard. "Bei mir kaufen fast ausschließlich Muslime."

Der Grund, warum Kleriker, schiitische Parteien und ihnen nahestehende Gruppen ihr konservatives Weltbild Andersdenkenden aufzwingen können, liegt unter anderem an der Verfassung, sagt Ali al-Bidar. Sie besagt, dass der Islam Staatsreligion und Quelle der Gesetzgebung ist. Es sei daher nicht erlaubt, Gesetze zu erlassen, die gegen die Prinzipien des Islam verstoßen. "Dieser Teil der Verfassung ist gefährlich", sagt er. Der Passus öffne religiösen Hardlinern Tür und Tor, der Gesellschaft ihren Willen aufzuzwingen. "Diese Kleriker interpretieren die religiösen Texte, wie es ihren Interessen entspricht und können sich dabei auch noch auf die Verfassung berufen", so Al-Bidar. Diese Gruppen würden die individuelle Freiheit einschränken und schrecken dabei auch vor Morden nicht zurück.

Eines der prominenten Opfer war der international bekannte Analyst Hisham al-Hashimi, der sich intensiv mit den Machenschaften schiitischer Milizen befasste. Im Juli 2020 wurde er vor seinem Haus in Bagdad angeschossen und starb kurz darauf in einem Spital. Dass die Milizen und ihnen nahestehende Parteien ihre Machtposition nicht einfach aufgeben werden, haben die jüngsten Ereignisse gezeigt. Nachdem pro-iranische Parteien die Wahlen im Oktober 2021 verloren hatten, wollten sie das Ergebnis nicht anerkennen und beschuldigten die Regierung des Wahlbetrugs. Anfang November explodierte eine mit Sprengstoff beladene Drohne im Wohnsitz des Premierministers in der Grünen Zone. Mustafa al-Kadhimi wurde zwar nicht verletzt, aber die Warnung war eindeutig.

Keinen Bock auf Islamismus

Die Feministin und Frauenrechts-Aktivisten Houzan Mahmoud sieht im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" bei all den Problemen auch positive Entwicklungen. Unter Saddam Hussein sei die Bevölkerung Iraks von der Außenwelt abgeschnitten gewesen, die Medien vom Regime kontrolliert, die Nachrichten gefiltert worden. Seit 2003 ist das anders. "Satelliten-TV, Internet und Soziale Medien haben über die Jahre die irakische Gesellschaft beeinflusst." Das hat für viele den Blick auf die Welt und die Geschehnisse im Irak verändert. Die in dieser Zeit aufgewachsene Generation hätte gesehen, wie korrupt Islamisten und Nationalisten sind, und würden daher religiösen Extremismus ebenso wie aufgezwungene Identitäten ablehnen. Der IS habe seinen Teil dazu beigetragen. "Durch die Verbrechen, die der Islamische Staat im Namen des Islam beging, stehen heute viele Menschen islamischen Regimen skeptisch gegenüber", sagt die Aktivistin. Vor allem die junge Generation könne mit einem konservativen Islam, wie ihn die schiitischen Kleriker predigen, wenig anfangen.

Auch den sunnitisch-schiitischen Konflikt, losgetreten durch die US-Invasion und befeuert durch irakische Politiker, die durch die Spaltung der Gesellschaft ihre Macht maximieren konnten, würde diese Generation nicht mittragen wollen. Das zeige sich deutlich in der Protestbewegung, die ab Oktober 2019 für fundamentale Reformen auf die Straße ging, so Mahmoud. "Die Jungen haben eine Dynamik angestoßen, die langfristig Änderungen herbeiführen wird."