Manchmal ist es nur diese eine Kurve, die den Spieler in Bann hält. Dieses unstillbare Verlangen, sie perfekt zu fahren - aus Prinzip, aber auch, um den Goldpokal abzustauben. Doch "Gran Turismo 7" bietet so viel mehr, das es schwer macht, sich von der Rennsimulation zu lösen.

Das Royal Philharmonic Orchestra hebt an zu Tschaikowskis Klavierkonzert Nummer 1: tam-tam-tam-taahm - bamm, tam-tam-tam-taahm - bamm. Die Sonne scheint und man sitzt in einem blauen Porsche 356 Speedster. Der Countdown läuft, dann kommt der Start. Plötzlich legen sich peitschende Pop- und Rockbeats über Tschaikowski. Die Motivation reicht bis in die Haarspitzen, während man darangeht, an den anderen Autos vorbeizurauschen. Viel schöner kann ein Rennspiel nicht beginnen.

Gleich zu Beginn steht man vor der Wahl, in die beschriebene Musikrally einzusteigen, oder gleich die Welt von "Gran Turismo 7" zu betreten. Und die ist enorm.

Vom Café auf die Rennbahn

Der Anfang ist noch überschaubar: eine kleine Garage, ein Café, ein Gebrauchtwagenhändler. Bei Letzterem ersteht man sein erstes Auto. Bei dem noch geringen Budget reicht es gerade einmal zu einem kleinen Japaner. Ein kleiner Italiener namens Luca wiederum schanzt dann im Café die ersten Aufträge zu: hier ein Rennen, dort eine kleine Mission. Als Belohnung erhält man Credits (die "GT7"-Währung) und/oder neue Autos. Die Garage vergrößert sich.

Schon bald erfährt man: Tuning ist wichtig, während auf der Umgebungskarte ein entsprechender Schuppen seine Pforten öffnet. Beim ersten Mal erfüllt man noch widerwillig den Wunsch, einen Mini Cooper zu frisieren. Doch schon bald kommt der Zeitpunkt, da man erkennen muss: Bei manchen Rennen ist eine Topplatzierung ohne Tuning selbst bei hervorragenden Fahrkünsten kaum schaffbar. Zigtausend Credits später, endet der zweite Anlauf in einem lockeren Sieg. Mit den Credits kann man aber selbstverständlich auch die Grundlage des Spiels kaufen: immer neue Autos.

Allmählich weitet sich die "GT7"-Welt aus auf dutzende Strecken, hunderte Autos und zahllose Wettbewerbe vom kleinen Straßenrennen bis zur GT World Challenge. Neue Autohändler kommen dazu und sogar eine Fotoabteilung, in der man sein Lieblingsauto, in seiner Lieblingslandschaft und in Lieblingsposition verewigen kann. Und natürlich gibt es einen Online-Modus, in dem man sich mit der ganzen Welt messen kann - einfach zum Spaß, oder auf e-sportlichem Niveau.

Spaß gepaart mit Realismus

"Gran Turismo 7" konzentriert sich darauf, Spaß zu machen. Das merkt man an allen Ecken und Enden - zum Guten und für manchen Puristen vielleicht auch zum Schlechten. Großartig ist das Exklusivspiel für die Playstation jedenfalls in Sachen Grafik. Vor allem auf der PS5 machen Autos, Landschaft und Strecken eine gute Figur. Auch Schatten und Reflexionen werden wie in der realen Welt geworfen. Im schlechtesten Fall könnte man sagen: Wie aus dem Hochglanzkatalog.

"Gran Turismo 7" hat sicherlich mit die meisten Autos (420 gleich zu Beginn laut Sony) und die meisten Strecken (33, plus Varianten wie Circuit de Saint-Croix A, B und C) unter den Rennsimulationen zu bieten. Rennverhalten und Streckeneigenschaften sind so realitätsnah wie man es sich als nicht ausgebildeter Rennfahrer nur wünschen kann.

Trotzdem fühlt sich das sieben Jahre alte Maß aller Dinge, "Assetto Corsa", in Sachen Rennsimulation authentischer an. Man hat das Gefühl, dass im Sinne des Fahrvergnügens bei "Gran Turismo 7" mancher Fahrfehler eher verziehen wird. Auch Curbs wirken grundsätzlich wie Streckenteile, die das Auto ein bisschen langsamer machen und für Rumpeln sorgen. Bei "Assetto Corsa" hingegen können diese unter Umständen auch Schleuderfallen sein, die zum sofortigen Ausscheiden führen. Doch das ist Kritik auf hohem Niveau. Denn abseits von "Assetto Corsa" hat "Gran Turismo 7" auf diesem Gebiet gegenüber anderen Rennsimulationen die Nase um Längen vorn.

Rennfahren lernen

Zusätzlich bietet "Gran Turismo 7" etwas, das ambitionierte Racingherzen höherschlagen lässt: Eine Art Rennakademie, bei der man Schritt um Schritt ein Potpourri an Fahrtechniken lernt. Verpackt ist das in Rennlizenzen von der Nationalen B über die Internationale A bis hin zur Super Rennlizenz. So kann man sich selbst dabei zusehen, wie man nach und nach in fahrerische Sphären aufsteigt, die man sonst nur vom Zuschauen kannte. Menschen mit Führerschein sollten allerdings nicht in Versuchung geraten, das Erlernte im normalen Straßenverkehr einzusetzen.

Der Sound ist wie generell von "Gran Turismo" gewohnt originalgetreu, wirkt aber stets ein bisschen schaumgebremst. Auch hier stand der Spaß offenbar im Vordergrund: Es ist eben nicht jedermanns Sache, auf Dauer kreischenden, wenn auch realistischeren, Motorengeräuschen ausgesetzt zu sein.

Nebenbei nutzt der siebte Teil das 25. "Gran Turismo"-Jubiläum für Erzählungen über die Rennsportgeschichte und die Bedeutung der einzelnen Autos für diese. Ein wenig japanlastig ist das Ganze dabei schon. Zumindest zu Beginn stehen überproportional viele Autos von Honda, Suzuki, Nissan und Co. im Fokus, die in europäischen Breitengraden nicht weitflächig bekannt sind oder überhaupt eher in die Kategorie Reiskocher fallen.

Doch wer will das den japanischen Entwicklern und Verlegern von Sony verdenken, dass sie auf ihrer Seite der Weltkugel andere Autos verstärkt wahrnehmen als Europa. Gleichzeitig ist es ja durchaus erfreulich, Neues zu lernen, statt dem ohnedies schon Bekannten zu frönen - das aber ohnedies auch vertreten ist.

Der einzige richtige Kritikpunkt ist die Möglichkeit, Spielcredits mit echtem Geld kaufen zu können. Diese kann man zwar über Rennen und Aufträge genauso gut erwerben. Aber Menschen mit wenig Zeit oder wenig Geduld können schon einmal verleitet sein, die Abkürzung über echtes Geld zu nehmen, um im Spiel den Traumwagen zu erstehen oder das Tuningteil, dass den Vorteil für den Sieg gewährt.

Unterm Strich bietet "Gran Turismo 7" Rennsimulation und Spaß auf höchstem Niveau. Für Abwechslung ist stets gesorgt: egal, ob Online- oder Offline-Rennen, die schiere Bewunderung automobilistischer Ästhetik, Geschichts- oder Rennfahrstunden, technische Kinkerlitzchen oder einfach nur der Wunsch nach Verbesserung des Fahrstils. Rennbegeisterte und Fans von schönen Autos werden gleichermaßen ihre Freude an dem Spiel haben.

"Gran Turismo 7" erscheint heute, Freitag, für die Playstation. Das Testmuster wurde der "Wiener Zeitung" vom Hersteller zur Verfügung gestellt.