Auf unserem Auto war es ein dickes, schwarzes "MI", das am Rand der Windschutzscheibe einen guten Teil des Gesichtsfeldes für sich beanspruchte. Der Aufkleber, fast so groß wie ein Seitenfenster eines Puch 500, stand für "Mittwoch": unser autofreier Tag, an dem der Motor kalt bleiben musste. Es war die weltweite Ölkrise 1973, die Österreichs Regierung diesen Tag vor bald 50 Jahren ins Leben rufen ließ. Unter dem Druck des Ölembargos der Opec-Staaten drohte ein Engpass der Versorgung mit Erdöl.

Während diese Regelung nach wenigen Wochen und genauso wenigen autofreien Tagen allerdings Anfang 1974 wieder endete, wurde nahezu gleichzeitig eine weitere Energie-Idee so platziert, dass sie heute - vor allem auch für den Wintertourismus - nicht mehr wegzudenken wäre: Die Energieferien zwischen zwei Semestern, die eine Woche weniger heizen in den Schulen bedeuteten und die es heute unter dem neuen Namen Semesterferien immer noch gibt.

Energienot und die Angst, dass Gas und Strom zu teuer werden könnten, machten also damals erfinderisch. Heute ist es der Krieg in der Ukraine, der die Strukturen der Energieversorgung Europas in Frage stellt. Große Mengen Gas, Öl und Steinkohle wurden bisher aus Russland in die Europäische Union geliefert. Nach deren Sanktionen wegen der Ukraine-Invasion droht Russland mit Gegenmaßnahmen. Schon davor war der Erfindergeist, wenn es um das Einsparen von Energie geht, um den Aspekt des Klimaschutzes reicher - mit dem Ziel, im Sinne der Treibhausgasreduktion weniger Energie zu verbrauchen.

Tatsache ist jedoch: Der österreichweite Gas- und Stromverbrauch ist über Jahre relativ konstant, weil zwar zum Beispiel Haushaltsgeräte wie Kühlschränke oder Waschmaschinen immer energieeffizienter arbeiten, gleichzeitig aber Geräte dazukommen oder größer werden. Wie der Flachbildschirm-Fernseher, der bald so viel Platz greift wie der holzvertäfelte Wandverbau in den 70ern, oder die stromfressende Klimaanlage, die im Zuge der Klimaerwärmung immer notwendiger wird.

Bis zu 20 Prozent einsparen

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Gleichzeitig sind die Energiepreise gestiegen. Bereits im Dezember 2021 waren sie laut Österreichischer Energieagentur um 24,1 Prozent höher als im Dezember davor. Selbst wenn russisches Gas weiterhin fließt, werden die Energiepreise voraussichtlich auch heuer hoch bleiben, schätzt die EU-Kommission. Fließt es nicht mehr, werden sie noch höher.

Was bedeutet das für all jene, die sich schon bisher die Energie zuhause kaum leisten konnten? "Die Armutsfalle klappt zu", sagt dazu die Caritas Österreich. Es wachse die existenzbedrohende Sorge, dass das Gas abgeschaltet wird, weil Rechnungen nicht bezahlt wurden. Ist das Gas weg, steckt man einen Elektroofen an. Damit wird das Heizen noch teurer - bis schließlich der Strom abgeschaltet wird. Und die Wohnung bleibt dunkel und kalt.

94.000 Haushalte seien aktuell von der sogenannten Energiearmut betroffen, sagt Anna Parr, Generalsekretärin der Caritas Österreich, zur "Wiener Zeitung". Energiearmut bedeute nicht bezahlbare Energiekosten beziehungsweise -rückstände, schlechte Wohnungsverhältnisse wie mangelhafte Isolierungen, was die Heizkosten zusätzlich in die Höhe treibe, sowie die tägliche Frage: "Heize ich oder fülle ich den Kühlschrank?" Oft werde auch nur ein Zimmer beheizt, sagt Parr.

Dabei gebe es viel bessere Methoden, Energie und damit die Kosten zuhause zu sparen, ergänzt Harald Proidl. Bis zu 20 Prozent an Energie könne man dadurch einsparen, sagt der Leiter der Abteilung Ökoenergie und Energieeffizienz der für die Strom- und Gaswirtschaft zuständigen Regulierungsbehörde E-Control. Der Weg dorthin ist denkbar einfach. "Was das Heizen betrifft, sollte man die Heizkörper regelmäßig entlüften und auch keine Gegenstände oder Möbelstücke davorstellen, damit die Wärme gut abstrahlt", so Proidl. Die Fenster hingegen solle man sehr wohl abdichten.

Standby-Modus vermeiden

Strom könne man wiederum allein dadurch einsparen, indem man sämtliche Geräte wie Fernseher oder Computer nicht im Standby-Modus durchlaufen lässt - etwa durch Verteilersteckdosen mit Ausschalter. Waschmaschinen oder Geschirrspüler sollten nur dann eingeschaltet werden, wenn sie vollgefüllt sind. Geschirrspüler sind laut Proidl sparsamer als die Handwäsche, und das Geschirr sollte auch nicht vorher mit heißem Wasser abgespült werden. "Die Geschirrspüler sind auf starke Verschmutzungen ausgelegt." Und wer davor beim Kochen der Suppe einen Deckel auf den Topf gegeben hat und diesen auf die passende Herdplatte gestellt hat, habe ebenfalls etwas für die hauseigene Energieeffizienz getan.

Will man nur Tee kochen und somit eine kleinere Wassermenge erhitzen, sollte man, sofern vorhanden, den Wasserkocher verwenden. Und bleibt noch etwas von der warmen Suppe übrig, dann auskühlen lassen, bevor man sie in den Kühlschrank stellt. Beim Bügeln kann man hingegen die Restwärme nutzen und das Hemd mit ausgeschaltetem Bügeleisen fertig bügeln.

Stromhilfefonds und Beratung

Energiesparlampen oder neue, stromsparende Geräte wie zum Beispiel Kühlschränke senken freilich ebenfalls den Verbrauch - Letztere kosten aber auch etwas. Und das ist der Haken daran. Denn von Energiearmut betroffene Menschen tauschen kaputte Geräte meist durch Second-Hand-Ware, die genauso energiefressend ist.

Um hier entgegenzuwirken, haben die Caritas Österreich und der Stromanbieter Verbund bereits vor zwölf Jahren ein Projekt initiiert. Sie haben einen Stromhilfefonds gegründet und eine Energieberatung gestartet, bei der Caritas-Mitarbeiter Betroffene in ihrer Wohnung besuchen und den Energiekonsum gratis analysieren. In diesen zwölf Jahren habe man mehr als 6.000 Haushalte respektive 15.000 Personen unterstützt und rund 3.000 Geräte getauscht, sagt Parr. Oder anders gerechnet: Auf diese Weise wurden in dem Zeitraum mehr als 3,3 Millionen Euro für energiearme Haushalte eingesetzt.

Österreichweit biete die Caritas zudem 56 Sozialberatungsstellen (caritas.at/hilfe-angebote/nothilfe) unter anderem für die Bereiche Energie und Wohnen an. Es werde individuell betrachtet, wer finanzielle Unterstützung etwa in Form von Zuschüssen zur Miete oder zu Energierechnungen erhält, heißt es von der Caritas. Wichtig sei, so schnell wie möglich zur Beratung zu kommen, "und nicht erst, wenn die Stromabschaltung droht".

Mehr Anfragen bei der Caritas

Vor allem während der Corona-Pandemie seit März 2020 ist die Zahl der Anfragen laut Caritas gestiegen, und der Verbund stellte zusätzliche Mittel zur Verfügung. Das Problem sei aber nicht die Pandemie allein. "Der Teuerung von Strom und Gas steht keine entsprechende Anpassung der Einkommen, des Arbeitslosengeldes, der Sozialhilfe und anderer Sozialleistungen gegenüber", sagt Parr. Alleinerzieherinnen und -erzieher, Mehr-Personen-Haushalte mit Kindern, Pensionisten und Erwerbslose seien besonders betroffen.

Angesichts der hohen Inflation, die vor allem durch den Anstieg der Energiepreise befeuert werde, wie es hieß, wurde auch auf politischer Ebene reagiert: Der Finanzausschuss des Nationalrats hat diese Woche den gesetzlichen Rahmen für den Energiekostenausgleich in Form eines Gutscheins in Höhe von 150 Euro abgesegnet. Der Gutschein soll die nächstfolgende Stromrechnung um diesen Betrag kürzen und für Hauptwohnsitze gelten. Voraussetzung ist, dass die Einkünfte der haushaltszugehörigen Personen bei einem Einpersonenhaushalt 55.000 Euro und beim Mehrpersonenhaushalt 110.000 Euro im Jahr nicht übersteigen. Die Kosten für den Energiekostenausgleich belaufen sich demnach auf 600 Millionen Euro.

Antwort der Regierung

Zusammen mit der bereits fixen Aussetzung von Ökostrompauschale und Ökostromförderbeitrag für heuer von im Durchschnitt rund 100 Euro pro Haushalt, was etwa 900 Millionen Euro Entlastung entspricht, "sorgt die Bundesregierung mit einem Volumen von rund 1,7 Milliarden Euro für eine zusätzliche Entlastung der Menschen", sagte dazu Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP). Zudem wurde der Teuerungsausgleich für besonders bedürftige Haushalte von ebenfalls 150 Euro auf 300 Euro verdoppelt.

Das derzeit heftig diskutierte Aussetzen der geplanten CO2-Abgabe (ab 1. Juli sollen je Tonne 30 Euro eingehoben werden) könnte den von Energiearmut Betroffenen ebenfalls entgegenkommen. Auch wenn damit ein wesentlicher Anreiz für den Klimaschutz auf Eis liegt: Denn einzelne autofreie Tage würden heute vermutlich wenig bewirken - viele würden einfach aufs Zweitauto umsteigen.