"Wiener Zeitung": Etwa 45.000 Mitglieder (davon 28.000 gewählte) haben die österreichischen Pfarrgemeinderäte, die diesen Sonntag im Rahmen der Gottesdienste von 4,3 Millionen Katholiken neu gewählt werden dürfen. Insgesamt gibt es in der Katholischen Kirche bundesweit rund 300.000 Ehrenamtliche. Wie viele haben an Ihrer großen Studie zum Ehrenamt bisher teilgenommen, und was sind Ihre ersten Erkenntnise daraus?

Paul M. Zulehner: Bisher gibt es auswertbar 3.365 Teilnehmer: 1.790 aus Österreich, 1.375 aus Deutschland, und je etwa 100 aus der Schweiz und noch von woanders. Es ist nicht repräsentativ, aber aussagekräftig von den qualitativen Texten her. 60 Prozent aller Befragten haben überlegt, mit dem Ehrenamt aufzuhören. Dafür gibt es drei Hauptgründe: Erstens fühlen sich 34 Prozent zu alt. Zweitens geht es für 27 Prozent nicht gut mit Beruf und Familie zusammen. Der dritte Hauptgrund ist Frustration über Missstände wie Klerikalismus, aber auch viele Konflikte unter Ehrenamtlichen.

Und was kann die Kirche da tun?

Es braucht eine Doppelpolitik: einerseits Reformen, um die Frustrationen zu reduzieren; andererseits die spirituelle Basis im ursprünglichen Ereignis der Kirche - die Jesus-Bewegung - zu verankern, damit man auch widerstandsfähiger wird gegen innerkirchliche Misslichkeiten. Beim Alter kann man gar nichts tun, außer Junge zu werben. Das ist eine ganz wichtige Herausforderung und bildet die Brücke zur Frage nach der Motivation. Und mit Blick auf Beruf und Familie muss man auch die Ehrenamtskarriere gut designen, sodass sie verträglich ist. Es braucht einen klaren Beginn und ein klares Ende, die Aufgaben müssen überschaubar sein, nicht zu viel und zu lange. Und es wäre schön, wenn die Leute das Gefühl bekommen, dass das Ehrenamt ein exzellenter Ort ist, um soziale und persönliche Fähigkeiten zu entwickeln, die man dann auch in der Berufstätigkeit gut einbringen kann. Viele Arbeitgeber fragen heute nach Ehrenämtern. Das eines der stärksten Argumente, um junge Menschen zu gewinnen. Da müsste die Kirche auch noch sehr stark Unterstützung geben für Selbst- und Teamqualifizierungen.

Betätigen sich Ehrenamtliche in der Kirche aus einem Bedürfnis heraus oder aus Pflichtgefühl, weil es sonst keiner machen würde?

Bei Älteren gibt es immer noch das traditionelle Ehrenamt: Man macht mit um Gottes Lohn und um die Priester zu entlasten. Dann kommt aber bei vielen ziemlich gleich stark das, was ihnen grundsätzlich wichtig ist - also die Urwünsche, die Lebensheiligtümer: Anerkennung, Gestaltungsmacht und Beheimatung beziehungsweise Teamarbeit. Die Mitbestimmung ist davon der am stärksten ausgeprägte Wunsch. Die Leute wollen schon in der Kirche mitarbeiten, aber nicht um jeden Preis. Wenn sie nur beraten, und irgendwelche Ordinierten machen, was sie wollen, wird man keine neue Generation von Ehrenamtlichen gewinnen. Da zeigen auch schon andere Studien eine große Kluft zwischen der Partizipationskultur der Gesellschaft und jener der Kirche. Das macht die Leute, die sich da engagieren, zu einer Art kulturellen Märtyrern. Als Demokrat tut man sich ganz schwer, in so einer undemokratisch stilisierten Kirche mitzuarbeiten. Das wollen sich viele Leute nicht mehr antun. Die Kirche könnte auch auf dem Synodalen Weg wesentlich mehr demokratische Elemente implementieren. Das wäre wohl eine der besten Voraussetzungen auch mit Blick auf die Pfarrgemeinderäte, damit jene, die gehört werden und auch nachhaltig mitgestalten wollen, wieder mitmachen. Da kann man sicher auch Junge anlocken, wenn man sie im Team gestalten lässt, Geld für Projekte zur Verfügung stellt. Man kann das Ehrenamt auch für die nächste Generation attraktiver machen.

Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen?

Es gibt eine Menge Priester und auch Laientheologen, die aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil gelernt haben und sehr partizipativ sind. Aber es hängt halt immer noch teils vom guten Willen der jeweiligen Ordinierten ab. Wenn ich den richtigen Pfarrer erwische, habe ich das Glück, dass ich mitgestalten kann. Wenn ich einen klerikalen kriege - die gibt es übrigens unter den Jüngeren wieder mehr als in der Konzilsgeneration -, habe ich Pech gehabt. Das Kirchenrecht müsste eigentlich - und wenn ich den Papst richtig verstehe, will er das auch kirchenrechtlich absichern - dieses Partizipationsroulette beenden. Man sollte in der Kirche nicht Glück, sondern das Recht haben, dass man mitgestaltet, aufgrund der Berufung, die man hat. Die Laien arbeiten ja in der Kirche nicht im Dienste der Kleriker mit, sondern sie sind Mitarbeiter Gottes gemeinsam mit den Priestern in der Kirche.

Welche Zukunft hat die Kirche?

Der Pool derer, die sich ihr mit Haut und Haar verkaufen, ist kleiner geworden. Das ist ein Nachteil, aber auch ein Vorteil. Es braucht intelligente Projekte im Umkreis der Kirche, und das sehe ich bei jungen Leuten, die in Kirchenprojekten mitmachen, etwa in der Entwicklungszusammenarbeit, obwohl sie gar nicht nahe an der Kirche dran sind. Wenn die Kirche da ein neues Ehrenamt zu bieten hat, dass man zugleich Gott dient und sich selbst weiterentwickelt, dann ist das kein Widerspruch - ich kann nicht selbstlos werden, wenn ich kein Selbst habe. Insofern würde ich sagen: Schaut euch die Projekte der Kirchen, und zwar aller christlichen Kirchen, gut an. Das ist ein optimaler Ort für die Selbstentwicklung in einer Zeit, die entnetzt ist, die flach ist, die eher auf Arbeiten und Konsum drillt, aber Solidarität und Menschlichkeit nicht so in den Vordergrund rückt. Ich kenne viele Netzwerke und NGOs, wo sehr viele junge Leute dabei sind. Ich bin also gar nicht so pessimistisch, dass wir auch als Kirche junge Leute dafür gewinnen können, an gut designten Projekten mitzuwirken.

Ist der jahrzehntelange Schrumpfungsprozess noch aufzuhalten?

Ich bin mit diesen Schrumpfungstheorien nicht ganz glücklich, weil viele daraus den evangelikalen Schluss ziehen, dass wir nur noch die Gemeinschaft der Hundertprozentigen bräuchten, die sich ganz Jesus verschrieben haben. Wenn ich schaue, wenn ein Kind geboren wird, wenn die Liebe tanzen macht, wenn eine Beerdigung ist, wie viele Leute in und mit der Kirche zusammen feiern wollen, weil sie hier Erfahrung hat, da haben viele mehr Interesse, als einfach nur zu sagen: Man ist Kirchenbeitragszahler und geht jeden Sonntag in die Kirche. Ich glaube, dass das eine viel zu enge Fragestellung ist. Und wenn ich dann noch dazudenke, wie überlaufen kirchliche Kindergärten und Privatschulen sind, ebenso die Ordensspitäler - es ist ja nicht richtig, dass die Kirche nur verliert, sondern wir haben ein paar Flaggschiffe, die leicht übersehen werden. Man schaut nur auf das kleine Segment der gottesdienstlichen Versammlungen und der Hundertprozentigen und vergisst dabei, dass in der Gesellschaft sehr viel im Wachsen ist, wo die Kirche den Menschen in seinem Leben begleiten, ohne gleich etwas für sich selber zu wollen, da sehe ich sehr viel Zuspruch. Und ich staune als Priester auch bei Taufen oder Trauungen, wie viel Know-how Leute, die nicht einmal Kirchenmitglied sind oder ganz am Rand stehen, aufbringen, um so eine sakramentale Feier auch würdig zu gestalten.

Wird die Kirche also eigentlich immer mehr ein Dienstleister?

Wir sind vielleicht kein Dienstleister, aber wir leisten Dienste. Ich glaube, da ist ein hauchdünner Unterschied. Ein Dienstleister macht einen Job. Die Kirche bloß als religiöses Vermittlungsunternehmen für Liebende, das wäre mir zu wenig. Wir sind vielleicht Herberge. Wir haben Gemeinschaften, wo intensiv das Evangelium gelebt wird, aber mit ganz offenen Türen und riesiger Gastfreundschaft. Und ich glaube, die Leute sind nicht so schlecht, wie wir Katholiken sie manchmal gerne hätten, in dieser religiösen Hinsicht. Sie suchen wesentlich mehr, als wir ihnen zutrauen - wenn wir die richtige Melodie ertönen lassen. Wir haben uns ja auch längst davon verabschiedet, auf moralische Prinzipien zu pochen. Die wirkliche Frage lautet: Wie weit reicht die Wirklichkeit, die ich mit meinem Herzen bewohne? Und ist am Ende die Liebe stärker als der Tod? Das sind die zentralen Fragen, die sich in einer Gesellschaft stellen. Da machen die Kirchen einen wichtigen, befreienden Job, wenn sie sagt: Die Wirklichkeit ist reicher, sie ist voller, deine Würde ist größer, als du jetzt annimmst als Arbeitstier und Konsummensch. Ich glaube, diese Botschaften kommen derzeit zu leise daher, auch von der Kirche selbst. Aber wenn wir die wieder stärker singen, werden die Leute diesem neuen Konzert, der Freude des Evangeliums zuhören.

Der Papst spricht von einem Synodalen Weg. Was genau meint er damit?

Das ist die älteste Beschreibung dessen, was die Kirche ist, und findet sich schon in der Apostelgeschichte 9,2: Da verfolgt Paulus die Anhänger des neuen Weges, den Jesus vom Berg, wo er Gott nahe ist, hinuntergeht zu den Menschen am Rand, zu den Aussätzigen. Das ist genau der Weg der Kirche: Man taucht in Gott ein, die Verbundenheit ist das Herzstück, und geht dann in der Nachfolge Jesu an die Ränder des Lebens. Das möchte Papst Franziskus wieder viel vitaler gelebt haben. Und das ist nicht eine Hauptamtlichen-Geschichte, sondern eine Aufgabe für die ganze Gemeinschaft der Kirche, die miteinander auf dem Weg ist - syn hodos, wie es im Griechischen heißt. So gesehen will er eigentlich nichts anderes, als sowohl die biblische Vision wie auch die Idee des Konzils wieder in die Realität der Kirche zu implementieren. Bisher haben wir eher eine klerikale Zwei-Etagen-Kirche: oben die Hauptamtlichen und unten das versorgte Kirchenvolk. Das sind aber nicht die paulinischen Gemeinden, wo es eine fundamentale Gleichheit gibt, auch zwischen Männern und Frauen. Das muss man wieder ernst nehmen, nachdem es in den vergangenen Jahrhunderten völlig verschlampt worden ist.

Meinen die Synodalen Wege in der Erzdiözese Wien und in der deutschen Kirche dasselbe?

Im Prinzip schon. Es geht darum, dass man zusammenkommt, aufeinander und auf Gottes Geist hört, die Geister miteinander unterscheidet und das nicht nur dem Kardinal überlässt. Die Erzdiözese Wien konzentriert sich gerade vor allem auf die Aufarbeitung der Corona-Pandemie, das ist ein enger Fokus, aber im Grunde genommen kommt es weniger darauf an, was thematisch herauskommt, sondern dass die Kirche selber wieder synodaler wird. Dass sie als Gemeinschaft, die die Jesus-Bewegung in der Gesellschaft präsent hält, wieder an Kraft und Fahrt gewinnt.