Rund 4,3 Millionen Katholiken in Österreichs etwa 3.000 Pfarren sind aufgerufen, diesen Sonntag die Pfarrgemeinderäte für die nächsten fünf Jahre zu wählen. Es ist eine direkte Wahl, wobei auch Kinder eine Stimme haben, die ihre Eltern für sie abgeben. Die Wahlmodelle unterscheiden sich von Diözese zu Diözese geringfügig. Die beiden häufigsten sind Listenwahl und Urwahl: Entweder werden Kandidaten auf dem Stimmzettel angekreuzt oder aber es gibt keine, sondern jeder Wähler schreibt frei Namen von Pfarrmitgliedern auf, die er gern im Pfarrgemeinderat (PGR) hätte, und im Idealfall nehmen die Meistgenannten ihr Mandat an.

Markus Beranek, Leiter des Pastoralamts der Erzdiözese Wien, stellt eine leichte Zunahme der Urwahl fest. Auch, weil es immer schwieriger wird, überhaupt genügend Kandidaten - vor allem neue Gesichter mit neuen Perspektiven - für den Stimmzettel zu finden. Ein großes Thema ist auch die Wahlbeteiligung, da die PGR-Wahl im Rahmen der Gottesdienste stattfindet. Und seit Corona kommen gut ein Drittel weniger Katholiken in die Messe, wobei Beranek im städtischen Bereich massivere Zäsuren feststellt als auf dem Land. Einige Pfarren reagieren mit einer Briefwahl - oder verschieben die PGR-Wahl. Trotzdem meint Beranek, der die Wahlbeteiligung als Indikator fürs Interesse am pfarrlichen Leben sieht: "Die Grundstimmung ist nüchtern positiv."

Durchschnittsalter: 50 Jahre

Insgesamt 45.000 Pfarrgemeinderäte gibt es derzeit österreichweit, wobei 28.000 gewählt und 7.000 anderweitig bestellt sind; heuer werden um 20 Prozent weniger gewählt, weil die Gremien zum Teil verkleinert werden. Grundsätzlich ist die Größe des PGR an die Katholikenzahl in der Pfarre gekoppelt. Das ehrenamtliche Leitungsgremium (den Vorsitz hat der Pfarrer), das aufs Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) zurückgeht, gibt es seit 50 Jahren - und genauso alt sind auch die gewählten Mitglieder in der Erzdiözese Wien im Durchschnitt; das jüngste ist 15 Jahre alt, das älteste 84. Der Frauenanteil beträgt aktuell 56 Prozent.

Im Rahmen der Strukturreform wurden vor allem in der Erzdiözese Wien zahlreiche Pfarren zusammengelegt. Dabei sind Zwischenebenen mit weiteren Leitungsgremien - Gemeindeleitungsteam, Gemeindeausschuss, Pfarrleitungsteam, Vermögensverwaltungsrat - entstanden, deren Mitglieder nun auch neu gewählt oder bestellt werden. "Die Grundidee war, dass auch andere Personen als der Pfarrer eine Führungsrolle übernehmen sollen", erklärt der Pastoralamtsleiter. "Das Thema Leitung ist ja im deutschsprachigen Raum ein heiß umkämpfter Begriff, der auch mit dem Amtsverständnis verbunden ist. Da sind wir dabei, das durchzubuchstabieren. Es geht auch um die Frage: Wie verhalten sich Leitung und Macht?" Gerade in Pfarren mit Teilgemeinden geht es um gemeinsames, verschränktes Leiten, auch unter den Ehrenamtlichen.

Leitung teilen lernen

Das Verhältnis zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen nimmt Beranek sehr vielschichtig wahr. "Ich erlebe uns in einer gewaltigen Umbruchsituation, mit ganz viel Ratlosigkeit: Wie geht denn das heute?" Die Partizipation steht und fällt dabei mit dem jeweiligen Pfarrer: "Wenn er in der Lage ist, andere zu bewegen, können auch starke Gremien entstehen. Wo er unsicher ist und sich schwertut mit Partizipation, werden auch die Gremien nicht ernst genommen. Das finde ich eine interessante Dynamik. Da gibt es eine große Bandbreite in der Erzdiözese." Viele Hauptamtliche müssen also erst lernen, Leitung und Verantwortung zu teilen. "Da erlebe ich ganz viel Ringen - und auch ganz viele Verletzungen."

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Auch hat eine große Seelsorgerstudie vor einigen Jahren gezeigt, dass nicht jeder Priester zum Pfarrer taugt. Dem trägt die Strukturreform - und damit einhergehend die Reduzierung der Pfarren - Rechnung und eröffnet "größere Spielräume, die eigene Rolle unterschiedlich zu entfalten", so Beranek. "Ein Priester, der ein guter geistlicher Begleiter ist, kann nun in einer Pfarre mit mehreren Teilgemeinden viel stärker sein Charisma in der Seelsorge einbringen". Die neue Herausforderung ist nun freilich, geeignete Pfarrer für umso größere Pfarren zu finden.

Zwei Jahre Pandemie haben ihr Spuren in der Kirche hinterlassen. 
- © WZ

Zwei Jahre Pandemie haben ihr Spuren in der Kirche hinterlassen.

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Ein Dämpfer für die Kirche

Die Katholikenzahl in Österreich ist zuletzt erneut zurückgegangen. Verantwortlich dafür waren neben den Kirchenaustritten auch starke Rückgänge bei den Sakramenten (Taufe, Erstkommunion, Firmung, Eheschließung) durch Corona. Aber wäre nicht eher zu erwarten gewesen, dass gerade in der Krise die Menschen Halt im Glauben und in der Kirche suchen? "Das war am Anfang da, aber ich glaube, da sind wir enttäuscht worden", sagt der frühere Journalist und jetzige Priester Wolfgang Kimmel. Die Pandemie habe viele Kirchgänger "entwöhnt". Eine Umfrage hat allerdings auch gezeigt, dass viele, die bis dahin nicht die Messe besucht hatten, an den virtuellen Gottesdiensten, die nun plötzlich angeboten wurden, teilgenommen haben.

Insgesamt habe die Kirche aber einen ordentlichen Dämpfer bekommen, stellte Kimmel jüngst im ORF fest: "Ich glaube, wir haben erfahren, dass wir wirklich nicht mehr systemrelevant sind. Wir als Seelsorger waren zum Beispiel bei der Covid-Impfrangordnung irgendwo bei den Friseuren." Er sieht aber auch die Chance, ein neues Kirchenbild zu schaffen: "Viele sehnen sich nach einer anderen Kirche, die nicht versucht, Kosmetik zu betreiben, sondern wirklich neu den Weg des Evangeliums gehen will. Ich glaube, dem sind wir ein schönes Stück näher gekommen."

"Um zehn Jahre nach vorne katapultiert"

Beranek formuliert es noch drastischer: "Ich denke, die Pandemie hat uns in gewissen Bereichen um zehn Jahre nach vorne katapultiert. Was schon vorher schwierig war, ist jetzt noch schwieriger geworden." Trotzdem ist seine Corona-Bilanz differenziert: "Zunächst war es eine totale Erschütterung. Auf den zweiten Blick aber hat es Pfarren und kirchliche Orte gegeben, die eine unglaubliche Kreativität entwickelt haben, während andere in ihrer Ratlosigkeit noch einmal verstärkt wurden. Unterm Strich hat uns die Corona-Zeit aber schon ein Stück weit geholfen, ins Heute zu kommen, zum Beispiel was die Nutzung digitaler Medien betrifft. Und eine Frage hat sich zugespitzt: Was ist im kirchlichen Leben wirklich wesentlich? Was nährt die Seele?"

Die Kinder- und Jugendarbeit etwa wird neue Ansätze brauchen, weil immer weniger Junge in der Familie kirchlich sozialisiert werden. Eine Rückkehr zum Status vor der Pandemie kann sich Beranek da nicht vorstellen. "Ich finde es für unser kirchliches Handeln ganz wichtig, dass es nicht primär darum geht, Nachwuchs zu rekrutieren, damit es so weitergeht wie bisher, sondern dass wir überlegen, wo wir Räume dafür eröffnen können, dass Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen mit dem Evangelium und mit Jesus in Berührung kommen. Das kann auch mit der Pensionierung sein, wenn sie wieder mehr Zeit haben."

In der Corona-Zeit wurde auch der Blick für die persönliche Verantwortung für den Glauben geschärft: "Wir haben parallel zu den Gottesdienstübertragungen im ersten Lockdown mit dem ‚Netzwerk Gottesdienst‘ Menschen eingeladen, im kleinen Kreis daheim ganz schlicht miteinander zu feiern. Wenn das bleibt, neben der großen Sonntagsmesse, wäre das ein Gewinn." Als Firmspender hat er auch die Corona-bedingt intimeren Firmungsfeiern "zum Teil intensiver empfunden".

Glaube braucht Gemeinschaft

Was den Kirchenbeitrag als häufigstes Motiv für den Austritt betrifft, stellt er fest: "Ich finde es faszinierend, wie viele Menschen ihn nach wie vor mit großer Selbstverständlichkeit bezahlen. Ich glaube, für viele ist er ein Stachel vor dem Hintergrund unserer Freiheitskultur. Gerade Junge stellen sich bei der ersten Vorschreibung die Frage: Was habe ich davon? Wenn dann diese Relevanz von Kirche im eigenen Alltag wenig nachvollziehbar ist, liegt der Austritt nahe."

Auch wenn der Kirchenbeitrag ein Relikt des Nationalsozialismus ist und der Kirche von der Intention her schaden sollte: Die Einnahmen braucht sie. Mehr als 421 Millionen der 484 Millionen Euro, die damit im ersten Pandemiejahr 2020 eingenommen wurden (übrigens eine Steigerung um 3 Millionen Euro gegenüber 2019), kamen den Pfarren und den pastoralen Aufgaben zugute, wobei der Großteil (404 Millionen) auf die Personalkosten für die 8.150 Priester und Laien im diözesanen Dienst entfiel.

Davon habe auch das Kirchenvolk etwas, meint Beranek: "Bei allen mühsamen Seiten, die die Kirche auch hat, erlebe ich sie als Gemeinschaft von Menschen, die mich darin bestärken, dieser Gegenwart, dieser Kraft, dieser Faszination des Jesus von Nazareth in meinem Leben auf die Spur zu kommen und in dieser Spur zu bleiben." Gerade in der Corona-Zeit hat er die Erfahrung gemacht: "Um meinen Glauben zu leben, brauche ich auch andere Menschen."

"Kirche radikal neu verstehen"

Was treibt die Katholiken eigentlich abseits der Pandemie um? Geht man nach Schlagzeilen in Medien, sind das Missbrauch, Sexuallehre, Zölibat und Frauenpriestertum. "Das sind natürlich Themen, die ganz viele beschäftigen", sagt der Pastoralamtsleiter. "Das ist so etwas wie der Schutt, der darüber liegt und den Blick verstellt. Da ist auch momentan ganz viel in Bewegung und in Diskussion." Beranek vermutet allerdings darunter eine ganz andere Frage: "Wie funktioniert der Glaube in meinem Alltag? Wie kann er dazu beitragen, meine Welt zu transformieren? Wie geht das heute, als Kirche in der Gesellschaft wirksam zu werden?" Manchmal stehe sich die Kirche auch selbst im Weg, und gebe es "einen gewissen Rückstau".

Neue Ansätze sucht Kimmel im Auftrag des Erzbischofs mit einem Gemeinde-Start-up in Wien-Ottakring (Yppenplatz 4): "Es geht nicht darum, eine neue Pfarre oder gar eine neue Kirche zu gründen, sondern ich möchte wie Paulus vor zweitausend Jahren dorthin gehen, wo Menschen sind, die überhaupt nichts mit Jesus und dem Evangelium anfangen können, und schauen, ob sie das, was wir in uns tragen, interessiert. In die Kirche kommt ja fast niemand mehr, oder fast nur noch ältere Menschen." Jetzt gehe es darum, um ein aktuelles Bild zum Klimawandel zu zeichnen, in einer Art Aufforstung aus einer Monokultur einen Mischwald zu pflanzen, so Kimmel. Dazu gehöre auch, das alte Pfarrsystem nicht kahlzuschlagen, aber neue Formen zu finden. "Wir stehen an einem Kipppunkt, der erfordert, dass wir Kirche wirklich radikal neu verstehen. Wir haben ein jahrhundertealtes Erbe am Buckel. Aus der Kiste kommt man nicht so leicht raus."

Um die Rettung dieses Erbes geht es Kimmel dabei gar nicht so sehr: "Wir sind nicht für die Kirche da, sondern für die Welt. Wir als Christen sind aufgefordert, in die Welt zu gehen und dorthin die Hoffnung zu tragen, die uns erfüllt. Ob das die Kirche stärkt, ist eigentlich schnurzegal. In erster Linie möchte ich, dass Menschen ein Leben in Fülle und in Freude auf dieser Welt leben können. Und angesichts der vielen Dystopien, die auf dieser Welt herumgeistern, ist das eine Botschaft, auf die viele warten." Und Kimmel zitiert den früheren Pariser Erzbischof Jean-Marie Lustiger: "Die große Zeit des Christentums kommt erst."