Wie bringt man junge Menschen (wieder) in die Kirche? Nicht unbedingt ins Gotteshaus, aber zumindest in die Gemeinschaft der Gläubigen? Diese Frage beschäftigt die Katholische Kirche nach zwei Jahren Pandemie, in denen vieles an Jugendarbeit verunmöglicht wurde, besonders. Und seit Osterdienstag ist sie Anlass für eine große Aktion, die österreichweit in allen zehn Diözesen und allen Bereichen der Kirche begonnen hat: "Denk dich neu" ist das Motto der Kampagne, die nicht bloß Werbung für die Katholische Kirche machen, sondern in die Tiefe gehen soll.

"Es geht um eine Begegnung mit jungen Erwachsenen, deren Lebenssituation den Grundstock bilden sollen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Es gab schon davor viele verschiedene Ansätze, Jugendliche anzusprechen, aber diesmal sind wirklich alle mit dabei und wurden möglichst viele Kräfte gebündelt", erläutert Lucia Greiner, Seelsorgeamtsleiterin der Erzdiözese Salzburg und Mitglied der siebenköpfigen Steuerungsgruppe, die so bunt gemischt besetzt ist wie die verschiedenen Bereiche der Kirche, die in das Projekt involviert sind: Die diversen Seelsorge-, Pastoral- und Schulämter sind ebenso beteiligt wie die Young Caritas, das Canisiuswerk, natürlich die Katholische Jugend oder auch die Kirchenbeitragsstellen, die ja schon lange damit befasst sind, Ausgetretene wieder zurückzuholen zu versuchen. Wobei es diesmal in erster Linie darum geht, Fernstehende anzusprechen, die bisher wenig bis nichts mit der Kirche am Hut haben. "Der Papst hat gesagt, die Kirche soll an die Ränder gehen – das tun wir jetzt auch", erklärt Jugendbischof Stephan Turnovsky. "Es ist das Wesen der Kirche, mit Menschen in Kontakt zu treten, das hat schon Jesus getan."

Im Linzer Mariendom wird wieder ein "Escape Room" eingerichtet. 
- © Diözese Linz / Appenzeller

Im Linzer Mariendom wird wieder ein "Escape Room" eingerichtet.

- © Diözese Linz / Appenzeller

Von "Walk-on-Water-Challenge" bis Festivalseelsorge

Nur dass die Zielgruppe in diesem Fall recht eng gefasst ist: Konkret geht es um die 18- bis 25-Jährigen. Den Verantwortlichen ist klar, dass es "die Jugend" nicht gibt. "Das ist keine homogene Gruppe, deshalb versuchen wir auch das Milieuspezifische ernst zu nehmen", so Turnovszky. Und die Aktion richtet sich auch nicht an die ganz Jungen, sondern in erster Linie an junge Erwachsene, die dort abgeholt werden sollen, wo sie sind: am Beginn eines neuen Lebensabschnittes – ob sie gerade eine Familie gründen, die Arbeitswelt kennenlernen, Orientierung suchen, womöglich in der ersten Lebenskrise stecken oder die Welt verbessern wollen.

Entsprechend vielfältig sind die Ansätze, erklärt Ela Klein von der Katholischen Jugend. Besonders die "Walk-on-Water-Challenge" hat es ihr angetan: "Da geht es darum, mit selbst gebauten Gehhilfen möglichst weit über das Wasser zu gehen." Die erste findet am 28. Juni im Seebad Breitenbrunn am Neusiedler See statt. Das technisch angehauchte Spaß-Event hat auch noch einen ernsten Hintergrund: "Es kann uns nicht egal sein, wenn Jugendliche sprichwörtlich baden gehen", erklärt Klein. Deshalb wird auch die psychosoziale Hilfe verstärkt. Es wird auch eine Festivalseelsorge bei Nova Rock, Frequency, Woodstock der Blasmusik, Shutdown und Electric Love Festival geben. Und im Linzer Mariendom wird Ende April ein "Escape Room" eröffnet. In einem "Life-Chat" auf www.denkdichneu.at stellen sich montags bis freitags von 19 bis 21 Uhr junge Katholiken und erfahrene Seelsorger Fragen, Ängsten und Sorgen. "Sie haben keine Patentrezepte, aber sie sind einfach da", sagt Klein. Außerdem tourt ein Café-Bike durch Österreich, das fairen Kaffee gegen gute Ideen für ein "gutes Leben für alle" tauscht. Auch diverse Gemeinschaftsgärten werden bepflanzt, hinter der Wiener Votivkirche kann man unter dem Motto "Chill mal, wir schauen drauf" alle seine Sachen abgeben und im Park einfach einmal durchschnaufen, während die Diözese Feldkirch in den Vorarlberger Bergen bei einem "Gipfelschnapserl" nach "Schnapsideen" fragt.

"Das Preis-Leistungs-Verhältnis muss stimmen"

Je niederschwelliger die Angebote, desto besser. Und der Jugendbischof betont, dass die Kirche dabei auch ein bisschen provozieren will – "Wir sind nicht nur eine Wohlfühlkirche" – und sich auch provozieren lässt. Angesprochen auf die jüngste innerkirchliche Debatte über Gott und das Gendern (Stichwort: "Gott+") meint er etwa: "Das wäre doch ein guter Ausgangspunkt für ein theologisches Gespräch." Er stellt jedenfalls klar: "Wir wollen nicht etwas von den jungen Leuten, sondern etwas für sie." Er attestiert gerade den Jugendlichen, dass sie "gesellschaftliche Entwicklungen besonders stark widerspiegeln", was sie zu bevorzugten Ansprechpartnern macht, wenn es auch darum geht, was die Kirche für die Gesellschaft tun und was sie von ihr lernen kann.

Den Startschuss dafür gibt eine Kampagne, die ab sofort analog und digital (www.denkdichneu.at und Social Media) läuft. "Wir stellen hier Fragen zu zentralen Lebensentscheidungen", so Greiner. Es sind bewusst keine Aussagesätze, sondern Möglichkeiten, die ein "oder" verbindet – weil es nicht darum geht, der Jugend etwas aufs Aug zu drücken, sondern sie selbst draufkommen zu lassen, was sie an der Kirche haben kann. "Das Preis-Leistungs-Verhältnis muss stimmen, da sind wir gefragt", meint dazu Jugendbischof Turnovsky, der bei der Präsentation von "Denk dich neu" am Osterdienstag auch nach dem Kirchenbeitrag gefragt wurde, der ja der Anlass vieler Kirchenaustritte ist. Die Kirche will also ihren Mehrwert für die Gesellschaft – insbesondere für die Jungen – beweisen. "Denk dich neu" ist auf drei Jahre ausgelegt. Zu Ostern 2025 wird dann Bilanz gezogen, ob dieser neue Ansatz funktioniert hat.