Im Bereich Kindergesundheit klaffen in Österreich große Versorgungslücken, warnt die Wiener Arbeiterkammer (AK), vor allem angesichts der Zunahme an Entwicklungsstörungen, psychischen und Lebensstilerkrankungen. Behandlungsbedürftige Kinder und ihre Eltern würden oft ergebnislos im Kreis geschickt, und Zeitfenster für Hilfe, zum Beispiel bei Motorik- oder Sprachstörungen, gingen so unwiederbringlich verloren. Die Regierung müsse die Probleme mit einem Aktionsplan angehen.

Vergangenen Juni wurde vom EU-Rat die "Europäische Garantie für Kinder" beschlossen, die den Zugang zu Betreuung, Bildung und gesunder Ernährung sichern soll. Der Nationale Aktionsplan (NAP) dazu sei seit März überfällig, Österreich auch bei diesem Thema wegen mangelhafter Daten "im Blindflug", kritisierte AK-Direktor Christoph Klein bei einer Pressekonferenz in Wien. Die Regierung müsse zur Umsetzung der EU-Kindergarantie einen strukturierten mehrjährigen Plan vorlegen, samt zusätzlicher Mittel. Diese würden sich bald rechnen, denn die Folgen der "ständigen Unterversorgung" in der Kindheit koste den Sozialstaat später "ein Vielfaches".

Die leidtragenden Kinder kämen häufig aus sozial benachteiligten Familien, sagte Sonja Gobara, ärztliche Leiterin des Kinderambulatoriums Sonnenschein und Obfrau der Politischen Kindermedizin. Zudem seien "Eltern und das pädagogische System nach der Pandemie erschöpft", das verschärfe die Probleme noch.

Multiprofessionelle Teams in sozialpädiatrischen Ambulatorien

Kaum ein medizinisches Fach habe sich in der jüngeren Vergangenheit so gewandelt wie die Pädiatrie, so Gobara. Für die neuen Krankheitsbilder seien multiprofessionelle Teams in sozialpädiatrischen Ambulatorien ideal, mit Diagnostik und kinderärztlicher Behandlung, Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie und oft auch noch Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psychotherapie unter einem Dach. Diese seien aber ohne Planung über das Bundesgebiet verstreut und hätten bei weitem nicht die nötigen Kapazitäten. Multidisziplinarität wäre zwar auch möglich, indem Kinderärztinnen und -ärzte ein Primärversorgungszentrum gründen, der Gesetzgeber schließe das aber derzeit aus.

Der Gesundheitskasse sei anzurechnen, dass sie "endlich" Gesamtverträge mit den Berufsgruppen für Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie abgeschlossen hat, sagte Klein. Ein Anspruch per E-Card besteht aber nur, "so lange der Vorrat reicht", sonst muss auf Wahltherapeuten ausgewichen werden. Vom Honorar erstattet werden nur 80 Prozent des Tarifs laut Kassenvertrag - für viele Betroffene eine unüberwindliche finanzielle Hürde.

Die AK Wien stellte Leistungen der damaligen Gebietskrankenkassen (Stand 2015) jenen der deutschen Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) gegenüber. Der Anteil der in Österreich logopädisch bzw. physiotherapeutisch behandelten Kinder und Jugendlichen machte demnach "deutlich weniger als die Hälfte des deutschen Anteils" - 1,8 versus 4,5 Prozent bzw. 2,4 versus 5,2 Prozent - aus, bei der Ergotherapie (0,7 versus drei Prozent) weniger als ein Viertel. In Deutschland erhielten die kleinen Patientinnen und Patienten zudem "mehr als doppelt so viele Ergotherapieeinheiten und fast drei Mal so viele in der Logopädie".

Problem bei der Primärversorgung

Ein weiteres Problem tue sich bei der Primärversorgung auf, warnte Gobara: "Immer weniger Eltern finden einen Kassenkinderarzt." Bundesweit sei ein Viertel der Vertragsstellen unbesetzt, am stärksten betroffen sind laut Kammerangaben Niederösterreich und Wien mit einem Drittel oder mehr an unbesetzten Kinderarztpraxen. Große Bezirke wie Brigittenau oder Penzing (jeweils fast 100.000 Einwohner) haben demnach gerade noch einen Kassenkinderarzt, Städte wie Purkersdorf oder Bad Ischl keinen.

Neben diesen Versorgungsengpässen im Bereich sozialpädiatrischer Ambulatorien, niedergelassener Therapeuten und Kinderärzte mit Kassenvertrag sowie kassenfinanzierter Psychotherapieplätze orteten die Experten noch zahlreiche weitere Probleme. So müsse der NAP für eine bessere Versorgung von Kindern mit Behinderung durch Steh- und Gehhilfen, orthopädische Schuhe oder Rollstühle sorgen. Heute seien Eltern oft "Bittsteller", kritisierte Gobara. (apa)