Sie sind wütend. Gekränkt, sprach- und hilflos - und vor allem traurig. Weil Kinder nach dem Tod einer engen Bezugsperson ihre Gefühle aber anders zeigen als Erwachsene, ist es meist schwierig, ihnen zu helfen. "Kinder springen in die Trauerpfützen hinein und wieder hinaus", sagt dazu Marion Wallner der Trauer-Organisation "Rainbows" Niederösterreich. Von einem Moment auf den anderen könne vor allem bei kleinen Kindern tiefe Traurigkeit zu ausgelassener Fröhlichkeit wechseln und umgekehrt. Und: Sie reden und weinen weniger über den Verstorbenen.

Das bedeute allerdings nicht, dass sie auch weniger trauern. Ganz im Gegenteil. Sie durchleben sehr wohl Gefühle der Sehnsucht, des Schmerzes, der Angst, aber auch der Wut auf das Schicksal oder der Aggression, sagt Wallner im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Jüngeren, deren Welt noch eine magische und egozentrische sei, hätten auch schnell Schuldgefühle.

In der Wortwahl ehrlich und direkt

Das Fatale daran: Die engsten Vertrauenspersonen, denen sich ein Kind in seiner Trauer öffnen könnte, will es primär schonen. Jemand anderem öffnen kann es sich anfangs aber ebenfalls nicht. Daher zieht sich das Kind zurück. Erst nach etwa sechs bis zehn Wochen sei es so weit, sagt Wallner. "Dann sollte es professionelle Trauerbegleitung in Anspruch nehmen."

Wichtig sei, das Kind zu ermutigen, Fragen zum Tod zu stellen - und vor der Wahrheit nicht zurückzuschrecken. "Es gibt absolut keine Wahrheit, die man nicht kindgerecht vermitteln kann", sagt Wallner. Ob es der Suizid des Vaters ist oder der tödliche Sturz der Großmutter. "Wenn ein Kind jahrelang hinters Licht geführt wird, stellt das einen tiefen Vertrauensbruch dar."

Auch in der Wortwahl solle man ehrlich sein und direkt. Ein Verstorbener ist weder auf einer langen Reise noch einfach nur eingeschlafen. Er wacht nie wieder auf. "Ein Kind könnte außerdem Schlafstörungen entwickeln, wenn es das Sterben mit dem Einschlafen in Verbindung bringt", meint Wallner.

Vielmehr gehe es darum, dem Kind zu vermitteln, dass das Herz aufgehört hat, zu schlagen, und zwar für immer. Dass der Körper nicht mehr funktioniert, dadurch aber auch keinen Schmerz mehr spürt, "was das Tröstliche daran sein kann". Wesentlich sei auch die Botschaft, dass alle vom Tod betroffen sein können, also Tiere genauso wie Pflanzen. Und: Dass es für jeden Tod eine Ursache gibt wie Krankheit, Unfall oder Gewalt.

Fotos vom Leichnam machen

Schon bevor man in der Familie mit einem Todesfall konfrontiert ist, sollte man laut Wallner die Leblosigkeit des Körpers zum Beispiel an einem toten Tier zeigen und thematisieren. Ist dann tatsächlich ein Familienmitglied gestorben und die Leiche aufgebahrt, sollte sich auch das Kind verabschieden dürfen - nachdem man es darauf vorbereitet hat und falls es das möchte. "Wir Menschen haben das Bedürfnis, uns zu verabschieden", so Wallner, "und wir brauchen diese Wahrnehmung, um die Lücke zwischen Leben und Tod auch kognitiv zu schließen." Ist ein Kind noch nicht so weit und möchte den Verstorbenen nicht sehen, so sollte man Fotos machen, meint Wallner. "Für später."

Aber auch dadurch, dass die meisten im Spital und nicht mehr zuhause sterben, sei eine Verabschiedung oft nicht mehr möglich. "Die sinnliche Wahrnehmung des Todes ist daher generell nicht mehr so einfach", sagt Wallner. Das erschwere das Loslassen -nicht nur für die Kinder.