God of War" ist einer dieser Titel, die in keiner gut sortierten Gaming-Bibliothek fehlen sollten. Die Serie ist so etwas wie ein Teil des Kanons der Weltspielkultur; das, was Michel Houellebecq oder John Grisham derzeit in der Literatur sind. Von Inhalt über Spielbarkeit und Unterhaltungswert bis hin zu Grafik und Musik ist auch der neueste Teil, "Ragnarök", in allen Kategorien überragend.

Das Leben als alleinerziehender Vater kann ganz schön herausfordernd sein. Vor allem dann, wenn man ein göttermordender Schlächter ist, der auch vor Patrizid nicht Halt macht. Da stellt sich schon von Anfang an die Frage, ob man als Vorbild für den Sohnemann herhalten möchte. Kratos wollte diese Rolle jedenfalls nicht erfüllen. Äußerst widerwillig sah er sich gezwungen, den kleinen Atreus unter seine Fittiche zu nehmen, den er nach dem Tod der Mutter am liebsten einfach seinem Schicksal überlassen hätte. Eigentlich wollte es sich der alte Grieche ja im kühlen Norden gemütlich machen, nachdem er dem Olymp - inklusive Vater Zeus - den Garaus gemacht hat.

Nun streift er also gemeinsam mit Atreus durch Skandinavien und versucht, diesem eine ordentliche Erziehung angedeihen zu lassen. Doch das ist gar nicht so einfach; sieht man sich doch unvermittelt mit Gegnern konfrontiert, die einem ans Leder wollen, darunter Odin mit seinem Sohn Thor höchstpersönlich. Zudem schwebt über allem eine Prophezeiung der Auslöschung der nordischen Götter und der Ermordung Kratos’. Während Kratos wortkarg versucht, seinen Sohn aus dem Ganzen rauszuhalten, beginnt dieser auf eigene Faust, die Hintergründe von Ragnarök (dem Untergang der Götter) zu erforschen und Wege zu suchen, um seinen Vater zu retten. Das wiederum goutiert Kratos nicht. Für ein ordentliches Spannungsverhältnis und Autoritätskonflikte ist gesorgt.

Packende Geschichte, richtige Balance

"God of War: Ragnarök" bietet das, was ein Spiel von Haus aus zu einem Siegertitel macht: eine gute Erzählung. Jeder einzelne Charakter ist greifbar, stark und nachvollziehbar. Wenn Atreus heimlich versucht, das zu tun, was er für das Beste hält, ist das genauso glaubwürdig, wie wenn Kratos ihn anbrüllt: "Wie soll ich dir vertrauen, wenn du mich belügst?" Der Titel hat gerade die richtigen Balance. Ist es mehr eine Erzählung oder mehr ein Action-Spiel? Schwer zu sagen. Eine Walküre am Rande des eigenen Todes zu bekämpfen, ist ebenso fesselnd, wie die Erzählung zu verfolgen.

Die Balance zeigt sich aber auch in den Kämpfen selbst. Einerseits entwickeln sich die Fähigkeiten der spielbaren Personen (diesmal wird nicht nur Kratos gesteuert) stets weiter, wodurch dafür gesorgt wird, dass man nicht zig Stunden lang immer dieselben Knöpfe und Kombinationen drücken muss. Andererseits halten sich die verschiedenen Möglichkeiten in Grenzen, sodass der Durchschnittsspieler nicht von hunderten Kombos und Knopfdrückreihenfolgen überfordert wird.

Hinzu kommt noch eine Portion Selbstironie. Um seine Ausrüstung zu verbessern, muss der Spieler herumstehende Vasen, Kisten und Särge plündern, die die nötigen Utensilien enthalten. Das ist Teil dieses Spieles und vieler anderer. Etwas, das man meist macht, ohne es groß zu hinterfragen. Ist man also als Kratos mit dem Filius und einem frisch geretteten Riesen unterwegs, kann sich Letzterer schon einmal wundern, warum in irgendwelche Totenkisten gegriffen wird, wenn man doch eigentlich der dringlichen Hauptmission nachgehen sollte. "Was macht dein Vater da?" Antwort: "Er plündert Särge. Das macht er gerne."

Erzählungen, Kämpfe und zu lösende Rätsel sind so austariert, dass man praktisch nie Gefahr läuft, sich durch Monotonie zu langweilen. Zusätzliche Zerstreuung erhält man bei "God of War: Ragnarök" durch die Steuerung der unterschiedlichen Charaktere. Einmal ist man alleine als Kratos unterwegs - was in der Regel harte Kampfarbeit bedeutet -, dann wieder gemeinsam mit Atreus oder jemand anderem. Oder man schließt ein Kapitel nur mit Atreus ab - was üblicherweise entspannend leichtes Gegnermetzeln bedeutet. Im jugendlichen Alleingang wird man dann auch einmal zur plündernden Angewohnheit gefragt: "Warum machst du das?" Die gestammelte Antwort: "Ja, also, mein Vater . . ."

Unterm Strich bietet "God of War: Ragnarök" alles, was das Gamer-Herz begehrt: eine gue Erzählung, Witz, fordernde Kämpfe, knifflige Rätsel und einen nie abreißenden Spannungsbogen. Die Spielwelt ist nicht nur groß, sondern auch unglaublich schön. Fast schon müßig ist es da, die herausragende Grafik zu erwähnen, die bei Playstation-Exklusivtiteln fast schon vorausgesetzt wird. Gewohnt bestechend - wenn auch Geschmackssache - ist der Soundtrack von Bear McCreary, der schon die Musik für den Vorgänger "God of War" komponiert hat, ebenso für die Fernsehserien "The Walking Dead" und "Battlestar Galactica".