Knapp vor dem Jahreswechsel hat Greenpeace Österreich eine Umweltbilanz für 2022 gezogen. Für einen wirklich positiven Abschluss konnten die Ereignisse dieses Jahres nicht sorgen, denn laut Aussendung der NGO am Mittwoch dominierte die weltweite Zerstörung des Planeten durch Abholzung, Umweltkatastrophen und die voranschreitende Klimakrise weiterhin. Jedoch gibt es auch Lichtblicke, nicht jedoch für den Amazonas, der sich bei den Verlierern fand.

"Die Zerstörung des Planeten und damit unserer Lebensgrundlage schreitet in rasendem Tempo voran. 2022 war geprägt von nie da gewesener Waldzerstörung, Umweltkatastrophen und einem Massensterben von Tierarten. Die gravierenden Auswirkungen der Klimakrise - Überflutungen, Stürme, Trockenheit - waren weltweit spürbar", wurde Lisa Panhuber, Sprecherin der NGO, zu den negativen Aspekten zitiert.

3.988 Quadratkilometer Regenwald zerstört

Was den Amazonas betrifft, so wurde auf das brasilianische Institut für Weltraumforschung INPE verwiesen. INPE berichtet, dass in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres 3.988 Quadratkilometer Regenwald zerstört wurden - das entspricht der Fläche des Burgenlandes. Das sind die höchsten Abholzungsraten, die seit Beginn der Aufzeichnungen berechnet wurden. Der Amazonas beheimatet indigene und traditionelle Gemeinschaften, ist Lebensraum von seltenen Tier- und Pflanzenarten und die grüne Lunge unseres Planeten, warnte Greenpeace.

In Europa starben im August in der fast 900 Kilometer langen Oder aufgrund einer Umweltkatastrophe etwa die Hälfte der in dem Fluss lebenden Fische. Ein aktueller Report von Greenpeace macht Salzeinleitungen der polnischen Bergbauindustrie für die verheerenden Schäden verantwortlich. Das Artensterben insgesamt geht weiter voran und viele Ökosysteme weltweit stehen massiv unter Stress, jeden Tag sterben etwa 150 Pflanzen- und Tierarten aus, eine Million Arten sind insgesamt vom Aussterben bedroht, erinnerte die NGO.

Bereits im Jänner 2022 führte ein Tsunami dazu, dass beim Ausladen eines Öltankers in Peru fast 1,9 Millionen Liter Rohöl ausliefen, rund 1.400 Hektar Meer, Strände und Naturreservate wurden infolge verschmutzt und die Regierung rief den Umwelt-Notstand aus. Auch dieses Ereignis ist nur ein Extrembeispiel, abseits der enormen Umweltschäden und der gesundheitlichen Folgen zerstören Ölunfälle auch oft die finanzielle Lebensgrundlage der Menschen, da sie Landwirtschaft, Jagd oder Fischerei unmöglich machen, stellte die Umweltschutzorganisation fest.

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine führt zu enormem menschlichen Leid, die Auswirkungen des Krieges auf die Umwelt werden die Gesundheit der Bevölkerung noch über Jahrzehnte bedrohen. Aufgrund der Zerstörung von Industrieanlagen treten in vielen Regionen der Ukraine seit Beginn des Kriegs giftige Chemikalien in die Umwelt aus, schrieb die NGO. Trinkwasser und Luft wurden infolge verschmutzt und Gewässer an vielen Orten kontaminiert.

Mitten in der Klimakrise

2022 lehrte uns zudem, dass wir bereits mitten in der Klimakrise stecken, Forscher seien sich hier einig und Pakistan bekam die Auswirkungen heuer besonders drastisch zu spüren. Ein Drittel der Landesfläche wurde im Zuge der großen Flutkatastrophe unter Wasser gesetzt. 33 Millionen Menschen waren von den Auswirkungen betroffen, über 1.500 Menschen starben. Die Schäden werden laut Greenpeace auf über zehn Milliarden US-Dollar geschätzt.

Wichtiger Schritt für Schutz der Wälder

Die Umweltbilanz von Greenpeace Österreich zeigt  auch einige Lichtblicke auf. "Mit dem EU-Waldschutzgesetz wurde ein wichtiger Schritt für den Schutz unserer Wälder gemacht. Außerdem konnte eine Ölkatastrophe im Roten Meer verhindert werden", nannte die Sprecherin der NGO, Lisa Panhuber, am Mittwoch zwei der positiven Aspekte.

Nach jahrelangem Ringen haben sich das EU-Parlament, die EU-Kommission und der EU-Rat im Dezember 2022 doch noch auf eine EU-Verordnung über waldzerstörungsfreie Produkte und Lieferketten geeinigt. Das EU-Waldschutzgesetz gilt für Soja, Palmöl, Rindfleisch, wichtige Holz- und Papierprodukte sowie Kaffee, Kakao und Kautschuk. Um Korruption und Intransparenz in den Lieferketten entgegenzuwirken, müssen die Produkte bis zum Ort der Herstellung zurückverfolgbar sein. Die Verordnung ist die erste weltweit, die gegen globale Entwaldung vorgeht. Sie kann in den nächsten Jahren einen entscheidenden Beitrag gegen die weltweite Abholzung leisten, hofft Greenpeace, da die EU doch aktuell 36 Prozent aller landwirtschaftlichen und tierischen Güter aus globaler Waldzerstörung importieren würde.

Ebenfalls positiv aufgefallen ist der NGO der norwegische Ölkonzern Equinor, der laut Greenpeace seine Pläne, die nördlichsten Ölbohrungen der Welt durchzuführen, zurückgezogen hat. Der Rückzug bedeute, dass 200 Millionen Tonnen CO2 im Boden bleiben, ein Vielfaches der Gesamtemissionen Norwegens. Um die schlimmsten Auswirkungen der Klimakrise zu verhindern, hat die EU das Ziel, die Emissionen bis 2030 um 55 Prozent zu reduzieren, erinnerte die NGO. Das bedeute auch, dass ein Großteil der im Boden schlummernden Öl-und Gasreserven nicht verbrannt werden darf.

Ölkatastrophe im Roten Meer verhindert

Verhindert wurde auch eine Ölkatastrophe im Roten Meer, die von über 140.000 Tonnen Öl drohte, die seit Jahren in dem veralteten Öltanker "FSO Safer" vor der Küste Jemens lagern. Der Tanker droht aufgrund seines Alters und der mangelnden Wartung auseinanderzubrechen oder sogar zu explodieren - mit verheerenden Folgen für Menschen und die örtliche maritime Artenvielfalt. Nach jahrelangem Bangen kam im September 2022 endlich die Zusage für die Finanzierung der Rettungsaktion durch die Vereinten Nationen. Die Vorbereitungen zur Bergung des Tankers laufen nun an.

90 Prozent der globalen Fischbestände sind bereits überfischt oder bis an die Grenzen befischt. Die industrielle Fischerei setzt oft auf Grundschleppnetze, die den Meeresboden umpflügen und wertvolle Ökosysteme wie Tiefsee-Korallenwälder innerhalb von Sekunden zerstören. Zudem führen die Netze zu einer hohen Beifangquote von Tieren wie Delfinen, Schildkröten oder Meeresvögeln. Die gute Nachricht: Seit Sommer 2022 sind Grundschleppnetze in vier Schutzgebieten in Großbritannien verboten. Ein erster wichtiger Schritt, doch Greenpeace fordert, dass dieses Verbot auf zahlreiche weitere Gebiete ausgeweitet wird.

Im August 2022 ist der Inflation Reduction Act (IRA) in den USA in Kraft getreten. Damit sollen Investitionen in Höhe von 396 Milliarden US-Dollar in Projekte für Erneuerbare Energie getätigt werden. Die USA belegen derzeit beim CO2-Ausstoß im globalen Vergleich nach China den zweiten Platz, damit ist eine solche Gesetzgebung weltweit relevant. Auch wenn es einzigartig ist, weist das Gesetz aus Sicht der NGO noch große Lücken auf: Es stellt auch Mittel für Investitionen in Scheinlösungen und weitere Gas- und Ölexplorationen bereit.

Doch damit uns der Kampf gegen die Klimakrise noch gelingt, bräuchte es 2023 mehr denn je wirksame und mutige Gesetze und Maßnahmen. Politik und Konzerne sollten hier die übernehmen, forderte die NGO abschließend. (apa)