Stuttgart. Der erhoffte Friede in Stuttgart bleibt aus. Mehrere hundert Gegner des umstrittenen Bahnhofsprojektes Stuttgart 21 haben nach der traditionellen "Montagsdemonstration" eine Baustelle gestürmt und dabei neun Polizisten verletzt. Einer davon wurde schwer verletzt, als er einen Demonstranten kontrollieren wollte, der zuvor eine Sachbeschädigung begangen hatte. Der Zivilbeamte wurde mit Kopf- und Gesichtsverletzungen ins Krankenhaus gebracht. Acht weitere Polizisten erlitten ein Knalltrauma, nachdem eine selbst gefertigte Knallbombe nahe der Polizeikette gezündet worden war. Auch sie mussten im Spital behandelt werden.

Laut Polizei haben die Demonstranten auch Baufahrzeuge beschädigt und Baumaterial zerstört. Die Demonstranten seien dabei mit "brachialer Gewalt" vorgegangen, sagte ein Polizeisprecher. Den Bauzaun hätten sie auf einer Länge von rund 200 Metern niedergerissen. Einige Aktivisten besetzten auch die Wassertanks und das Dach einer Baustellenhalle. Sie verließen erst nach drei Stunden ihre Positionen. Der Polizei zufolge wurden die Ausschreitungen von hoher Aggression, feindseliger Stimmung und großer Emotionalität getragen. Zuvor hatten 3000 Menschen noch friedlich gegen das 4,1 Milliarden Euro teure Bahnvorhaben demonstriert.

"Verspielen Sympathie"


Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) forderte die Stuttgart-21-Gegner auf, zu gewaltfreien und zivilen Formen des Protestes zurückzukehren. "Gewalttätige Angriffe einzelner Demonstranten auf Polizeibeamte gehören nicht dazu", sagte er noch in der Nacht auf Dienstag. Damit verspiele man die Sympathien bei den Menschen, die aus guten Gründen das Milliarden-Bahnprojekt ablehnen. "Gewalt schadet nicht Stuttgart 21, sondern dem Protest dagegen", fügte der Minister, der ein leidenschaftlicher Stuttgart-21-Gegner ist, hinzu. Auch der Sprecher für das Projekt, Wolfgang Dietrich, kritisierte die Ausschreitungen scharf. "Nach meinem ersten Eindruck handelt es sich hier nicht mehr um zivilen Ungehorsam oder Recht auf Demonstration. Das ist schlicht und einfach kriminell", sagte Dietrich.

Die Bahn hatte vor kurzem die Bauarbeiten an dem umstrittenen Projekt nach zweimonatiger Pause wieder aufgenommen. Der Baustopp war wegen des baden-württembergischen Landtagswahlkampfs und der Bildung der neuen grün-roten Landesregierung verhängt worden. Die von Grün-Rot gewünschte Aussetzung der Bauarbeiten bis zu einer Volksbefragung über das Projekt im Oktober lehnte die Bahn wegen angeblich dadurch entstehender Kosten in Höhe von 410 Millionen Euro ab. Bei dem heftig umstrittenen Projekt soll der Stuttgarter Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation umgebaut werden.