Trauerarbeit: Unmittelbar nach dem Massaker haben die überlebenden Bewohner der 200-Seelen-Gemeinde Bilge mit dem Ausheben von Gräbern begonnen. Foto: ap
Trauerarbeit: Unmittelbar nach dem Massaker haben die überlebenden Bewohner der 200-Seelen-Gemeinde Bilge mit dem Ausheben von Gräbern begonnen. Foto: ap

Wenige Stunden später war jeder vierte Dorfbewohner tot. Mehrere maskierte Männer hatten das Gebäude gestürmt, bewaffnet mit automatischen Gewehren und Handgranaten. Sie schossen in die Hochzeitsgesellschaft und ermordeten 44 Menschen. Darunter waren die künftige Braut und ihr Verlobter, der Imam, sechs Kinder und 15 weitere Frauen. Zwei Mädchen hätten überlebt, weil die Körper von erschossenen Freunden auf sie gefallen waren, sagte der Bürgermeister von Mardin, Mehmet Ayanoglu.

Die Polizei nahm am Dienstag acht Verdächtige fest. Ein Terroranschlag werde ausgeschlossen, erklärte Innenminister Besir Atalay. Aller Wahrscheinlichkeit nach habe es sich um eine Familienfehde gehandelt. Der Nachrichtensender CNN-Türk berichtete, dass einer der Täter die künftige Braut selbst heiraten wollte. Es soll zudem familiäre Verbindungen zwischen den Mördern und dem getöteten Paar geben.

Eine Region unter Waffen

Das Massaker von Bilge mag zwar besonders blutig gewesen sein, eine Ausnahme stellt es aber im Grunde nicht dar. Familienfehde, Blutrache, Ehrenmord - diese Handlungsmuster sind im Osten der Türkei älter als die vor Jahrhunderten erbauten Sandsteinhäuser von Mardin. Dabei gilt nicht das Recht des Staates, sondern das Gesetz der Familien. Streitigkeiten werden nicht vor Gericht, sondern untereinander ausgetragen. Und im schlimmsten Fall werden Rechnungen mit Blut beglichen.

Der Begriff der Schande spielt dabei eine große Rolle. Manchmal reicht schon das Gerücht, dass sich die unverheiratete Tochter mit einem Mann trifft, und schon ist die Familie entehrt. Der Vater muss rasch handeln, andernfalls schauen die anderen im Dorf auf ihn herab, kaufen ihm kein Schaf mehr ab. Das Mädchen muss so schnell wie möglich verheiratet werden, um die Familienehre wiederherzustellen. Manchmal geht es auch um verletzten Stolz. Ein Dorfbewohner ärgert sich etwa, dass auf seinem Feld immer die Tiere des Nachbarn weiden. Der mehrmals zur Rede gestellte Nachbar lacht nur. Der Mann, der seine Landrechte verletzt sieht, ist zutiefst beleidigt und erschlägt seinen Nachbarn. Dessen Sohn sühnt die Tat und ersticht den Sohn des anderen.

So kann eine Familienfehde entstehen, die auch jahrzehntelange Feindseligkeiten mit sich bringt - bis durch Verhandlungen oder eine Heirat wieder Frieden hergestellt wird.

Zu den Familienfehden der Clans, die noch tief in alten feudalen Strukturen mit ihren strengen Hierarchien verwurzelt sind, kamen mit der Zeit moderne Waffen hinzu. Wurden Ehrenmorde früher mit Steinen und Messern ausgeführt, sind es nun Gewehre. Die Gegend um Mardin, Diyarbakir, Van, unweit der syrischen, irakischen, iranischen Grenze ist voller Waffen. Hier lieferten sich die türkische Armee und Mitglieder der als Terrororganisation eingestuften kurdischen Arbeiterpartei PKK Gefechte, die tausende Tote forderten. Hier stattete das Militär selbst ausgesuchte Dorfbewohner mit Waffen aus.

Die sogenannten Dorfwächter sollten ihren Ort vor PKK-Angriffen schützen - und vor allem alles Verdächtige melden. Besonders in den 1990er Jahren rekrutierte die Armee zehntausende Dorfwächter, die oft kaum mehr als einen Volksschulabschluss besaßen, sich aber mit dem neuen Gewehr mächtig fühlten. Auf die Weise kamen in die Dörfer Südostanatoliens immer mehr Waffen. Mit ihnen rotteten ein paar Männer jetzt ein Viertel des Dorfes Bilge aus.