Stockholm. Der Name ist Programm: Im "Egalia"-Kindergarten, zu Deutsch "Gleichheitskindergarten" in Stockholm will man Kinder aller Geschlechter gleich behandeln. Das geht sogar so weit, dass die Pronomen "seines" oder "ihres" verbannt wurden, die Kinder nur noch als "friends" abgesprochen werden und selbst bei der Anordnungen des Spielzeugs nichts dem Zufall überlassen wird: Neben der Spielzeugküche werden Lego-Steine platziert, um keine Barrieren zwischen Kochen und Bauen herzustellen.

Mutter, Mutter, Kind
In den Kinderbüchern gibt es nicht nur die klassische Vater-Mutter-Kind Konstellation, sondern auch "untypische" Familien wie homosexuelle Paare, alleinerziehende Eltern oder adoptierte Kinder. Man wolle weg von Stereotypen à la  "Aschenputtel"  oder "Schneewittchen", sagt Direktorin Lotta Rajalin und meint: "Die Streitereien beim Vater-Mutter-Kind-Spielen sind vorbei. Denn auch wenn schon jemand die Rolle der Mutter übernommen hat, kann es natürlich auch eine zweite Mutter geben."

Geschlechtsunspezifische Wortkreation
Schweden ist in Europa ein Vorreiter in Sachen Gleichberechtigung und Toleranz. Es war eines der ersten Ländern, in dem homosexuelle Partnerschaften legalisiert wurden und ihnen erlaubt wurde, Kinder zu adoptieren. Die Rechte der Frauen und Emanzipation waren in Schweden schon früh ein Thema. Andererseits ist Egalia auch für Schweden außergewöhnlich. Die Abschaffung der Pronomen "seines" oder "ihres" beziehungsweise im Schwedischen "han" und "hon" ist aber nur der Anfang. Stattdessen wird das erfundene Wort "hen" verwendet, welches vor allem in der Schwulen- und Lesbenszene ein Begriff ist. Rajalin sagt: "Wenn wir sagen 'Hen kommt um 14 Uhr vorbei', dann können sich die Kinder entweder einen Mann oder eine Frau vorstellen."

Egalia ist einer der ersten schwedischen Kindergärten dieser Art und wurde letztes Jahr in dem liberalen Bezirk "Södermalm" in Stockholm gegründet. Ein- bis Sechsjährige sollen hier von Kindesbeinen an lernen, keine Vorurteile gegenüber anderen zu haben. "Die Gesellschaft erwartet von Mädchen, mädchenhaft, nett und hübsch zu sein und von Buben, dass sie männlich, markant und aufgeschlossen sind", meint Jenny Johnsson, eine Lehrerin des Kindergartens. "Egalia gibt unseren Kindern die fantastische Möglichkeit, das zu sein, was sie sein wollen." Dafür werden dem Lehrpersonal eigene "Gender-Pädagogen" zur Seite gestellt, um Basiswissen zur Vermittlung "genderloser Inhalte" zu lehren.

Die Maßnahmen sind nicht unumstritten
Immer mehr schwedische Bildungsstätten folgen diesem Trend - und beunruhigen damit einige Eltern, die in Frage stellen, ob ihre Kinder dadurch für die Welt außerhalb des Kindergartens gewappnet sind. Auch Tanja Bergkvist, eine 37-jährige Bloggerin und Gegnerin des "Genderwahnsinns" meint: "Verschiedene Geschlechterrollen sind keineswegs problematisch solange sie angemessen geschätzt werden." Die Verwendung männlich besetzter Spielzeuge wie Schwerter könnte bald abgelehnt werden und zur "Abschwächung der Männlichkeit" führen, befürchtet wiederrum Jay Belsky. Der Kinderpsychologe an der University of California ist ebenfalls Gegner der neuen Lehrmethoden.

Die Methoden von Egalia sind so umstritten, dass die Lehrbeauftragten Morddrohungen bekamen weil die Kinder mit afro-amerikanischen Puppen spielten, berichtet die Direktorin Rajalin. Davon lassen sich Paare wie Jukka Korpi, 44, und seine Frau nicht abschrecken: " Wir haben Egalia ganz bewusst gewählt um unseren Kindern die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu finden." Auch die Wartlisten für die Aufnahme in Egalia sprechen für sich.

Es wird aber betont, dass Egalia keineswegs das biologische Geschlecht ablehne. "Die Kinder sollen nur wissen, dass Mädchen und Buben die gleichen Interessen und Fähigkeiten haben, auch wenn ihre biologischen Geschlechter verschieden sind." Es gehe um Demokratie und Gleichberechtigung, so die Direktorin.
(WZ online/Associated Press)