"Wiener Zeitung": Wie erklären Sie Zoobesuchern ihre Abneigung gegenüber der Einrichtung Tiergarten?

Erich Goschler: Es ist sehr schwierig das rüberzubringen. Wir waren alle als Kinder im Tiergarten und dadurch sind Zoos in den Köpfen aller Menschen irgendwie positiv besetzt. Kaum jemand zerbricht sich den Kopf, wie es den Tieren drinnen wirklich geht. Das macht uns die Arbeit bei diesem Thema sehr schwer, im Gegensatz zu anderen Themen wie Massentierhaltung oder Tiertransporte. Bei den Zootieren müssen wir sehr viel Aufklärungsarbeit betreiben, damit die Leute überhaupt anfangen, darüber nachzudenken. Das liegt aber zu einem guten Teil auch daran, dass die Tiergärten - allen voran Schönbrunn - massiv Werbung betreiben.

"Wiener Zeitung": Es gibt aber Argumente von Zoobetreibern, die vernünftig klingen. Etwa jenes, dass Kinder, die die Tiere direkt "erfahren", sich später stärker für ihren Schutz einsetzen.

Goschler: Man kann jedes Argument, dass die Zooleute bringen, entkräften. Sie sagen immer, nur was man kennt, das liebt man und schützt man auch. Das klingt ja sehr gut, aber es stimmt nicht. Ich kenne ein sehr schönes Gegenbeispiel: Es gibt nirgendwo so viele Delphinarien wie in Japan und nirgendwo wird soviel Delphinfleisch gegessen. Also wo bleibt da die Tierliebe?

"Wiener Zeitung": Wie sieht es mit dem Argument der Arterhaltung aus?

Goschler: Das ist reiner Etikettenschwindel. Eine Art zu erhalten, macht nur dann Sinn, wenn es auch noch den Lebensraum in der Natur gibt. Eine Art zu erhalten, nur damit man sie vielleicht in zehn Generationen noch im Zoo sehen kann, ist unsinnig und Tierquälerei.

"Wiener Zeitung": Ist es dann besser, die Art gleich aussterben zu lassen?

Goschler: Ja, absolut. Es gibt auch aufgeschlossene Zoodirektoren, wie jenen des Münchner Zoos, der sagt, den Sibirischen Tiger weiter zu züchten, macht keinen Sinn, weil es den Lebensraum für ihn nicht gibt und man ihn nicht mehr auswildern kann. Er wird bei uns nur mehr nachgezüchtet, damit man ihn herzeigen und damit Geld machen kann.

"Wiener Zeitung": Kann das den Zoos in einer materiell bestimmten Zeit wie der heutigen wirklich zum Vorwurf gemacht werden?

Goschler: Ja, es ist wirklich schlimm. Für mich ist es eine schlimmere Tierquälerei als ein Massentiertransport. Denn die Armen dabei haben es nach längstens zwei Tagen überstanden, während ein Tier im Zoo 20, 30, 40 Jahre sitzt und darunter leidet.

"Wiener Zeitung": Wenn ein Tier im Zoo geboren ist und nichts anderes kennt?

Goschler: Auch ein Argument, das immer wieder gebracht wird. Das ändert aber gar nichts daran, dass ein Tier von Natur aus einen Freiheitsdrang hat. Ein im Zoo geborenes Tier leidet genauso. Man sieht es ja auch an den Verhaltenstörungen. Man kann ruhig sagen: Die Tiere werden im Zoo früher oder später verrückt. Aber sobald ein Tier im Zoo Verhaltenstörungen zeigt, wird es ausgetauscht. Früher war das nicht so, da hat man die Großkatzen mit ihren stereotypen Bewegungen ja noch gesehen. Nur weil man es heute nicht mehr sieht, heißt es nicht, dass es das nicht mehr gibt.

"Wiener Zeitung": Wie sieht es mit dem Auswildern generell aus?

Goschler: Das Auswildern funktioniert fast ausschließlich bei Vögeln, und auch da muss man sagen, dass auf einen ausgewilderten Vogel Hunderte kommen, die dabei draufgehen. Da muss man sich fragen, ob sich das dann rechtfertigen lässt.

"Wiener Zeitung": Hat sich Ihrer Meinung nach bei der Tierhaltung in den Zoos in den letzten Jahren etwas gebessert?

Goschler: Nein, da hat sich überhaupt nichts gebessert. Wenn etwa die Elefanten in Schönbrunn heute ein Gehege von 100 Meter Länge haben und früher hatten sie 40, dann macht das für den Elefanten null Unterschied, denn in der Natur marschiert er bis zu 100 Kilometer am Tag. Das ist nur Fassade, eine Verbesserung der Optik.

"Wiener Zeitung": Zoos gehören generell abgeschafft?

Goschler: Dieser Ansicht sind wir. Sie stellen einen Anachronismus dar. Vor hundert Jahren hat man auch noch Menschen ausgestellt, etwa Kleinwüchsige. Das wäre heute undenkbar und Gleiches sollte eigentlich auch für Tiere gelten. Man sollte aus den Zoos Auffangstationen machen. Für Tiere, denen es noch schlechter geht. Beispielsweise aus Zirkussen, damit könnte man die Zoos noch Jahrzehnte lang füllen.

"Wiener Zeitung": Die Eintrittspreise in manchen Zoos sind ja durchaus hoch. Das stört die Besucher offensichtlich wenig - das Preis-Leistungs-Verhältnis dürfte also stimmen?

Goschler: Also, ich kann einen Zoo nicht aus kaufmännischer Sicht beurteilen. Die Leute akzeptieren die Preise, weil leider jeder sehr gedankenlos in den Zoo geht. Es ist im Grunde reine Geschäftemacherei und mit Lebewesen sollte man keine Geschäfte machen.

"Wiener Zeitung": Halten Sie es für möglich, dass es in absehbarer Zeit keine Tiergärten im heutigen Sinne mehr gibt?

Goschler: Man muss optimistisch sein, und es gibt ja auch gewisse Fortschritte im Tierschutz. Es werden z. B. Wildtiere in den Zirkussen in Österreich bald verboten sein, wie das in anderen Ländern bereits der Fall ist. Ich bin schon zuversichtlich, dass man irgendwann einsehen wird, dass auch Tiere eine Würde haben, die man respektieren muss. Das Anschauen im Zoo ist ja heute wirklich nicht mehr notwendig. Es gibt jeden Tag Tierfilme im Fernsehen, und da sieht man viel besser, wie die Tiere aussehen und wie sich verhalten. Was man im Zoo sieht, ist nur der Körper. Das Geld, das für Tiergärten ausgegeben wird, sollte besser dafür verwendet werden, den Tieren ihren Lebensraum und Biotope zu erhalten. Das wäre viel sinnvoller.