Im Jahr 1827 brachte in Korneuburg die ledige Magd Theresia Parzer ein missgebildetes Kind zur Welt, bei dem das Gehirn nicht vollständig entwickelt war. Das tot geborene Sechsmonatskind wurde nicht, wie üblich, an seinem Geburtsort beigesetzt, sondern nach Wien überbracht. Nach einer Weisung Johann Peter Franks (1745-1821), des vormaligen Direktors des Allgemeinen Krankenhauses, waren derartige "merkwürdige Stücke in Weingeist aufzubewahren" und zu Studienzwecken an das Wiener Pathologische Museum zu senden.

Ärztlicherseits versuchte man sogleich, den Ursachen für die anenzephale Fehlbildung nachzuspüren. Die 25jährige Dienstmagd wurde einer eingehenden Befragung unterzogen, die in einem heute noch erhaltenen Bericht des damaligen Prosektors des AKH, Laurenz Biermayer, dokumentiert ist.

Wie der Schrift des Pathologen zu entnehmen ist, hatte er von der Mutter des Kindes in Erfahrung bringen können, dass diese während ihrer Schwangerschaft sehr häufig in der Kirche gewesen war. Während ihres Gebetes hatte die Magd ihre Augen beständig auf den Erzengel Michael geheftet.

Eigentlich betete Parzer zu einem Marienbildnis, jedoch wurde ihr Blick wie magnetisch von der daneben befindlichen lebensgroßen Engelsfigur angezogen, die in der einen Hand ein Schwert und mit der anderen Hand den am Boden kauernden Satan an einer Kette hielt, den sie mit Füßen trat.

"Diese Erscheinung, und zumahl die Teufelsgestalt", so Biermayer, "machte auf ihren ohnehin aufgeregten Gemütszustand einen heftigen Eindruck". Bei Betrachtung des fehlgebildeten Kindes konstatierte der Pathologe eine "so monströse Bildung der zu beschreibenden Teile, dass sie jener, des aus Holz geformten Teufels, der (nach Aussage der Mutter) ihr von dieser Zeit an nicht mehr ausser Gedächtniss kam, in vielem ähnlich war."

In der frühen Neuzeit war es keineswegs abwegig, Missgeburten solcherart zu erklären. In den vorangegangenen "Wiener Museumsstücken" haben wir bereits erläutert, dass nach aristotelischer Lehre beim Zeugungsakt dem männlichen Samen ein formendes Prinzip inhärent war. Der männliche Samen war dieser Auffassung zufolge grundsätzlich darauf ausgerichtet, das Abbild des Vaters zu generieren; die Zeugung wird also weitgehend als eine Übertragung des Bildes vom Mann auf die Frau verstanden. Aus diesem Grunde war zu dieser Zeit ein Verständnis der Schwängerung als "Ein-Bildung" gegeben.