In eben der gleicher Weise, wie der Uterus geeignet war, eine "Ein-Bildung" vermittels des männlichen Samens zu empfangen, konnten diesem nach damaligem Fachverständnis der Ärzte auch andere (ungewollte) Ein-Bildungen zugemittelt werden. Und eine solche ungewollte Ein-Bildung in die Leibesfrucht konnte nach herrschender Lehrmeinung durch das so genannte "Versehen" erfolgen.

Ebenso wie man die Anenzephalie des "Teufels von Korneuburg" durch ein "Versehen" der Magd erklärte, sind in alten medizinischen Traktaten Hunderte von Beispielen angeführt, wie Schwangere durch Imagination angeblich der Leibesfrucht geschadet haben. Einen "Wolfsrachen" erklärte man sich etwa damit, dass die Mutter während ihrer Schwangerschaft von einem Wolf erschreckt wurde. Ebenso befürchtete man Schaden für den heranreifenden Fötus, sofern der Blick einer Schwangeren auf einen missgebildeten Menschen traf. Besonders gefährlich erschien in dieser Hinsicht auch der Anblick von körperbehinderten Menschen, Bettlern und Toten.

Der Schweizer Arzt Fabrizius Hildanus (1560-1634) publizierte mehrere Fälle von Neugeborenen, die wie geschlachtet oder erschossen zur Welt kamen, nachdem ihre Mütter zuvor bei Viehschlachtungen anwesend gewesen oder durch Flintenschüsse erschreckt worden waren. Freilich lässt sich denken, dass gerade in solchen Fällen auch sehr leicht geburtshilfliche Verletzungen mit dem "Versehen" gerechtfertigt werden konnten.

Der Wiener Pathologe Biermayer traf seine Feststellungen über das "Versehen" der Korneuburger Magd zu einem Zeitpunkt, als innerhalb der medizinischen Fachwelt bereits eine lebhafte Diskussion über die schwangerschaftliche Imagination in Gang gekommen war. So etwa hatte bereits der Arzt Jacob August Blondel in seinem 1727 in London erschienenen Traktat "Von der Einbildungskraft der Schwangeren Weiber" die Imaginationslehre und das "Versehen" zurückgewiesen. Jedoch sollte es noch geraume Zeit dauern, bis sich dieses Gedankengut aus den Köpfen der Mediziner verflüchtigt hatte.

In Wien fand selbst noch am Ende des 19. Jahrhunderts in der "Gesellschaft der Ärzte" ein Vortrag statt, bei dem die Möglichkeit des "Versehens" diskutiert wurde. Allerdings wurden auch die letzten derartigen Mutmaßungen wenig später durch eine streng naturwissenschaftliche Forschung zu Fall gebracht. Exakte Experimente mit tierischen Keimen und künstlicher Herbeiführung von Missbildungen bei Tieren brachten damals auch die letzten Anhänger der Imaginationslehre zum Verstummen.

"ALLER ANFANG"

Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde (bis 6. 10.)

Wien VIII, Laudongasse 15-19

Telefon: 01/406-89-05

http://www.volkskundemuseum.at

Geöffnet tägl. (außer Mo) 10 bis 17 Uhr

Eintritt: 4,35 Euro (Ermäßigungen)

PREISFRAGE: Wie lautet der Name des Gebäudes, in dem das Pathologisch-Anatomische Bundesmuseum Wien untergebracht ist?

Unter den Einsendern der richtigen Antwort werden 3 x 2 Eintrittskarten für die Ausstellung "Aller Anfang" verlost.

j.werfring@wienerzeitung.at