"Mit ASS steht uns jetzt in der Migräne-Prophylaxe eine einfache Alternative zu dem Beta-Blocker (Blutdruckmittel, Anm.) Metoprolol zur Verfügung. Beide Medikamente verringern die

Häufigkeit von Anfällen", erklärte Univ.-Prof. Volker Limmroth von der Neurologischen Universitätsklinik in Essen.

Die Ergebnisse seiner Studie sind der erste direkte Beweis, daß die Acetylsalicylsäure eine echte prophylaktische Wirkung bei Migräne besitzt. Bisher gab es darauf nur Hinweise aus der Analyse von

Patientendaten im Nachhinein von Untersuchungen, die sich nicht primär mit diesem Effekt von ASS beschäftigten.

Der Neurologe und seine Co-Autoren erprobten die Präventionsstrategie an 270 Patienten mit durchschnittlich etwa 3,5 mittelschweren bis schweren Migräneattacken pro Monat. Die Hälfte der Probanden

erhielt · ohne daß sie es wußte · pro Tag eine Tablette mit 300 mg ASS, die andere Hälfte bekam pro Tag 200 mg Metoprolol.

Charles Hennekens, Epidemiologe an der Universität in Oxford und an der Universität des US-Bundesstaates Florida: "Bisher gab es eigentlich nur für die Beta-Blocker einen direkten positiven

Wirkungsnachweis für die Migräne-Prophylaxe."

Der US-Wissenschafter hatte mit der sogenannten "Physician's Health Study" an 22.071 amerikanischen Ärzten, die jeden zweiten Tag 325 mg ASS erhalten hatten, 1988 erstmals zeigen können, daß Aspirin

das Risiko eines ersten Herzinfarkts um 44 Prozent senkt.

Im Anschluß entdeckten Hennekens und sein Team aber noch erstaunlicheres: "Wir hatten Fragebögen ausgegeben, in denen auch nach Migräne und anderen Kopfschmerzen gefragt wurde. In der Gruppe jener,

die ASS bekommen hatten, fanden sich sechs Prozent, die von Migräne-Attacken berichteten. In der Gruppe, die kein Aspirin eingenommen hatten, waren es 7,4 Prozent. Das bedeutete eine Reduktion um 21

Prozent."

Bei der ersten direkten Überprüfung der ehemals von Charles Hennekens eher "zufällig" entdeckten Hinweise auf eine Migräne-Prophylaxe-Wirkung von Aspirin wurde der Essener Neurologe Volker Limmroth

jedenfalls mehr als bloß "fündig":

Unter den 135 Patienten, die täglich 300 mg ASS zur Vorbeugung gegen Attacken schluckten, sank die monatliche Rate der Anfälle von ursprünglich durchschnittlich 3,36 auf 2,27.

Bei den Patienten, welche den Beta-Blocker bekommen hatten, reduzierte sich die durchschnittliche Häufigkeit der Migräne-Anfälle von 3,55 auf 1,82. Limmroth: "So können wir ASS in der Migräne-

Prophylaxe zum Beispiel dann einsetzen, wenn es bei den Patienten Ausschlußgründe für die Verwendung des Beta-Blockers gibt."

Die Verringerung der Zahl der Migräne-Anfälle ist aber nur ein Teil der Angelegenheit. Hennekens: "ASS verringert sicher auch die Schwere der Attacken. Für die Migräne-Prophylaxe reicht jene niedrige

Dosierung aus, die auch in der Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall verwendet wird." Das sind in den USA z.B. 80 oder 160 mg pro Tag, in Europa 50 bis 150 mg. Die ganz exakte Dosierung hängt

pragmatisch eher von der Menge ab, die jeweils aufgrund des Maßsystems im "Kinder-" oder "Baby-Aspirin" bzw. den (teilbaren) Aspirin-Tabletten enthalten ist.

Hennekens: "In diesen niedrigen Dosierungen wirkt ASS in der Migräne-Prophylaxe nicht wie das klassische Kopfwehmittel Aspirin in den höheren Dosierungen." Die Schmerzlinderung, die bei der Einnahme

im Akutfall von 500 oder 1.000 mg eintritt, kann es bei 50 oder 100 mg gar nicht geben.

Der US-Wissenschafter: "Wahrscheinlich wirkt ASS hier genauso wie bei der Herzinfarktprophylaxe über die Blutplättchen. Aktivierte Blutplättchen enthalten sehr viel des Nervenbotenstoffs Serotonin.

Der spielt eine Rolle bei der Entstehung der Migräne. ASS verhindert die Aktivierung der Blutplättchen und somit wahrscheinlich die Freisetzung von Serotonin."

Wirkung gegen Migräne,

Infarkt und Schlaganfall

So könnten Migränepatienten in Zukunft von einer derartigen Prophylaxe doppelt profitieren: Weniger Anfälle und gleichzeitig wesentlich weniger Infarkt- und Schlaganfallrisiko.

Neue Erkenntnisse dazu wird es ab dem Jahr 2001 geben. Hennekens: "Da wollen wir die 'Women's Health Study' mit 40.000 Ärztinnen und Krankenschwestern als Probanden abschließen. Die Hälfte von ihnen

nimmt jeden zweiten Tag 100 mg ASS ein." · Die Wirkung des Jahrhundertmedikaments soll auch an Frauen bewiesen werden.