Das Verbrechen hatte seinerzeit ganz Österreich erschüttert: Die elfjährige Gabriele K. war am 3. März 1973 im Akademiepark in Wiener Neustadt einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen.

Die Leiche der Schülerin wurde am Tag nach der Bluttat gefunden. Ihr Körper wies Verletzungen auf, die ihr mit einem ihrer eigenen Bleistifte zugefügt worden waren. Laut am 5. März 1973

veröffentlichtem Obduktionsbericht traf ein Stich unmittelbar das Herz, der Täter mußte noch mehrmals kräftig in die Wunde gestochen haben. Aufgrund äußerer Verletzungen stand fest, daß das Kind

mißbraucht wurde. Der Tod trat der gerichtsmedizinischen Untersuchung zufolge durch Erwürgen ein.

Die in den Zeitungen als "Bleistiftmord" beschriebene Bluttat sorgte aufgrund der grauenhaften Details für großes Aufsehen. Aus der Bevölkerung gingen zahlreiche Hinweise ein, insbesondere, nachdem

eine Zeitung eine hohe Ergreiferprämie ausgelobt hatte. Das Mädchen hatte auf dem Heimweg von der Schule einen beliebten "Abschneider" durch den Park genommen. Doch die Aussagen der "Zeugen" erwiesen

sich später im Prozeß als samt und sonders unbrauchbar.

In die von 15 Kriminalbeamten durchgeführten Erhebungen wurde auch die 30 Mann starke Mannschaft der Wiener Neustädter Polizei eingeschaltet. Die Ermittler standen unter enormem Erfolgsdruck der

Öffentlichkeit und der Medien · und brachte dennoch kein Ergebnis zustande. Tatsächlich unterliefen ihnen massive Fehler. Doch dies blieb unerwähnt, als es endlich gelang, einen Verdächtigen zu

präsentieren: Karl P., einen einfältigen Hilfsarbeiter aus Wiener Neustadt, den seine Umgebung hatte loswerden wollen.

Karl P. schien ein geradezu "idealer Täter", zumal er, quasi zum "Star" der Polizei aufgestiegen, sich sogar zu einem "Geständnis" verleiten ließ (wie dieses zustande kam, zählte in der Folge zu den

zahlreichen Ungeheuerlichkeiten, die in der Hauptverhandlung zur Sprache kamen). Als ihm schließlich dämmerte, daß er danach keineswegs nach Hause gehen, sondern ewig als Mörder dastehen würde, war

es schon zu spät.

Wenngleich: Die Suppe war einfach zu dünn, wie offensichtlich auch der Untersuchungsrichter fand, der lange Zeit hindurch Sachbeweise urgierte. Indes, davon abgesehen, daß Karl P. kein Alibi

beibringen konnte · er dürfte sich zur Tatzeit gar nicht in Wiener Neustadt, sondern in Wien aufgehalten haben ·, fand sich nichts, das für seine Täterschaft sprach. Und obendrein hatte er sein

"Geständnis" längst widerrufen. Derart vergingen fast zwei Jahre, ehe es zur Anklage und · im Februar 1975 · zum Prozeß gegen Karl P. kam.

Glücksfall: Senat

und junger Anwalt

Erst da hatte der bedauernswerte Mann Glück im Unglück: Ein hervorragender Geschworenensenat bemühte sich eine Woche lang gewissenhaft um die Wahrheitsfindung · und ein junger Anwalt, der von der

Unschuld P.'s überzeugt war, verteidigte diesen mit atemberaubender Brillanz: Dr. Karl Bernhauser.

Bernhauser, der damit über Nacht berühmt wurde und heute zu den besten Strafverteidigern Österreichs zählt, auf die Frage, warum er von der Glaubwürdigkeit dieses Angeklagten von Anfang an überzeugt

war: "Er hat mir gesagt, daß es ihm egal ist, ob er in Haft ist" · tatsächlich war P.'s Leben bis dahin nur elend und armselig verlaufen, so daß es ihm wohl wirklich egal war ·, doch einen Satz habe

P. fast wie eine Beschwörung wiederholt: "Ich will kein Mörder sein."

Die einwöchige Hauptverhandlung förderte denn auch nichts zutage außer, Punkt für Punkt, die Schuldlosigkeit des Angeklagten. Allein die Verlesung des "Geständnisses" vor der Polizei bewies dies,

hatte P. die Kleidungsstücke des Opfers doch gänzlich falsch beschrieben. Und als vollends grotesk erwies sich die Annahme, eine kreisrunde Verletzung, die Wochen später am Handteller P.'s

festgestellt wurde, sei durch einen Bleistiftabdruck entstanden. (Tatsächlich hatten Zechkumpane P.'s eine brennende Zigarette dort ausgedrückt.)

Wie es nun heißt, ist der nunmehr per "genetischem Fingerabdruck" mit großer Wahrscheinlichkeit Überführte einer von seinerzeit 14 Verdächtigen gewesen. Und daß die Ermittlungen gegen ihn seinerzeit

eingestellt wurden, "nachdem ein anderer Mann die Tat gestanden hatte". Davon war seinerzeit allerdings nichts bekannt geworden. Insbesondere der Prozeß im Jahr 1975 gestattete den Eindruck, daß die

Polizei spätestens von jenem Moment an, als sie Karl P. hatte, keinerlei Anstrengungen mehr unternahm, nach weiteren Verdächtigen zu suchen. Eher mußte man zum Schluß gelangen, daß sich alles auf P.

konzentriert hatte.

Freigesprochen, aber

nicht für die Umwelt

Die Hauptverhandlung gegen Karl P. endete schließlich · nachgerade zwangsläufig · mit einem Freispruch. Doch P., der schon zuvor auf Grund seiner intellektuellen Minderbegabung von seiner Umgebung

allenfalls geduldet, aber nie gemocht worden war, half dies gar nichts. Der "Mangel an Beweisen" blieb an ihm haften · bis heute. Bleibt zu hoffen, daß ihm im Zuge der jüngsten Entwicklung wenigstens

die Haftentschädigung zugesprochen wird, die ihm bisher verweigert wurde.

Wie es nun heißt, habe eine Sonderkommission nach dem Freispruch den Fall weiter verfolgt, ohne einem der 14 Verdächtigen die Tat nachweisen zu können. Vier von ihnen sind mittlerweile verstorben.

Neue kriminaltechnische Möglichkeiten wie die DNA-Analyse führten nun zur Wiederaufnahme der Ermittlungen. Von den noch lebenden Verdächtigen · unter ihnen P. · wurde mit deren Zustimmung ein

Mundhöhlenabstrich vorgenommen und mit den 1973 sichergestellten Haarspuren des mutmaßlichen Täters verglichen.

Dadurch kam es zur Festnahme des 55jährigen verheirateten Schlossergesellen an dessen Wohnadresse in Wien-Landstraße. Er wurde mittlerweile nach Wiener Neustadt überstellt, zeigte sich aber zunächst

nicht geständig.