Wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtete, fanden sie in Gansu nicht nur römische Befestigungsanlagen. In dem Dorf Zhelaizhai, im Kanton Yongchang, stießen sie auf Bewohner

mit eindeutig mediterranem Einschlag und · für chinesische Verhältnisse · ungewöhnlichen Sitten.

Einer von ihnen ist der 39jährige Song Guorong, der stattliche 1,82 m mißt. "Mein Vater erzählte mir, daß unsere Vorfahren aus dem Westen seien", sagt Song. "Er selbst hatte brünette Haare und blaue

Augen, so wie die Europäer, die ich auf Fotos gesehen habe." Anthropologen zufolge ist es denkbar, daß derartige Körpermale über Jahrhunderte hinweg bestehen konnten.

Die sieggewohnten römischen Legionen erlitten 53 v. Chr. eine verheerende Niederlage: Die kriegerischen Parther besiegten sie in der Schlacht von Carrhae, dem heutigen Harran im Südosten der Türkei.

Den von Xinhua zitierten Experten zufolge starben damals auf dem Schlachtfeld mehr als 45.000 Legionäre; rund 6.000 hätten aber überlebt und die Flucht ergriffen.

Die römischen Geschichtsschreiber stellen die Dinge allerdings etwas anders dar: Nur 6.000 Legionäre hätten sich an der Schlacht beteiligt, an deren Ende der Befehlshaber Marcus Licinius Crassus

enthauptet wurde. Mit ihm seien weitere 5.500 Legionäre von den Parthern umgebracht worden. Die übrigen 500 seien als Sklaven gehalten und erst 33 Jahre später freigelassen worden.

Hinweise auf eine Flucht der Legionäre in das 5.000 km entfernte China finden sich in den römischen Quellen nicht. Allerdings war den Römern das Reich der Mitte unbekannt. Sie vermuteten lediglich,

daß es im Osten ein sagenumwobenes "Land der Seide" gab.

In den Annalen der chinesischen Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) ist jedoch von der Begegnung mit einer fremden Armee die Rede, die eine Kriegstaktik wie die Römer angewendet habe. Deren

Soldaten hätten sich ergeben und seien schließlich nach China weiter gezogen, wo sie sich dann in einem Dorf namens Liqian ansiedelten.

Tatsächlich entdeckten die Archäologen in der Nähe von Zhelaizhai eine Karte aus dem Jahr 9 v. Chr., auf der die Buchstaben "li-qian" eingetragen sind. Damit scheint auch das Rätsel um die früher

gemachten Grabfunde · rund 2.000 Jahre alte Skelette großgewachsener Menschen und braune Haarbüschel · gelöst. Weiters fanden die Forscher eine Bronzemedaille mit der Aufschrift "zhao'an", was

bedeutet, daß ein chinesischer Herrscher feindlichen Soldaten Amnestie gewährte. Die Medaille könnte vom Helm eines römischen Legionärs stammen.

Abgesehen von diesen Funden lassen die Forscher die merkwürdigen Sitten in der Region aufmerken. So veranstalten die Bewohner von Zhelaizhai Stierkämpfe in ihrem Dorf, eine höchst unchinesische

Tradition, die auf die Römer zurückgehen könnte.

Unabhängig davon, was weiterführende Recherchen ans Licht bringen werden · die örtlichen Behörden sind entschlossen, vom Rätsel ihrer Vergangenheit zu profitieren: Sie ließen schon einmal ein

Gasthaus und einen Marktplatz nach römischem Stil bauen, die Touristen anziehen sollen.